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Täter schickt über 200 Briefe: Stalker verfolgt Frau aus dem Rhein-Sieg-Kreis seit zwei Jahren

Täter schickt über 200 Briefe : Stalker verfolgt Frau aus dem Rhein-Sieg-Kreis seit zwei Jahren

Ulrike F. aus dem Rhein-Sieg-Kreis und ihre Tochter sind Opfer eines Stalkers. Neben mehr als 200 Briefen schickte er ihr Pralinen, in denen Rasierklingen versteckt waren.

Klebebuchstaben kauft er bogenweise ein, dazu Briefumschläge in dicken Bündeln, reichlich Rasierklingen – immer nur die teuren, keine günstige Einwegware – und Süßigkeiten für Kinder. Wer immer in der Region des Öfteren mit solch einer kuriosen Einkaufsliste unterwegs ist, er macht Ulrike F. (Name geändert) Angst und bedroht sie mehr oder weniger unverhohlen mit dem Tod. Seit fast zwei Jahren bekommt die Frau aus dem linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis angsteinflößende Briefe zugesandt. Das Werk eines eiskalten Stalkers.

Zermürbende zwei Jahre liegen hinter Ulrike F.: Mehr als 200 Briefe – mitunter bis zu drei pro Woche, manchmal fünf – sind bei ihr eingetroffen. Die Bedrohung kommt ausreichend frankiert und selbstredend ohne Absender per Post. Der Inhalt der Briefe offenbart blanken Hass – gegen Ulrike und auch ihre minderjährige Tochter. Die Botschaften aus Klebebuchstaben erschaffen ein Szenario ständiger Bedrohung. Sätze wie „ich finde Euch überall“ und „ich bin überall“ sind oft Teil der Botschaften.

Wer er oder vielleicht sie ist, darüber kann Ulrike nur mutmaßen. „Ich laufe nur noch mit 360-Grad-Blick durch die Weltgeschichte“, berichtet F. im Gespräch mit dem General-Anzeiger. Oft ringt sie nach Worten. Sie möchte nur, dass es aufhört. Die ständige Bedrohung des unsichtbaren Verfolgers zehrt an ihren Nerven.

Identität des Täters liegt im Dunkeln

Warum ihr ein Stalker das Leben zur Hölle macht, ist ihr ein Rätsel, über welches sie jeden Tag nachdenkt. Was der Stalker erreicht hat, ist, dass Ulrike F. so ziemlich jeden Menschen aus ihrem Umfeld im Verdacht hatte, selbst engste Familienmitglieder. Sie weiß schlicht nicht mehr, wem sie was sagen darf. „Zutrauen würde ich so etwas keinem Einzigen aus meiner Familie und meinem Umfeld“, bekundet sie. Sie stellt sich die Frage, ob etwa die Fülle von Rechtschreibfehlern in den Drohungen ein Trick ist, um falsche Spuren zu legen. Am meisten macht ihr zu schaffen, dass die Anfeindungen Familienmitglieder einbeziehen.

Den Drohungen mit Worten folgen nach einiger Zeit bedrohliche Pakete. Inhalt: etwa Schokospezialitäten, die mit Rasierklingen gefüllt und eigenhändig wieder eingerollt sind. Wer die leckeren Süßwaren aus renommierter, hochpreisiger Herstellung ungesehen verputzt hätte, hätte schwerste Verletzungen erleiden können.

Die perfideste Tat des Stalkers war allerdings, dass Ulrike F. eines Tages auch Rasierklingen fand, die in ihren Autoreifen steckten. Um dem unsichtbaren Verfolger für ein paar entspannte Stunden zu entfliehen, unternahm sie zusammen mit ihrer Tochter und weiteren Begleitern einen Ausflug – weniger als 200 Kilometer vom Rhein-Sieg-Kreis entfernt.

Als die kleine Reisegruppe wieder in F.s Wagen einsteigen will, entdeckt sie – aus einer Mischung aus Misstrauen und purem Zufall – die scharfen Klingen im schwarzen Gummi. „Sie stecken so tief, dass der Reifen erst während der Fahrt platzen sollte – womöglich bei hohem Tempo auf der Autobahn“, berichtet F.

Stalking in Deutschland lange unterschätzt

Noch immer fehlt ein deutsches Wort, das den Sachverhalt Stalking und somit die Straftat adäquat beschreibt. Das englische Verb to stalk bedeutet in der Jägersprache „jagen, heranpirschen, hetzen“. Für Martin Eimer, Rechtsanwalt aus Köln und Rheinbach sowie Ulrike F.s Rechtsbeistand, erfüllt das Werk des Stalkers mindestens den Tatbestand des versuchten Totschlags. „Der Unbekannte nimmt billigend in Kauf, dass sich meine Mandantin verletzt oder stirbt“, sagt Eimer. Der Jurist kritisiert, dass Stalking viel zu lange als Straftatbestand keine Anerkennung fand. Erst Verschärfungen des Strafgesetzes versetzen Betroffene in die Lage, nicht mit stumpfer Waffe gegen die Bedrohung kämpfen zu müssen.

Quälend lange habe es gedauert, bis Ulrike F. von der Polizei eine Reaktion auf ihre Anzeigen erhalten hat, berichtet sie. Nachdem immer mehr Drohbriefe eingehen, bekommt sie von ihrer örtlichen Polizeistation den Tipp, die Briefe zu bündeln, anstatt sie einzeln aufs Revier zu bringen. „Es beschleicht uns ein Gefühl des Stillstandes“, sagt Eimer. Wochenlang erhielt Ulrike F. gar keine Antwort auf ihre Anzeigen. Rund zwölf Monate nach der ersten erging seitens der Polizei der Hinweis, dass Stalker oft nach vier Monaten die Lust an ihrem perfiden Nachstellen verlieren würden.

Wie Frank Piontek, Sprecher der Bonner Polizei, auf GA-Anfrage erklärt, waren die Ermittler keineswegs untätig. „Wir haben verschiedene Spuren sicherstellen können“, sagt er, ohne zu verraten, um welche Spuren es sich handelt. Diese werden derzeit von Fachleuten ausgewertet. Ulrike F. wünscht sich nichts sehnlicher, als das der unsichtbare Verfolger irgendwann die Lust am Briefeschreiben verliert.