Der Glaube und die Kirche: 497 Menschen aus der Voreifel sind 2019 aus der Kirche ausgetreten

Der Glaube und die Kirche : 497 Menschen aus der Voreifel sind 2019 aus der Kirche ausgetreten

Im vergangenen Jahr sind 497 Menschen im Vorgebirge und der Voreifel aus der Kirche ausgetreten. Sie sprechen über ihren Bezug zur Amtskirche, warum sie bleiben oder gehen.

497 Menschen aus Rheinbach, Meckenheim und Swisttal sind im vergangenen Jahr aus der Kirche ausgetreten. Wie das Amtsgericht Rheinbach auf Anfrage mitteilte, waren 319 davon Mitglieder der katholischen und 178 Mitglieder der evangelischen Kirche. Eine genauere Unterteilung nach Städten und Gemeinden im Gerichtsbezirk liegt laut Pressestelle noch nicht vor. Das Amtsgericht Bonn, das auch für die Kommunen Bornheim und Alfter zuständig ist, differenziert bei den Austritten nicht nach Wohnorten und erfasst nur die Zahlen für den gesamten Bezirk des Amtsgerichts Bonn. Insgesamt waren es dort 3198 Austritte im vergangenen Jahr – ein Jahr zuvor waren es 2587.

Eine steigende Tendenz lässt sich mit Blick auf die Zahlen ableiten: 2009, also vor zehn Jahren, verzeichnete das Amtsgericht Rheinbach nur 236 Austritte; 138 aus der katholischen, 97 aus der evangelischen und einer aus der neuapostolischen Kirche. Im Jahr 2018 waren es insgesamt 393. Die Pressestelle des Erzbistums Köln nennt unterschiedliche Gründe, die den Kirchenaustritt förderten. Einerseits habe der Missbrauchsskandal dazu beigetragen, dass viele der Kirche den Rücken kehren, andererseits „wissen wir aus Untersuchungen, dass dem Austritt meistens ein allmählicher Entfremdungsprozess vorausgeht: Kirche und Glaube sind nicht mehr so wichtig, der Kontakt zur Gemeinde schwindet“, sagt eine Sprecherin.

 Pfarrer Bernhard Dobelke von der katholischen Kirchengemeinde Sankt Martin in Rheinbach sagt: „Weder mich persönlich, noch die Verantwortlichen in der Gemeinde lassen die Zahlen der Kirchenaustritte kalt. Wir sind bemüht, den Menschen in unserer Gemeinde für ihre Fragen nach dem Sinn des Lebens und für ihre Suche nach einer stützenden Gemeinschaft eine Heimat zu bieten.“

Yvonne Tietz aus Alfter ist vor 15 Jahren aus der Kirche ausgetreten – und hat die Entscheidung nie bereut. „Ich bin katholisch getauft und erzogen worden. Meine ersten Zweifel an dem katholischen Glauben hatte ich bereits nach meiner Kommunion“, erläutert die 38-Jährige. „Bis dahin war ich sonntags immer regelmäßig in der Kirche. Aber dann hat sich der Gedanke ,Glaube ich daran, weil ich es selbst möchte und davon überzeugt bin oder weil man es mir als gegeben aufgetischt hat?’ erstmals eingeschlichen und regelmäßige Kirchenbesuche hatten sich bis zum Teenageralter komplett erledigt.“

Spenden anstelle der Kirchensteuern

Und weiter sagt Tietz: „In der Oberstufe haben wir dann auch kritischere Themen durchgenommen. Je mehr ich über die Entstehungshintergründe der Bibel, Verwaltung der Kirche, das Machtgefüge und die Lebensweise vieler höherer Geistlicher und die Entstehung der Vorgaben des Glaubens gelernt und erfahren habe, desto mehr habe ich mich distanziert.“ Sie stört besonders „dass eine bescheidene Lebensweise gepredigt wird, aber genug Geistliche im Luxus leben und dass Verbrechen in der Kirche nicht konsequent aufgeklärt, verfolgt und bestraft werden“. Auch Vorgaben wie den Zölibat oder dass Frauen keine Priester werden dürfen, passen ihr nicht. „Das alles wollte ich nicht mit meinem Geld über die Kirchensteuer unterstützen.“

Ihre zwei Kinder hat Tietz bewusst nicht taufen lassen. „In unserer Familie gibt es katholische, evangelische und buddhistische Glaubensrichtungen. Wer gibt uns Eltern das Recht zu entscheiden, welchen Glauben unsere Kinder jetzt annehmen werden? Das sollen sie selbst entscheiden, wenn sie alt genug dafür sind.“ Von den eingesparten Kirchensteuern würden sie und ihr Mann soziale Einrichtungen wie die Tafel und „Aktion Deutschland hilft“ unterstützen.

Der Rheinbacher Christoph Gerkum hat eine andere Sicht auf die Dinge. Der 35-Jährige ist aus Überzeugung Mitglied der Kirche und findet „es gut, Teil dieser Gemeinschaft zu sein und auch einer Organisation, die zwar etwas altbacken daherkommt, aber Werte vertritt, die in unserer heutigen hektischen, globalen Zeit immer noch Bestand haben und die ich auch nicht missen möchte“.

Schwieriger wird es in der katholischen Kirche offenbar, wenn Menschen in höherem Alter den Entschluss fassen, beizutreten. Sabine Grebenstein hat so etwas erlebt. Im Jahr 2017 wollte sie ihren Sohn und sich selbst taufen lassen. Eine Woche vor dem Termin entschied sich die Kirche dazu, nur ihren Sohn zu taufen. „Ich als Erwachsene müsste direkt alle möglichen Sakramente empfangen“, erzählt Grebenstein. Neben Kommunion und Firmung hätte sie auch die kirchliche Hochzeit vor der Taufe vollziehen müssen. „Und da wir nicht die Hochzeit kurzfristig feiern wollten, wurde ich nicht getauft“, sagt sie und ergänzt: „Ich habe im Moment ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Kirche. Ich bin nicht gewollt, warum soll ich da noch eintreten?“

Ein ähnliches Gefühl beschreibt Monika Schmitz. Sie ist 1990 aus der Kirche aus- und fünf Jahre später wieder eingetreten. „Das war gar nicht so einfach als geschiedene und wiederverheiratete Frau”, erinnert sich Schmitz. Die gebürtige Rheinbacherin wohnt mittlerweile in Flamersheim im Kreis Euskirchen und ist nicht mehr in der Kirche aktiv. Zu oft habe man ihr Steine in den Weg gelegt. Obwohl sie sich seit ihrem Wiedereintritt wieder aktiv in ihrer Gemeinde engagierte und zahlreiche ehrenamtliche Tätigkeiten übernahm, habe man sie regelmäßig abgewiesen und ihr das Gefühl gegeben, sie sei mit „ihrer Vorgeschichte“ unerwünscht. Mit Blick auf die Zukunft sagt sie: „Die Kirche sollte sich öffnen, das würde mir gefallen.”

Gemeinde hat neue Formate entwickelt

Zu diesen Vorwürfen sagt eine Sprecherin des Erzbistums: „Der Auftrag Jesu lautet ja, sich gerade denen zuzuwenden, deren Leben aus den verschiedensten Gründen beschwerlich geworden ist. Auf dem Pastoralen Zukunftsweg, den Kardinal Woelki 2015 gestartet hat, wollen wir namentlich unsere Gemeinden motivieren und bestärken, dass sie zu Orten werden, an denen alle willkommen sind. Wenn es solche Erfahrungen gibt wie die geschilderten, zeigt das den Handlungsbedarf.“

Für die 30-jährige Sandra Bungartz gehören regelmäßige Kirchenbesuche zum Leben dazu, auch unabhängig von Gottesdiensten. „Dort genieße ich die Ruhe und meditative Stimmung und zünde Kerzen in Gedenken an geliebte verstorbene Menschen an.“ Auch ihre Tochter hat die Katholikin in einem konfessionell gebundenen Kindergarten angemeldet.

„Ich finde es sehr wichtig, Kindern den Glauben mit auf den Weg zu geben und die damit verbundenen Werte wie Nächstenliebe.“ In einem Kirchenaustritt sieht die Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Rheinbach keine Vorteile, und die Kirchensteuer hält sie für angemessen: „Schließlich gibt es viele Angebote die darüber mitfinanziert werden wie die Seelsorge und auch Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten.“ Als einzigen Kritikpunkt sieht Bungartz bei der katholischen Kirche den Starrsinn. „Sie müsste moderner werden. Viele Gottesdienste verlaufen gleich. Selbstverständlich müssen Regeln eingehalten werden, aber die Menschheit entwickelt sich weiter, und dies sollte die Kirche auch tun.“

Um wieder mehr Menschen zu erreichen hat die Gemeinde Sankt Martin bereits neue Formate entwickelt. „Oft genug sind die Gründe für einen Austritt aber nicht in den persönlichen Sorgen der Menschen, oder in der konkreten Situation am Ort zu suchen, sondern gehen auf die Entwicklungen der Kirche in Deutschland oder weltweit zurück. Hier hat eine einzelne Gemeinde und hier haben wir Seelsorgerinnen und Seelsorger vor Ort nur einen sehr beschränkten Einfluss“, so Pfarrer Dobelke.