Gespräch mit Franz Martin Willizil: „Das hat mir in der Seele weh getan“

Gespräch mit Franz Martin Willizil : „Das hat mir in der Seele weh getan“

22 Jahre war Franz Martin Willizil Teil der Kultband Höhner. Er verhalf kölschen Evergreens wie „Hey Kölle, do bes e Jeföhl“ und „Kumm, loss mer fiere“ gesanglich zur Premiere. Der 53-Jährige im Gespräch zum Start in die jecke Session.

Bornheim hat sich heimlich zum Rückzugsort für kölsche Karnevalisten gemausert. Was ist der Grund dafür, dass Jens Streifling (Höhner), der Schrader (Räuber) und Sie im Vorgebirge leben – liegt es am guten Wasser oder der Autobahnanbindung?

Franz Martin Willizil: Hierhin gezogen sind wir, weil Bornheim genau in der Mitte liegt zwischen Köln, meinem Geburtsort, und Bonn, dem Geburtsort meiner Frau. Wir haben uns fürs Vorgebirge entschieden, weil hier eine wunderschöne Natur ist, gute Luft und man hat eine gute Anbindung an die Orte, wo man hin muss.

Obwohl Köln vom Städtebaulichen her keine Schönheit ist, ist die Liebe zu Köln sehr ausgeprägt. Bis in den Westerwald oder die Eifel singen Menschen „Hey Kölle, du ming Stadt am Rhing“. Wie ist diese regionale Identifikation erklärbar?

Willizil: Das liegt nicht nur an der Struktur einer Stadt oder am Städtebau. Das hat viel mit den Leuten zu tun, die dort ansässig sind. Das ist so ein bestimmter Menschenschlag – völlig unabhängig von irgendwelchen Häusern. Und dann gibt es Fixpunkte wie den Dom. Wir haben im Lied „Hey Kölle“ ja leicht anklingen lassen, dass Köln im Krieg fast mit dem Leben bezahlt hat, aber wieder aufgestellt wurde. Oder dass es Ecken gibt, die grau und kalt sind – und trotzdem heißt es: Hey Kölle, do bes e Jeföhl.

Wegen der Ereignisse in der Silvesternacht haben Sie jetzt neue Zeilen von „Hey Kölle“ geschrieben.

Willizil: Ich hatte vor kurzem ein Konzert im Kölner Domforum. Von dort guckt man genau auf die Domplatte. Die ganze Zeit nach Silvester schon war es mir unerträglich, dass Köln seitdem als Synonym für sexuelle Übergriffe und Gewalt stand. Das hat mir in der Seele wehgetan. Da dachte ich, mal etwas dagegen zu halten. Ich habe eine neue Anfangszeile geschrieben, die erst mal wie eine Ballade rüberkommt. Da merkte ich, dass die Leute gebannt zuhören. Dann kam der Refrain, der in den schnellen Rhythmus überging. Das war wie ein Befreiungsschlag. Köln ist ein Gefühl: Und das ist nicht abhängig von dem, was gerade so passiert.

Am Freitag ist Elfter im Elften. Wie bereitet sich ein Profimusiker im Karneval darauf vor, an Sessionswochenenden an mehreren Stellen gleichzeitig zu sein?

Willizil: Es sind ja keine abendfüllenden Konzerte. Aber das Schwierige für die Gesundheit ist der ständige Wechsel von Kälte und Wärme. Da muss man körperlich fit sein. Ich habe einen Crosstrainer, und ich gehe viel spazieren an der frischen Luft. Das kann man im Vorgebirge bestens. Das ist ein Grund, warum ich das Vorgebirge so gerne mag.

Sie haben auch am 11.11. Geburtstag – um 11 Uhr abends, also 23 Uhr, geboren. Da war doch der Weg ins kölsche Brauchtum vorgezeichnet?

Willizil: Ja, das ist ein markantes Datum. Schon vor meiner Zeit als Karnevalist war ich Musiker – Rock und Blues aber mehr. Ich bin durch Zufall bei den Höhnern reingerutscht. Mit den Höhnern wurde das Musikmachen aber immer professioneller.

Und dann wurde eine Profession daraus...

Willizil: Richtig. Das ging so weit, dass mir morgens in der Spedition, in der ich arbeitete, der Kopf auf den Tisch gefallen ist, weil ich wegen der vielen Karnevalsauftritte so müde war. Dann musste ich mich entscheiden und habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Die Karnevalszeit ist sehr kurz und besteht, wie Henning Krautmacher sagt, aus den drei Bs: Bühne, Bus und Bett. Mit der Kölsch-Fraktion achten wir jetzt sehr darauf, dass alles zeitlich zu schaffen ist.

Statt großer Prunksitzungen setzen viele KGs eher auf „Karnevalspartys“. Ist das ein Marktsegment, das die Kölsch-Fraktion bedient?

Willizil (denkt lange nach): Jein. Man sollte zu dem stehen, was man gut findet und machen will. Es gibt natürlich wunderbare Partys, wo wertgeschätzt wird, was man macht. Und dann gibt es welche, wo es nur ums Trinken und Flirten geht – das ist nicht so mein Ding. Stimmung machen können wir gut. Aber wenn vor dir eine Menge steht, die gar nicht interessiert ist, sondern sich selbst abfeiern, wird's schon schwieriger. Es gibt noch einen anderen Trend: raus aus den Sitzungssälen, rein in die gemütlichen Kneipen. Der Rahmen ist zwar kleiner, aber die Leute hören da auch zu, und wir können auch mal einen leisen Song spielen.

Was ja Ihrem Naturell entspricht...

Willizil: Genau. Man merkt, dass die Leute auf die Texte hören. Da gibt es etwa die KG „Nix em Büggel“, die einen Song von mir als KG-Namen nutzen. Die machen ganz bewusst Kneipensitzungen. Inzwischen sind es vier Veranstaltungen pro Session – immer rappelvoll. Die Leute hängen dir an den Lippen und wir können auch eine besinnliche Ballade spielen. Das ist Karneval, so wie ich ihn mag.

Im Vorgebirge gibt es viele Anhänger des 1. FC Köln. Sie sind sogar Ehrenmitglied des emsigen FC-Fanklubs „Hätzbloot Vürjebirch“. Denken Sie beim Blick auf die Tabelle schon an europäische Partien in Dnipropetrowsk und Qäbälä oder gar in Mailand und Madrid?

Willizil: Die Tabelle kann man sich tatsächlich einrahmen momentan. Für mich war es früher wichtig, dass der FC im Europapokal spielt. Heute ist wichtig, dass die Mannschaft mit Hätzbloot spielt und kämpft. Was dabei rumkommt... Ein guter Fan macht genau das, was wir in der FC-Hymne besungen haben: Man geht durch Dick und Dünn – janz ejal wohin. Deswegen bin ich gelassener geworden. Wenn der FC mal verliert, gut – dann es it halt esu. In den letzten Wochen spielen sich die Jungs aber die Seele aus dem Leib.

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