Sport und Religion: Pfarrer vermittelt mit Baseball christliche Werte

Sport und Religion : Pfarrer vermittelt mit Baseball christliche Werte

Pfarrer Andreas Schneider nutzt den US-Sport in der Jugendseelsorge. Bei den Kindern und Jugendlichen kommt das sehr gut an. Selbst ein stilechtes Maskottchen haben die "Kottenforst Saints" mittlerweile.

Pfarrer Andreas Schneider steht leicht erhöht, inmitten seiner Schäfchen. Die Gemeinde lauscht ihm. "Shit happens", bricht es aus ihm heraus, als ein Baseball weit am Mitspieler vorbeifliegt. Sein Einsatzort ist heute nicht in der Kirche, sondern er steht auf dem "Pitcher"-Hügel des Baseballfeldes seiner Pfarrei in Witterschlick. Schneider ist nicht nur evangelischer Pfarrer, sondern auch Baseballtrainer im Auftrag des Herrn. An diesem Tag trainiert er die Elf- und Zwölfjährigen.

Während seines Zivildienstes hat Schneider über einen Mit-Zivi das Spiel kennengelernt, bei dem es darum geht, mit einem Schläger den Ball in ein rautenförmiges Feld zu dreschen und so schnell wie möglich die vier Stationen (Bases) abzulaufen. Lederne Baseballhandschuhe hat er auch geschenkt bekommen - aber zunächst schnell wieder eingemottet und vergessen. Bis zu einer Konfirmandenfreizeit in seiner ersten Gemeinde, der Bonner Johanniskirche. "Beim Packen habe ich zufällig die Handschuhe gefunden und einfach mit in die Tasche geworfen", erklärt der 51-Jährige.

Bei den Jugendlichen kam es gleich gut an, erinnert sich Schneider. "Ich erkannte einen wesentlichen Vorteil gegenüber dem sonst üblichen Fußballspielen: Während beim Kicken die Jungs durch Vereinserfahrung immer die Guten waren und die Mädchen höchstens ins Tor gewählt wurden, waren die Mädchen beim Baseball oft sogar besser." Schneider schaffte eine Trainingsausrüstung an - und seit 2004 spielen Konfirmanden Baseball.

Schneider, der in Wuppertal und Bonn Theologie studiert hat, entdeckte nicht nur den sportlichen Geschlechterausgleich. "Das Spiel hat eine Menge mit den Werten unseres Glaubens gemeinsam", so der gebürtige Siegener. "Es ist die einzige Sportart, bei der es darum geht, nach Hause zu kommen", erklärt er kaugummikauend in Bezug auf die sogenannte Homeplate. Das ist der Zielpunkt des Spiels, benannt nach dem "Zuhause", englisch "home". Es sei wie im Glauben: Frieden zu suchen und zu Gott nach Hause zu finden.

"Was bist du denn für ein Pazifist? Fester!"

Von Trainer Schneider hört man aber auch Sätze wie: "Was bist du denn für ein Pazifist? Fester!", als Jacob seinen Handschuh zu sanft einsetzt. Auch auf der Kanzel überrascht der Pfarrer gerne mal mit salopperen Ausdrücken. Sein Baseball-Engagement beschränkt sich längst nicht mehr auf das Konfirmandenwochenende. "Den Jugendlichen hat die Erfahrung so viel Spaß gemacht, dass sie mich nach weiteren Möglichkeiten fragten", so Schneider.

Durch die Nähe zum Bundesligaverein Bonn Capitals organisierte der Pfarrer mit der Unterstützung von Profispielern ein Wintercamp in der Halle. Doch einmal mit dem Baseball-Fieber infiziert, wollten die Aktiven mehr. 2006 bildete Schneider eine feste Baseballgruppe: die Kottenforst Saints.

Mittlerweile tragen bei drei Trainingseinheiten Kinder ab sechs Jahren, Jugendliche und Erwachsene das Logo, ein großes "S" mit Heiligenschein, auf Kappen und Trikots. Einmal im Jahr findet ein Baseball-Gottesdienst statt. In Eigenleistung und mit Spenden baute die Gemeinde ein eigenes kleines Spielfeld auf. Coach Schneider, der im vorigen Jahr seine C-Trainerlizenz gemacht hat, erklärt: "Wir sehen uns als Unterstützer-Team für die Capitals in Bonn."

Auch die Söhne schwingen den Schläger

Schneiders Söhne schwingen ebenfalls für die Saints den Schläger. Ich finde es schön, dass der Vater mit seinen Jungs ein gemeinsames Hobby hat und Zeit mit ihnen verbringt", sagt seine Ehefrau Christiane. Auch wenn sein sportlicher Einsatz recht zeitintensiv ist, erkennt die Gemeindeleitung die Wichtigkeit dieser Arbeit an. "Wir müssen sehen, wie wir als Kirche die Menschen heutzutage erreichen. Ich treffe die Kinder beim Baseball auf einem anderen Level", sagt Schneider.

"Wir wollen den Kindern Werte vermitteln, die ihnen auch außerhalb des Feldes helfen sollen", sagt er. Zum Beispiel: "Können wir dem Schiedsrichter eine Fehlentscheidung verzeihen?" Die christlichen Baseball-Ansätze fasste er in einem Buch zusammen. Im Saisonführer "9 Innings" schrieb er gemeinsam mit Simon Gühring, einem früheren deutschen Spieler aus der amerikanischen Profiliga, ein handliches Büchlein mit Anregungen zu Teamwork, Selbstzufriedenheit und Motivation - passende Bibelstellen inklusive.

Ein wichtiges Thema für Schneider ist nach eigenem Bekunden zudem die Ökumene. Er unterstützt den "Asylkompass Alfter" als Koordinierungsstelle für die ökumenische Flüchtlingsarbeit. Kinder aller Religionen - auch geflüchtete - können in den Sommerferien an dem von ihm organisierten Zirkus-Workshop teilnehmen.

Am Ende findet eine eigene Vorstellung mit Pfarrer Schneider als Clown im großen Zirkuszelt statt - vorweg ein bunter Familiengottesdienst. Schneider heißt auch Katholiken in seinem Team willkommen. "Wir haben katholische Messdiener, denen ich sage, sie sollen den Schläger nicht wie ein Weihrauchfass schwingen", scherzt der Geistliche.

Mönch als Maskottchen

Das neue Maskottchen der Saints ist im Übrigen eine Franziskanermönchs-Handpuppe. "Der Luther sah gar nicht heilig aus", erklärt der Baseballpfarrer seine Entscheidung für "Saint Francis" und tauscht seine stylische Sonnenbrille gegen die Lesebrille. Er ruft die Spieler zusammen. "In den letzten 15 Minuten jeden Trainings halten wir eine Andacht ab."

Verschwitzt und verstaubt bilden die Saints einen Stuhlkreis. Jeder hat eine Bibel in der Hand. Der Pfarrer bespricht einen Vers, dann falten die Saints die Hände zum Gebet, das Schneider abschließt mit: "Wir bitten, dass Liv, die sich heute beim Training verletzt hat, schnell wieder gesund wird. Amen." Zehn Tage später gehörte Liv zu den erfolgreichen Saints beim NRW-Meister-Titel. (kna)

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