Verdienstorden für private Kinderdorf-Mutter

Verdienstorden für private Kinderdorf-Mutter

Am "International Volunteers Day" der Vereinten Nationen zeichnet Bundespräsident Rau 26 Bürger in der Bonner Villa Hammerschmidt aus - "Hilfsbedürftige brauchen Zuwachs an Helfenden"

Bonn. Als ihre ersten beiden leiblichen Kinder geboren waren, bewarb sich Ingeborg Schlinck um ein Pflegekind. Lange tat sich nichts. Dann suchten drei Geschwister, die nicht getrennt werden wollten, eine Pflegefamilie. Schlinck sagte zu. Seitdem hat die heute 44-Jährige aus Gleiszellen-Gleishorbach (Rheinland-Pfalz) insgesamt 15 Pflegekinder aufgenommen. Heute leben unter ihrem Dach fünf Kinder und drei junge Erwachsene.

"Ich habe mit 15 schon mit dem Gedanken gespielt, SOS-Kinderdorf-Mutter zu werden", sagt die auch im Landesverband der Pflegeeltern tätige Frau. Für ihr Engagement hat Schlinck am Freitag von Bundespräsident Johannes Rau den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Mit ihr wurden weitere 25 Männer und Frauen am Tag des Ehrenamtes in der Villa Hammerschmidt ausgezeichnet.

Zum achten Mal seit 1996 wurde der "International Volunteers Day" der Vereinten Nationen zum Anlass genommen, die Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit für die Gesellschaft hervorzuheben. Während im Alten Rathaus der "Markt der Möglichkeiten" lief, würdigte Rau das Engagement der Ehrenamtlichen, die aus vielen Teilen der Republik nach Bonn gekommen waren.

Der Bundespräsident sagte, die Verleihung und der öffentliche Dank sollten andere Menschen "dazu anstiften", auch mehr zu tun als ihre Pflicht. "Bitte tragen Sie auch die Auszeichnung, die Sie bekommen", appellierte er. Denn: "Die Hilfsbedürftigen brauchen Zuwachs an Helfenden", betonte Rau. "Erst wenn das erreicht ist, wird unsere Welt so menschlich, wie wir sie uns vorstellen."

Wie man einen Beitrag zu einer menschlicheren Welt leisten kann, das wurde bei der Verleihung der Verdienstorden deutlich - etwa an Ursula Koeber aus Luckau (Brandenburg). Seit über 50 Jahren pflegt sie ihre Tochter, die wegen einer Gehirnhautentzündung bettlägerig und schwer behindert ist. Trotz eigener gesundheitlicher Probleme findet sie sogar noch die Kraft, aktiv im Vorstand ihrer Kirchengemeinde zu arbeiten.

Ulrich Würdemann aus Köln erhielt den Verdienstorden, weil er sich schon seit den 80er-Jahren für die Verbesserung der Lebenssituation von Aids-Kranken und gegen Diskriminierung einsetzt. Als einer der wenigen Nicht-Mediziner ist er sogar Mitglied der Deutschen Aids-Gesellschaft.

Einige Geehrte waren bei der Ordensverleihung und der abschließenden Nationalhymne sichtlich bewegt. Auch Ingeborg Schlinck, die trotz aller Mühen an ihrem Traum vom Kinderdorf im eigenen Haus festgehalten hat. Von ihrer Erfahrung profitiert mittlerweile auch eine Elternselbsthilfegruppe. Nach Ansicht der 44-Jährigen können auch Menschen ohne Fachausbildung wichtige gesellschaftliche Aufgaben wie ihre meistern: "Es braucht doch eigentlich gar nicht soviel, um ein Kind glücklich zu machen."