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Irreführende Bezeichnungen: Diese kuriosen Straßennamen gibt es im Vorgebirge

Irreführende Bezeichnungen : Diese kuriosen Straßennamen gibt es im Vorgebirge

Jungfernpfad, Katzentränke und Blutpfad. Im Vorgebirge gibt es viele kurios klingende Namen. Was es damit auf sich hat und welche Geschichten sich dahinter verbergen, erklären Bornheims Stadtarchivar und Alters stellvertretende Bürgermeisterin.

Es gibt etliche kurios klingende Straßennamen im Vorgebirge. Doch welche Bedeutung haben sie? Welche Geschichten verbergen sich dahinter? Zwei, die sich damit auskennen, sind Luise Wiechert (61), stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde Alfter und Mitglied im Förderverein „Haus der Alfterer Geschichte“, sowie Bornheims Stadtarchivar Jens Löffler (31). Anhand von Beispielen erklären die beiden, was es mit den einzelnen Bezeichnungen auf sich hat. Allerdings sind die Begründungen nicht immer eindeutig überliefert und beruhen auf Vermutungen von Heimatforschern aus der Region.

In der Gemeinde Alfter:

Am Herrenwingert (Alfter-Ort): „Zum Alfterer Schloss gehörte im 18. Jahrhundert eine Weinberganlage, die bis zum 19. Jahrhundert existierte“, erzählt Wiechert. „Sie erstreckte sich bis zum Mühlenweier. Ein Karte von 1753 von Johann Michael Wintzen belegt das. Der Weinberg gehörte der damaligen Fürstenfamilie Salm-Reifferscheidt. Das Wort 'Herren' bedeutet Herr, in dem Fall ist der Schlossherr gemeint. Das Wort 'Wingert' stammt aus dem Mittelhochdeutschen und heißt Weinberg (wîngarte). Die Bezeichnung 'Wingert' ist in unserer Region häufiger vertreten. Es gibt zwei Theorien, warum der Weinanbau am Schloss verschwunden ist. Die erste und meiner Ansicht nach glaubwürdigste ist, dass der Zünsler eingeschleppt wurde und die Weinpflanzen vernichtet hat. Eine andere These ist, dass die Preußen kein Interesse am Weinanbau hatten, der Luxus war, und die Bevölkerung lieber mit Nahrung wie Obst und Gemüse versorgen wollten. Somit konnten die Landwirte aufgrund des guten Lößbodens dreimal im Jahr ernten.“

Fuchskaulerbahn (Alfter-Ort):„Viele Waldwege wurden damals als Bahn bezeichnet. Sie sind eine typische Bezeichnung für die Herrlichkeit Alfters.“ Nach Angaben von Wiechert gibt es in der Gemeinde insgesamt 14 Waldwege, die auf -bahn enden. „'Kaul' bedeutet eine Delle beziehungsweise eine Kuhle in der Landschaft. Ob mit 'Fuchs' wirklich das Waldtier gemeint ist, ist möglich. Es könnte sich aber auch um einen Übersetzungsfehler handeln“, gesteht die Hobby-Historikerin. „Bahnen“ können sich aber auch auf Ortsteile beziehen wie „Olsdorfer Bahn“.

In der Proffen (Alfter-Ort):„Es handelt sich um ehemalige Weinanbauflächen, die besonders vor kalten Winden geschützt waren. Dort haben die Winzer Weinstöcke angezogen. Aufgepfropft, das ist eine Form der Veredelung. 'Proffen' kommt also von dem Wort 'Pfropfen'“, erklärt Wiechert.

Pelzstraße (Alfter-Ort): „Der Straßenname hat nichts mit Tierfellen zu tun“, betont Wiechert. Vielmehr handele es sich bei dem Wort 'Pelz' um dichtes Gras, Gestrüpp und Sträucher. „Im Mittelalter wurden Orte so bezeichnet, wie sie vorgefunden wurden. Ein anderes Beispiel ist die Straße 'Tonnenpütz'. Das Wort 'Pütz' ist immer ein Indiz für Wasser wie auch die Begriffe 'Pohl' und 'Broich'. 'Pütz' leitet sich vom lateinischen Wort 'puteus' ab und heißt Brunnen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es im 'Tonnenpütz' einen Dorfbrunnen – allerdings nicht im klassischen Sinne. Im oberen Teil des Erdreichs war ein Eisenrohr angebracht aus dem das Grundwasser von den Bewohnern abgezapft werden konnte. Weil es mehrere solcher 'Pütz'-Straßen gab, setzte die Bevölkerung noch ein charakteristisches Merkmal der jeweiligen Straße hinzu. Im 'Tonnenpütz' gab es nämlich einen Handwerksbetrieb, der Fässer und Tonnen herstellte.“

Strangheidgesweg (Alfter-Ort):Die Straße, in der Wiechert seit Jahren mit ihrer Familie wohnt, mutet zunächst makaber an: „Mit dem Strang zum Hinrichten hat dieser Name allerdings nichts zu tun – auch wenn Leute, die den Namen zum ersten Mal hören, das glauben. Vielmehr ist mit 'Strang' ein langer, schmaler Weg gemeint, der zu Heide führte. Die Heide befand sich nämlich dort, wo heute ein Standort der Alanus Hochschule ist, der Johanneshof.“

Jungfernpfad (Oedekoven): „Er ist Teil eines ehemaligen Wallfahrtsweges, der von Meckenheim-Lüftelberg, wo die Heilige Lüfthildes verehrt wird, nach Weilerswist geht. Der Weg führt um das Vorgebirge herum, über Alfter, Roisdorf, Bornheim, Brenig und Waldorf. Das Wort „Jungfern“ bezieht sich nach Ansicht von Wiechert auf die Legende über die drei römischen Jungfrauen und Schwestern Fides, Spes und Caritas, die sich für das Heil der Seelen und zu Ehren Gottes aufopfern wollten. Lüfthildis kam ihrem Wunsch entgegen, indem sie die drei Frauen einlud, nach Weilerswist zu gehen und dort um Christi Willen für das Wohl der Menschen zu wirken. Ihr Weg führte sie zuerst nach Lüftelberg, um die Geistliche zu besuchen und um ihr zu danken. Als die drei Schwestern von Lüftelberg Abschied genommen hatten, reisten sie über Alfter nach Weilerswist. Da zeigte Gott, dass er mit ihnen war und ebnete den Weg, den sie gingen. Blumen sprossen dort aus der Erde, wo ihre Füße traten, und als sie in die Nähe von Brenig kamen, begannen die Glocken von selbst zu läuten.

In der Stadt Bornheim

Am Ühlchen (Bornheim-Ort): In der Nähe der Straße liegt der kleine See Ühlchen, der auf dem Gelände des neuen Parks des Bornheimer Schlosses liegt. Vor dem Schloss gab es damals ebenfalls einen See, der heute nicht mehr existiert und wo sich heute der Volleyplatz befindet. Nach Löfflers Recherchen gibt es diverse Schreibweisen für das Wort „Ühlchen“. „Bei Heinrich Dittmaier, der das Buch 'Rheinische Flurnamen' geschrieben hat, werden die unterschiedlichen Schreibweisen aufgeführt – mit und ohne „h“. Ul heißt demnach Eule. Möglicherweise lebten Eulen in dem Privatpark, der Anfang des 20. Jahrhunderts im Stil eines Englischen Gartens angelegt wurde“, mutmaßt Löffler. Historische Fotos, die dem Stadtarchiv vorliegen, zeigen auch Fahrten mit dem Ruderboot auf dem See. Das Wort „Ul“ stammt aus dem Mittelniederdeutschen.

Ploon (Brenig):„'Ploon' leitet sich von dem lateinischen Wort 'Planum' ab und bezeichnet einen freien, ebenen, meist öffentlichen Platz. Die Ersterwähnung war im Jahr 1576 im Breniger Schatzbuch als 'Auf dem Plaen zu Brenig'. Hier Befand sich der 'Plöner Hof', der zur Kirche St. Aposteln in Köln gehörte, wo der 'Breniger-Plöner', ein Branntwein, hergestellt wurde, der bei den Marktbesuchern ein beliebtes lokales Getränk war“, sagt Löffler.

Hüling (Brenig): „Damit ist eine kleine Anhöhe gemeint. Die Ersterwähnung war um 1600 herum.“

Katzentränke (Kardorf):Dass dort früher Katzen ertränkt wurden, glaubt Löffler nicht. Vermutlich wurde die Tränke damals für Pferde gebaut. „Vielmehr steht das Wort 'Katze' sowohl für die ausgestorbene Wildkatze im Rheinland als auch für klein, minderwertig und schlecht. Somit könnte 'Katze' stellvertretend für 'schlechte Tränke' gestanden haben.“ Einen Beleg, dass es sich tatsächlich um eine minderwertige Pferdetränke gehandelt haben soll, liefert Zerlett. „Die Tränke wurde vom Donnerbach gespießt, der nur bei Gewitter Wasser führte, so dass im Sommer die Tränke immer trocken war.“

In der Liebefläche (Merten:) „Ersterwähnung als 'Leverflacht' im Mittelalter und schon vor 1470. Es handelt sich bei dem Straßennamen um keine geheime Liebesfläche – auch wenn es sehr nahe liegt. Der Heimatforscher Norbert Zerlett führt den Namen auf fränkische Wurzeln zurück und mutmaßte, dass dort ein fränkischer Friedhof gewesen sein soll. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Fläche nach einem Pächter namens 'Leven' benannt wurde. Der Name ist im Vorgebirge verbreitet“, erklärt Löffler.

Blutpfad (Roisdorf): „Nach Norbert Zerlett, ein Bornheimer Heimatforscher, handelt es sich bei dem 'Blutpfad' um einen Wallfahrtsweg nach Brenig. Der Ort selbst lag an der mittelalterlichen Heer- und Handelsstraße von Bonn nach Aachen. In der Kirche in Brenig befand sich eine Heilig-Blut-Reliquie, die wohl Kreuzritter mitgebracht hatten. So wurde Brenig im Mittelalter zu einem bedeutenden Wallfahrtsort. Über den Blutpfad zogen die Wallfahrer aus den umliegenden Orten singend und betend nach Brenig“, erklärt Löffler, Bornheims Stadtarchivar. Bei der Reliquie soll es sich um Jesus' Blut handeln, als er bereits am Kreuz hing. „Die Form der Aufbewahrung ist unklar“, ergänzt Löffler.

Am Freuden- oder auch Rosensonntag (4. Fastensonntag, Halbfasten), und am ersten Septembersonntag war mit der Heilig-Blut-Wallfahrt ein großer Markt verbunden. Oft kamen mehr als 40 Prozessionen bei der Festpredigt im Freien zusammen. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Markt immer größer. Zu den Hochzeiten des Marktes konnte die lokale Bevölkerung die Versorgung der Marktbesucher nicht mehr gewährleisten, so dass auswärtige Händler Getränke und Lebensmittel anboten. Wegen des Verlustes der Reliquie im Truchsessischen Krieg (1583 bis 1588), auch Kölner Krieg genannt, oder während der französischen Zeit um 1802, das ist nicht überliefert, verlor Brenig seine Bedeutung als Wallfahrtsort. In den 1880er Jahren fand der Markt zum letzten Mal statt. Wegen des Bahnbaus 1844 von Bonn nach Köln verlor auch er an Bedeutung.

Flammgasse (Walberberg):Auch in dem Fall ist der Name irreführend und habe laut Löffler nichts mit Feuer oder Flammen zu tun. „Das Gegenteil ist der Fall. Der Name hat was mit Wasser zu tun. Durch die Gasse führte nämlich ein kleiner Wasserfluss. Das Wort leitet sich vom Lateinischen 'flumen' ab, was so viel bedeutet wie fließendes Wasser oder Fluss. Des Weiteren hat es in der Gasse auch einen Brunnen gegeben.“