Alanus Hochschule in Alfter: Wie wichtig sind unsere Dialekte?

Veranstaltung in Alfter : Wie wichtig sind unsere Dialekte?

Im "Kamingespräch" der Alanus Hochschule haben die Linguisten Roland Kaehlbrandt und Agnes Jäger über Dialekte geredet. Dabei ging es auch darum, ob und wie sie eine Zukunft haben.

"Ich habe ja immer schon gesagt, dass das Kölsche eigentlich Hochdeutsch ist", ordnete der Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt die Bedeutung der "Benrather Linie" ein, die soeben von seiner in Köln lehrenden Linguistik-Kollegin Agnes Jäger bei dem "Kamingespräch" in der Alanus Hochschule erklärt wurde. Was für Studenten im Rahmen eines Blockseminars im Studium Generale, "Sprachbildung - Philosophie, Wissenschaft und Kunst", am Samstagabend stattfand, lockte auch einige Gäste an, die etwas mehr zum angekündigten Thema "Heimat und Sprache - Wie wichtig sind unsere Dialekte, und haben sie noch eine Zukunft?" erfahren wollten.

Durch den Düsseldorfer Stadtteil Benrath verläuft die für Sprachwissenschaftler so bedeutsame "Benrather Linie". Sie trennt den ripuarischen Sprachstamm im Süden vom südniederfränkischen Sprachstamm im Norden. So könnte diese Sprachgrenze mit ein Grund für den Dauerzwist zwischen den beiden rheinischen Metropolen Köln und Düsseldorf sein. Denn südlich der Linie, also auch in Köln, spricht man Hochdeutsch, während in Düsseldorf Niederdeutsch gesprochen wird. Damit sei auch der so charmante Werbespruch der Baden-Württemberger "Wir können alles, außer Hochdeutsch" unter linguistischen Aspekten falsch, merkte Jäger an. Für Linguisten gehört somit auch das Schwäbische oder Bairische mit zum hochdeutschen Sprachraum. An den Feinheiten des Dialekts erkennt der Sprachforscher auch, ob er sich nördlich oder südlich der Linie befindet. Wo es für den Kölner beispielsweise "maache" heißt, sagt der Düsseldorfer "maake". Wegen dieser charakteristischen Lautverschiebung von "k" zu "ch" wird die Benrather Linie auch als "Maken-machen-Linie" bezeichnet. Es gibt viele weitere Beispiele des konsequenten Konsonantentausches: Im Vorgebirge heißt es "Zick", während man weiter nördlich von "Ziet" spricht. In Düsseldorf sagt man "Fläschke", in Köln aber "Fläschje".

Die im hochdeutschen Sprachraum vollzogene Konsonantenverschiebung ist eine der tiefgreifendsten Veränderungen in der Geschichte der deutschen Sprache. Sie führte zur Herausbildung der verschiedenen deutschen Mundarten wie Friesisch, Fränkisch, Schwäbisch, Bairisch und Alemannisch. Leider kam Dialektologin Agnes Jäger nicht dazu, mehr über ihre Antrittsvorlesung in Köln zu berichten, die sie als Sachsen-Anhaltinerin dem kölschen "Su jet" widmete. Es blieb bei der Aussage von Kaehlbrandt, dass ein im Rheinischen auf diese Weise begonnener Dialog unbedingt der Entgegnung "Dat jit et doch jar nit" bedarf, um erfolgreich zu Ende gebracht zu werden.

Professorin Jäger untersucht in ihrem Fach vor allem die Lautlichkeit und die Bildung von Wortformen. Die Standardsprache habe spätestens durch das Aufkommen des Radios zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Dialekte zurückgedrängt. Damit habe auch die Kommunikation - über Grenzen hinweg - mit dem Standarddeutsche zugenommen. "Vorher war das eher eine schriftliche Sprachform", so die Sprachwissenschaftlerin. Die Medien hätten somit vor rund hundert Jahren zu einer Reduktion der Dialekte geführt. Heute könne man beobachten, dass sich das durch die sogenannten Neuen Medien wieder umzukehren scheint. Inzwischen würde mehr in Dialekten geschrieben als je zuvor. In Zeiten von zunehmender Globalisierung sei der Dialekt eine Möglichkeit, lokale Zugehörigkeit auszudrücken.

Der promovierte Sprachwissenschaftler und Sachbuchautor Kaehlbrandt ergänzte, dass zurzeit die Einflüsse aus anderen Sprachen im sogenannten "Kiezdeutsch" mit Satzbauten aus dem Arabischen oder Türkischen sichtbar würden. Viele, meist ältere Menschen in Deutschland, machten sich Sorgen, so der Alanus-Professor, "dass die intakte deutsche Buchsprache zerfallen könnte". Doch zusammen mit Jäger kam er zu dem Schluss, dass die Einflüsse aus anderen Sprachräumen schon immer da gewesen seien. "Wenn man über Jahrhunderte und Jahrtausende zurückblickt", so Jäger, "wird man feststellen, dass es sich bei uns um eine lebendige Sprache handelt". Nur tote Sprachen würden sich nicht mehr verändern.

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