Familienpaten in Alfter und Bornheim: Sie schenken Zeit, die anderen fehlt

Familienpaten in Alfter und Bornheim : Sie schenken Zeit, die anderen fehlt

Sieben Frauen beteiligen sich in Alfter und Bornheim an dem Familienpaten-Projekt. Sie unterstützen stundenweise Alleinerziehende oder Elternpaare, die unter der Doppelbelastung durch Familie und Beruf leiden.

Für die elfjährige Melina und neunjährige Schwester Anja ist sie schon wie eine ältere Freundin. Seit mehreren Wochen kümmert sich die 60-Jährige aus Alfter einmal in der Woche um die beiden Mädchen. Jeden Dienstagnachmittag unternimmt Karin H., die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, mit ihnen etwas. Mal spielen sie Gesellschaftsspiele, mal gehen sie Eis essen oder kümmern sich um Zucchini, Radieschen, Möhren und Co. im Nutzgarten der 60-Jährigen, den sie gemeinsam angelegt haben. Karin H. schenkt den Mädchen und ihrer Mutter Andrea Pohl (Name von der Redaktion geändert) Zeit, damit die Alleinerziehende ein wenig „durchschnaufen kann und Zeit für sich hat“.

Karin H. ist Zeitschenker. Sie beteiligt sich am gleichnamigen gemeinsamen Projekt der katholischen Familienzentren Sankt Matthäus Alfter und Sankt Sebastian Roisdorf (siehe Infokasten). Sie habe die Idee von Anfang an toll gefunden, sagt die 60-Jährige. „Ich kenne die Situation aus eigener Anschauung. Denn als meine Tochter neun Jahre alt war und ich wieder halbtags arbeitete und manchmal auch länger im Büro sein musste, fehlte mir häufig eine Betreuung von ein bis zwei Stunden. Diese Erfahrung war für mich ein wesentlicher Grund, bei den Zeitschenkern mitzumachen“, erklärt sie ihre Motivation.

Für Andrea Pohl ist sie „ein wahrer Glücksfall“. Denn nicht nur die räumliche Nähe – beide Familien wohnen in derselben Straße –, sondern auch Karin H.s Engagement ist für sie unbezahlbar. Die 48-Jährige ernährt die Familie mit vier kleinen Jobs und weiß oft nicht, wie sie alle Termine unter einen Hut bringen und sich dabei auch noch um ihre Töchter kümmern soll.

Die Alleinerziehende verdient den Familienunterhalt mit Putzjobs

Die gebürtige Nürnbergerin studierte in der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft Eurythmie, arbeitete anschließend zehn Jahre lang in dem Bereich und war später als Eurythmiebetreuerin in Halle an der Saale tätig, bevor sie 2013 mit ihren Töchtern wieder nach Alfter zog. „Die Arbeit als Betreuerin in Halle war so anstrengend, dass ich beschloss, eine Zusatzqualifikation als Heileurythmistin zu absolvieren. Deshalb zogen wir zurück nach Alfter. Das Studium im ersten Jahr habe ich jetzt hinter mir. Nun bin ich im Praktikum. Noch fehlt die Abschlussarbeit“, erzählt Pohl.

Wann sie ihre Examensarbeit zu Papier bringen kann, weiß sie nicht, denn „ich putze unter anderem im Herrenhaus Buchholz, in der Alanus Hochschule, in Privathaushalten und behandle im Praktikum Patienten. Die Zeit ist einfach knapp.“ Knapp ist auch das Geld. Sie müsse mit jedem Cent rechnen, um über den Monat zu kommen. Einen Antrag auf finanzielle Unterstützung habe das Jobcenter in Alfter abschlägig beschieden – sie hätte zuerst ihre Lebensversicherung auflösen sollen.

Die Töchter genießen es, mit der Zeitschenkerin zu spielen

Jetzt muss sie zu allem Übel auch noch eine neue Wohnung suchen, denn zum Ende des Jahres hat der Vermieter wegen Eigenbedarf der Familie gekündigt. „Als alleinerziehende Mutter ohne Bürgschaft eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist sehr schwer. Außerdem möchte ich gerne in Alfter wohnen bleiben, da die Mädchen hier ihre Freunde haben und sich selbstständig bewegen können“, sagt Pohl.

Bei Pohls wird Musik groß geschrieben. Melina und Anja besuchen die Waldorfschule in Bonn-Tannenbusch und spielen Flöte, Melina zusätzlich Klavier und Geige. Die beiden Schülerinnen haben sich daran gewöhnt, dass ihre Mutter kaum Zeit für sie hat und sie vieles zu Hause alleine machen müssen. Um so schöner finden sie es, wenn sie bei Karin H. im Garten spielen oder sich dort abends mal im Fernsehen ein Fußballspiel ansehen dürfen.

Andrea Pohl, die beim Jugendamt von den Zeitschenkern erfuhr, und die 60-jährige Nachbarin sind mittlerweile freundschaftlich verbunden. „Ich habe Andrea ziemlich schnell das Du angeboten, da sie mir mit ihren Kindern das Wichtigste anvertraut, das sie hat“, sagt Karin H.

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