Frieden in Nahost: Vom Israel-Freund zum Israel-Kritiker

Frieden in Nahost : Vom Israel-Freund zum Israel-Kritiker

Bis zu seinem 73. Lebensjahr hatte Siegfried Ullmann, der 1931 in Rheydt (heute Mönchengladbach) geboren und durch seine Kriegserlebnisse und die sich anschließende Zivildienstzeit im Internationalen Friedensdienst geprägt wurde, eine pro-israelische Haltung.

Heute nimmt der seit 1960 in der Gemeinde Alfter ansässige 84-jährige pensionierte Agraringenieur Israel gegenüber eine wesentlich kritischere Haltung ein. Gut 140 Rundbriefe hat der Witterschlicker per E-Mail bereits an mehr als 400 Adressaten verteilt. Darin enthalten sind Hinweise auf Beiträge im Internet über die Entwicklung im Nahen Osten sowie Zeitungsartikel zu dem Thema.

Wie wurde aus dem Israel-Freund ein Israel-Kritiker? Den Ausschlag gab 2004 eine Lesung von Rupert Neudeck aus dessen Buch "Ich will nicht mehr schweigen". Neudeck, Der Cap-Anamur-Gründer aus Troisdorf, berichtet darin von seiner Reise durch Israel und Palästina. Ullmann: "Es bewegt und erschüttert mich immer wieder, wenn ich erfahre, wie den Palästinensern die Lebensgrundlagen entzogen und auf alle erdenkliche Weise ihre Würde genommen wird.

Da kann ich nicht mehr schweigen und sehe mich im Rahmen meiner Möglichkeiten zum Handeln gezwungen", erklärt Ullmann sein Engagement, das auch von seiner Frau Gudrun unterstützt wird. Sie war es auch, die ihn dazu brachte, seine ursprünglich auf der Schreibmaschine verfassten Rundbriefe seit nunmehr zwei Jahren mit dem Computer zu schreiben und alle zwei Wochen als "Newsletter" zu versenden.

Ullmann befasste sich dann intensiver mit der israelischen Besetzung palästinensischer Gebiete. Einer der Auslöser für seinen Einsatz war die Beschlagnahmung des Grundwassers durch Israel, zu Ungunsten der Palästinenser, die keine Brunnen mehr vertiefen oder neu anlegen durften. Mit seinem Rechtsempfinden sei es nicht zu vereinbaren, dass der Grundsatz "Rückgabe oder Entschädigung" nur für geraubtes jüdisches Eigentum gelte, nicht aber für das Eigentum der Palästinenser, die 1948 alle Eigentumsansprüche auf ihre Häuser und anderen Grundbesitz verloren, wenn sie nur 24 Stunden abwesend waren. "Und auch jetzt noch kann ihr Agrarland, also ihre Lebensgrundlage", berichtet der Landwirtschaftsexperte Ullmann, "in den völkerrechtswidrig besetzten Gebieten jederzeit entschädigungslos zugunsten der illegalen Siedlungen enteignet werden."

Die Ullmanns sind inzwischen gut vernetzt. Sie stehen im Austausch mit prominenten Friedensaktivisten wie Rupert Neudeck, Evelyn Hecht-Galinski, der Tochter von Heinz Galinski, dem früheren Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, und auch Uri Avnery, dem langjährigen Knesset-Abgeordneten und mehrfachen Friedenspreisträger, der in Israel für die Koexistenz zweier Staaten kämpft.

Ab und zu kann sich Siegfried Ullmann darüber freuen, dass seine Anfragen und Kritiken gehört und beantwortet werden. So ist er aktuell auch im Dialog mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach, einem der wenigen Politiker, die auf seine Forderungen nach einer veränderten Israel-Politik nicht mit Standardformulierungen reagieren.

Ullmann: "Auch jüdische Friedensaktivisten lesen meine Rundbriefe und danken für meine Unterstützung, zum Beispiel Reuven Moskovitz, Rolf Verleger und Felicia Langer. Meine Rundbriefe werden auch in der Schweiz, in Frankreich, Österreich, im Gazastreifen, in Jerusalem und Ramallah gelesen. Bisher gab es hinsichtlich der genannten Fakten noch keine Beanstandungen."

"Viele Adressaten bedanken sich", beschreibt Ullmann die Resonanz. Es gebe aber auch einige Stimmen, die der Ansicht seien, so könne man Israel nicht kritisieren. Das sieht Ullmann anders: "So sehr mich und meine Frau die unvorstellbaren Verbrechen, die von den Nationalsozialisten an den Juden begangen wurden, erschüttern, so erschüttert uns in gleicher Weise das Unrecht, das den Palästinensern zugefügt wird. Ein Verbrechen ist ein Verbrechen, ganz gleich, von wem es begangen wird." Der Ausspruch von Papst Bonifatius VIII., "Wer schweigt, erweckt den Anschein, als stimme er zu", ist zum Leitmotiv ihres Handelns geworden.

Ullmann war noch nie in Israel und hätte auch Sorge, dass ihn "das Erleben der dortigen Ungerechtigkeiten" und die Kontrollen und Befragungen durch bewaffnete Soldaten zu sehr belasten würde. Das Ehepaar unterstützt die Schule des Berliner Missionswerkes Dar Al-Kalima durch Patenschaften.

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