Suche nach einer Schule dauert zwei Jahre

Suche nach einer Schule dauert zwei Jahre

Weil es im Rhein-Sieg-Kreis keine Schule für ihn gibt, pendelt ein Zwölfjähriger mit Down-Syndrom nach Hamm

Rhein-Sieg-Kreis. Eine integrative, weiterführende Schule für ein Kind mit Down-Syndrom zu finden, ist im Kreisgebiet ein Ding der Unmöglichkeit. Das mussten auch die Eltern von Tilman Borgwardt feststellen.

Christiane Borgwardt und Philip Manow suchten für ihren Sohn rund zwei Jahre lang nach einer passenden weiterführenden Schule. Fündig wurden sie erst kürzlich. Seit dem Sommer besucht Tilman die integrative Schule im benachbarten rheinland-pfälzischen Hamm und kommt jeden Tag mit guter Laune nach Hause.

Zwar gibt es eine integrative Gesamtschule in Beuel, die aber schon mit den Integrationskindern aus dem Bonner Raum mehr als ausgelastet ist. Die freiberufliche Hebamme Christiane Borgwardt und der Politik-Professor Philip Manow gaben nicht auf. Bei einem Tag der offenen Tür schauten sie sich auch die Förderschule in Windeck-Rossel an.

Schulen Schulen in Bonn und der RegionNachdem sie ein paar Stunden am Unterricht teilgenommen hatten, war für Tilmans Eltern die Entscheidung klar. "Die Schule macht mit Sicherheit keine schlechte Arbeit. Aber für uns war es einfach nicht das Richtige, weil es eine reine Förderschule ist", sagte Christiane Borgwardt. Dort wäre der Weg auch klar vorgezeichnet gewesen. Erst Förderschule, dann nahtlos zur Arbeit in der Behindertenwerkstatt.

"An der Schule sagte man uns, das wäre doch gar nicht schlecht. In der Behindertenwerkstatt hätte Tilman schließlich Rentenanspruch", erzählt Christiane Borgwardt.

Auch bei der Gesamtschule Hennef versuchten Tilmans Eltern ihr Glück. Ohne Erfolg. "Dort wurde uns mitgeteilt, dass Tilman und die anderen Schüler unterschiedliche Lernziele hätten. Deshalb wäre es nicht möglich", sagt Christiane Borgwardt. Per Zufall erfuhr die Hebamme von einer Bekannten, dass es eine integrative Gesamtschule in Hamm gibt. "Diese Schule ist wirklich super", sagt Philip Manow und freut sich darüber, dass sein Sohn zusammen mit den anderen Kindern unterrichtet wird.

Einzig am gemeinsamen Englisch-Unterricht nimmt Tilman auf Wunsch seiner Eltern nicht teil. Damit Tilmann sicher zur Schule kommt, bringen ihn seine Eltern jeden Morgen zum Eitorfer Bahnhof. Im Zug nach Au sitzt dann schon eine Schulbegleiterin, die Tilman nach Hamm bringt, den ganzen Tag bei ihm bleibt, und ihn am Nachmittag wieder der elterlichen Obhut übergibt.

"Das Kreissozialamt hat die Schulbegleitung bewilligt und übernimmt die Kosten", sagt Christiane Borgwardt. "Ziel ist es allerdings, dass Tilman alleine zur Schule fährt", ergänzt Philip Manow.

Schöner wäre es für Tilman natürlich, wenn es ortsnah eine integrative Schule geben würde. Aber das ist laut Lucia Schneider, Vorsitzende des Hennefer Vereins "Schule für alle" Zukunftsmusik. "Die Schulen entscheiden, ob sie integrativ unterrichten oder nicht. Bisher werden noch 87 Prozent aller behinderten Kinder in Förderschulen unterrichtet - die Integration ist für die meisten die Ausnahme."

Laut Schneider wird das so aber nicht bleiben können. "Im März 2009 hat die Bundesregierung die UN-Resolution für Menschen mit Behinderungen ratifiziert. Darin wird eine integrative Schulbildung gefordert." Tatsache ist allerdings im Moment, dass die Eltern aktiv werden müssen. So wie Tilmans Eltern. "Zwei Jahre lang nicht zu wissen, welche weiterführende Schule Tilman denn nun besuchen kann, war schon eine extreme Belastung", erzählt Philip Manow. "Wir haben auch mal in den USA gelebt. Da gab es so etwas nicht, das Schulsystem der Amerikaner ist integrativ."

Damit das auch in Deutschland und vor allem im Rhein-Sieg-Kreis so wird, fordern Elternvereine derzeit mit Petitionsanträgen die Städte und Gemeinden auf, ihre Schullandschaften nach den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention umzubauen. Laut Lucia Schneider verlangen die Eltern mit ihren Schreiben an die Hennefer und Augustiner Verwaltung die Zusammenführung der allgemeinen Schulen zu einem inklusiven, also behinderte und nicht behinderte Kinder einbeziehenden Schulsystem einzuleiten.

Mehr von GA BONN