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Inklusion in Alfter: Initiative setzt sich für Menschen mit Behinderung ein

Behinderung im Berufsleben : Initiative setzt sich für Menschen mit Handicap ein

Eine Initiative aus Alfter setzt sich für Menschen mit Behinderung im Berufsleben ein. Ein Beispiel zeigt, wie schwer sie es auf dem Arbeitsmarkt haben.

Die Arbeitslosigkeit macht dem Alfterer Marcel Haag schwer zu schaffen. Denn für den 29-jährigen gestaltet sich die Arbeitssuche wesentlich schwieriger als für Andere, da er gehörlos ist. Vor einem halben Jahr wurde er betriebsbedingt gekündigt, seitdem sucht er eine neue Stelle. „Mir fällt mittlerweile ein wenig die Decke auf den Kopf“, erzählt der junge Mann, der sich sprachlich hervorragend artikulieren und von den Lippen ablesen kann.

„Uns haben seiner Zeit die Therapeuten geraten, keine Gebärdensprache zu verwenden. Denn er muss ja in einer hörenden Welt zurechtkommen“, erklärt Mutter Gabi Haag. Die 59-jährige hofft bei der Arbeitssuche auf die Unterstützung der Initiative Inklusiver Arbeitsmarkt Alfter, die seit ihrer Gründung 2014 immer wieder Menschen mit Handicap zu Praktika und Arbeitsstellen auf dem ersten Arbeitsmarkt verholfen hat.

„Es ist nicht immer immer einfach, verständnisvolle Arbeitgeber zu finden“, meinte denn auch Uwe Flohr, der mit seinen 80 Jahren erst seit kurzem ehrenamtlich für die Initiative tätig ist und schon bei dem einen oder anderen Beratungsgespräch entsprechende Erfahrungen gesammelt hat.

Marcel braucht ein Leben mit Struktur

Marcel Haag, der nach seinem Hauptschulabschluss in einer Kölner Schule für Schwerhörige eine Ausbildung zum Offset-Drucker absolvierte und bis Januar 2020 fast ununterbrochen in verschiedenen Unternehmen gearbeitet hat – in den vergangenen Jahren in der Lagerlogistik eines Dransdorfer Versandhandels – kann ein Leben ohne die Struktur der täglichen Arbeit nur schwer ertragen. Denn „es ist langweilig“.

Relativ früh ist der junge Mann von zu Hause ausgezogen. Selbständigkeit ist ihm ausgesprochen wichtig. Nur beruflich braucht er in der hörenden Welt manchmal technische Hilfsmittel wie ein entsprechendes Handy oder einen Gebärdendolmetscher für Betriebsversammlungen.

Kein finanzielles Risiko für Arbeitgeber

Für potenzielle Arbeitgeber sei die Einstellung eines Menschen mit Behinderung kein finanzielles Risiko, so Marie-Luise Hartung, Mitgründerin der Initiative. Denn Arbeitgeber erhielten einen Zuschuss für Lohn und technische Hilfsmittel. Bis zu 70 Prozent kann das Arbeitsentgelt für die Dauer eines Jahres gefördert werden, Arbeitshilfen im Betrieb können bis zu 100 Prozent erstattet werden. „Die Höhe der Zahlungen ist stets abhängig vom Grad der Behinderung und „Verhandlungssache zwischen der Arbeitsagentur und der Firma“, so Hartung.

Die Kosten übernimmt für das erste halbe Jahr die Arbeitsagentur, im Anschluss daran kommt der Landschaftsverband Rheinland oder die Rentenversicherung für die Zahlung der technischen Hilfsmittel auf.

Initiative will Menschen mit Handicap eine Chance geben

Erst zum zweiten Mal in ihrer kurzen Geschichte setzt sich die Alfterer Initiative für einen Betroffenen mit Hörschädigung ein. „Er hat genauso ein Recht auf Arbeit wie jeder Andere“, betont Flohr.

Marcel Haag hofft auf eine Stelle im Bereich Logistik im Raum Köln-Bonn. Die Größe des Unternehmens ist ihm egal. „Lagerlogistik, die Kommissionierung im Versand, hat mir auch bei der letzten Firma großen Spaß gemacht. In diesem Bereich würde ich gerne wieder arbeiten“. Seine Motivation, sich beruflich wieder engagieren, ist groß – ein Phänomen, das Hartung bei ihren Beratungsgesprächen mit behinderten Menschen immer wieder festgestellt hat.

Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit Handicap eine Chance für den Einstieg oder Wiedereinstieg in den Beruf sowie die Möglichkeit einer beruflichen Ausbildung zu geben. Mittlerweile ist die Organisation über die Grenzen der Vorgebirgsgemeinde hinaus bekannt geworden. Aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis lassen sich behinderte Menschen und ihre Angehörigen beraten.

2019 war für Hartung und Flohr ein Top-Jahr. Mit 38 Personen wurden ein oder mehrere Beratungsgespräche geführt, 20 Praktika sowie zwei feste Stellen konnten vermittelt werden. Durch den Kooperationsvertrag mit Edeka Mohr werden jährlich vier Praktikumsplätze zur Verfügung gestellt. „Das ist schon ein toller Erfolg. Aber der Ausbau des Inklusiven Arbeitsmarktes muss weiter vorangehen. Denn sonst geht das Thema des inklusiven Arbeitsmarktes wider verloren“, so Hartung.

Die Initiative Inklusiver Arbeitsmarkt Alfter berät jeden zweiten Montag von 15.30 bis 17.30 Uhr im Rathaus in Oedekoven. Der nächste Termin ist am 9. März. Eine Terminvereinbarung mit Anmeldung ist über Marie-Luise Hartung unter 02222/9 95 71 91 oder per E-Mail unter kontakt@iia-alfter.de möglich.