Alle unter einem Dach: Eine WG für Senioren im ehemaligen Kloster in Merten

Alle unter einem Dach : Eine WG für Senioren im ehemaligen Kloster in Merten

Im ehemaligen Mertener Kloster ist eine WG für Senioren mit elf Zwei-Zimmer-Wohnungen entstanden. In gemeinsamen Räumlichkeiten wird gespielt, diskutiert und gegessen.

Wenn Hildegard Böhler aus den Fenstern ihres Wohnzimmers blickt, sieht sie die Kirche von Merten, Hemmerich und die Dörfer des Vorgebirges. Diesen Blick hatten früher Patienten des ehemaligen Mertener Krankenhauses Zur Heiligen Familie. Mit dem Umbau des ehemaligen Klosters entstanden in der dritten Etage elf Zwei-Zimmer-Wohnungen zwischen 40 und 70 Quadratmetern.

Böhler bewohnt seit Ende Juni 2017 eine gemütliche Eckwohnung, zu ihren Nachbarn pflegt sie intensive Kontakte. Denn den Mietern geht es nicht um ein bloßes Tür-an-Tür-Wohnen, sondern um Gemeinschaft. So wird in gemeinsamen Räumlichkeiten gespielt, diskutiert und gegessen. Mittelpunkt der Etage ist der Gemeinschaftsraum mit einem großen Tisch in der Mitte, den jeder auch für private Besucher nutzen kann. In der Gemeinschaftsküche treffen sich die Bewohner zu der einen oder anderen Mahlzeit. „Im großen Kühlschrank können wir Sachen unterbringen, wenn wir in unseren Wohnungen keinen Platz mehr haben“, erklärt Ignaz von Spee.

Er ist ein „Neuling“, kam er doch erst im April dazu. Längere Zeit war der 62-Jährige aus Neuss auf der Suche nach einer Wohngemeinschaft, bis er vom Mertener Konzept erfuhr. „Ich habe mich regelrecht beworben. Ungefähr drei Monate kam ich samstags regelmäßig zum Frühstück, damit die anderen Bewohner und ich uns besser kennenlernen“, sagt von Spee und lacht.

Hildegard Böhler hat sich dagegen schon früh bei dem Projekt der Gemeinnützigen Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe (GFO) eingebracht, das Teil einer generationenübergreifenden Wohnstätte und einem Ort der Begegnung ist. Denn zu dem „Klostergarten Merten“ gehören beispielsweise auch ein Kindergarten des Lazaruswerks, die Gruppe Jonas für minderjährige Flüchtlinge, das Mutter-Kind-Haus Aline für unterstützungsbedürftige Familien und das Seniorenzentrum St. Elisabeth.

Auf einen Kaffee und kurzen Plausch zur Nachbarin

Bereits nach der ersten Infoveranstaltung 2015 haben Böhler und fünf Interessenten ein Konzept für die gemeinsamen Wohnräume und das Zusammenleben entwickelt. Diese Kerngruppe hat sich dann auch die künftigen Mitbewohner ausgesucht – mit der Zustimmung der Gemeinnützigen Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe als Betreiberin. „Es ist ein wunderbares Wohnen hier“, schwärmt Böhler. Mit den meisten verbindet sie mittlerweile ein enges Verhältnis. Fast jeden Tag klingelt sie bei Annerose Schönemann auf einen Kaffee und einen kurzen Plausch.

Und das genießt auch Schönemann (58), die 36 Jahre lang im Siegerland lebte. „Im Siegerland war ich trotz meiner Berufstätigkeit allein und einsam. Dort bleiben die Menschen für sich. Deshalb habe ich nach einer Wohngemeinschaft im Rheinland gesucht, da mir die Rheinländer sympathisch sind. Und zum Glück hat es geklappt. Hier bin ich zwar auch allein, aber nie einsam.“

Jeden ersten Dienstag im Monat ist Spieleabend, jeden zweiten und vierten Dienstag trifft sich die Gruppe zur „Lagebesprechung“, da sich die Bewohner zwischen 52 und 82 Jahren rege an den Aktivitäten am Standort beteiligen. Ob beim Sommerfest, als Vorlesepaten im Kindergarten oder als Gedächtnistrainer im benachbarten Seniorenzentrum St. Elisabeth. Der eine oder andere engagiert sich darüber hinaus bei der offenen Bühne im Kulturcafé oder unternimmt Spaziergänge mit Gehbehinderten aus dem Seniorenzentrum oder aus den Seniorenwohnungen Paulinenhof.

Gemeinsames Frühstück am Samstag

Das Kümmern wird auch innerhalb der Wohngemeinschaft großgeschrieben. „Als ich meine Rückenoperation hatte, kam jeder vorbei, half mir oder machte Besorgungen. Das war eine tolle Erfahrung“, bringt es Böhler auf den Punkt. Annerose Schönemann kann sich heutzutage keine andere Wohnform mehr vorstellen, auch wenn noch nicht alles hundertprozentig rund läuft.

„Wenn ich mit anderen zusammenlebe, muss ich mich mit anderen Wertvorstellungen auseinandersetzen. Und das braucht seine Zeit“, so von Spee. Das sieht Böhler anders, da der letzte Mitbewohner gerade erst eingezogen sei. „Es müssen doch erst einmal alle richtig da sein“, findet sie.

Zum besseren Kennenlernen dient auch das gemeinsame Frühstück am Samstag: im Sommer auf der Dachterrasse, im Winter in der Gemeinschaftsküche. Eine Senioren-WG empfindet keiner von ihnen als ungewöhnlich. „Alte Menschen sind manchmal jünger als die Jungen. Für mich kann ich sagen: Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, meint Böhler.

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