Ein Hauch von Nostalgie am Rande der Kreisstadt: „Tante Emma“ heißt „Onkel Jürgen“

Ein Hauch von Nostalgie am Rande der Kreisstadt : „Tante Emma“ heißt „Onkel Jürgen“

Von der Nahversorgung in Ramersbach können andere Dörfer nur träumen.

566 Menschen leben in Ramersbach, dem Höhenstadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Zehn Autominuten von Aldi und Co. entfernt hat Ramersbach etwas, um das das Dorf von vielen kleinen Kommunen beneidet wird: einen Dorfladen.

Er gehört Jürgen Konietzko. Der 60-Jährige kennt fast das ganze Dorf und der gesamte Ort kennt ihn mit seinem stattlichen Sortiment. „Mehr als 1000 Artikel müssten es sein, aber genau hab ich das noch nie kontrolliert,“ sagt der Mann, der mit verschmitztem Lächeln hinter der Ladentheke steht.

Selbstbedienung gibt’s zwar, doch eben nur Konietzki weiß, wo „Exoten“ wie Erbswurst, Windmühlenmesser, Knuspermünzen aus Karamell oder graue Herrensocken zu finden sind. Meist irgendwo zwischen Ravioli an der einen und Spielzeugautos an der anderen Wand. Denn gerade Mal 40 Quadratmeter Fläche hat der kleine Laden direkt neben der Kirche.

So alt wie der Eigentümer ist auch das Geschäft. Das hatte Vater Ernst 1956 übernommen und bis zu seinem Tod 1980 mit Ehefrau Ingeborg betrieben. Der Dorfladen, über dessen Eingang immer noch „Ernst Konietzko“ leuchtet, hat also Diamantjubiläum. Doch das hat im Dorf noch nicht die Runde gemacht.

Eigentlich hatte Jürgen Konietzko. andere Pläne

Auch nicht, dass der Mann, der beim Gespräch mit dem General-Anzeiger mal gerade zwischendurch die Bitte eines Seniors – „denk an mein Kommissbrot“ – im Kopf notiert und jungen Waldarbeiten zwei Energiedrinks und einen halben Liter Cola verkauft, eigentlich für sein Leben andere Pläne hatte.

Geschichte und Politik hat er studiert, in Trier und Regensburg. Doch dann starb der Vater. Jürgen Konietzko wollte seine Mutter nicht allein lassen, stieg ins Geschäft ein und übernahm es dann 1982 endgültig. Ob er es bereut hat? „Man kann davon leben – wenn man anspruchslos ist und Eigentum hat“, sagt der Händler, der, als er noch auf dem Are-Gymnasium war, im damaligen Pädagogium an der Bad Neuenahrer Hauptstraße wohnte, weil nicht jeden Tag ein Bus von Ramersbach nach Bad Neuenahr fuhr.

Heute ist Ramersbach die Durchfahrt vom Ahrtal zum Nürburgring schlechthin. Doch da halten kaum Kunden. So hat Konietzko eher Stammkunden denn Laufkundschaft. Auch wenn von Touristikern die Wanderer als Klientel gepriesen würden, der Laden hat wenig von ihnen. Trotzdem gibt es dort auch Wanderkarten, die übrigens zwei Regale neben den Julia-Romanen und direkt neben den Luftballons für zehn Cent das Stücke stehen. Doch schon für fünf Cent gibt’s was zu kaufen: zwei Bonbons.

Die gibt es übrigens von 6.35 bis 19 Uhr durchgängig. „Fünf nach halb sieben deshalb, weil ich erst Nachrichten hören muss“, sagt Konietzko, für den Betriebsferien ein Fremdwort sind. Nur sonntags wird etwas ausgeruht: von neun bis zwölf Uhr hat das Geschäft dann auf. „Erstens wegen der Zeitung mit den großen Buchstaben und zweitens, weil beim Samstagseinkauf in der Stadt immer was vergessen wird“, sagt der Händler, der schlechte Laune nicht kennt.

Alle kommen zu "Onkel Jürgen"

Nur die Telekommunikationstechnik bereitet ihm Verdruss. „Ein großer Paketdienst hat vor Jahren von seinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch gemacht, weil wir in Ramersbach kein sichereres Internet haben.“ Letzteres soll sich zwar im Frühjahr ändern, doch der Vertrag ist weg. Mit Paketen hat der Händler nur dann noch zu tun, wenn er sie für die ganze Nachbarschaft annimmt, weil die Leute nicht zu Hause sind. Wobei die Ramersbacher irgendwie alle Nachbarn sind.

Die schätzen „Onkel Jürgen“. Vor allem die älteren Bürger des Ortes wie der Senior mit dem „Kommissbrot“. Das und vieles mehr aus Hefe- und Sauerteig wird zweimal pro Woche frisch vom Bäcker aus Bad Bodendorf angeliefert. Nur frische Wurst und frischen Käse darf es nicht mehr im kleinen Laden geben. „Da sind abgepackte Waren vorgeschrieben“, erklärt Konietzko. Waage und Schneidemaschine auf dem Tresen sind nur noch Dekoration.

Nicht aber die alte Rechenmaschine mit dem Papierstreifen. Die rattert und rattert. Die Einwohner des mehr als 1000 Jahre alten Dorfes stimmen täglich mit den Füßen für „Onkel Jürgen“ ab. „Tante Emma“ könnte neidisch werden.

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