Experten sortieren Müll: So arbeitet das Abfallwirtschaftszentrum in Ahrweiler

Experten sortieren Müll : So arbeitet das Abfallwirtschaftszentrum in Ahrweiler

Sie wühlen im Müll, leisten wahre Drecksarbeit: Die Experten des Witzenhausen-Instituts haben im Abfallwirtschaftszentrum des Kreises Ahrweiler in Niederzissen eine unangenehme Aufgabe. Die Wissenschaftler nehmen den Müll der Kreisbürger auseinander.

„Augen auf bei der Berufswahl.“ Die junge Frau im Abfallwirtschaftszentrum des Kreises Ahrweiler in Niederzissen hebt ihren Mundschutz und lacht. „Das ist Drecksarbeit, aber das gehört zum Studium.“ Die angehende ökologische Agrarwissenschaftlerin geht in der Werkstatthalle des Müllzentrums einem Job nach, den wohl niemand gerne machen würde. Gemeinsam mit zwei weiteren Studenten des Witzenhausen-Instituts und einem Ingenieur piddelt die junge Frau den Restmüll des Kreises Ahrweiler auseinander.

Das Quartett aus Witzenhausen, dessen Institut zur Uni Kassel gehört und als Nabel der deutschen Abfallwirtschaft gilt, hat seit zwei Wochen nur zwei Ziele: 48 Kubikmeter oder zwölf Tonnen repräsentativen Müll in mehr als 30 Einzelfraktionen zu unterteilen und abends eine halbe Stunde unter der Dusche zu stehen, um den Gestank loszuwerden. Denn es ist im Wortsinne ein anrüchiger Job, Maoam-Papierchen zwischen faulender Rote Beete rauszuklauben, Reizwäsche von Weihnachtsdeko zu trennen und dann noch darauf zu achten, dass abgenagte Knochen, benutztes Katzenstreu, Batterien und alte Tempos in den jeweils richtigen Behältern landen.

Dabei ist alles schon vorsortiert. Denn eine riesige Stahltrommel dreht sich in der Werkhalle, wirft alles Kleinzeug unter vier Zentimetern auf den Boden. „Das wird hinterher noch einmal extra untersucht“, sagt Sascha Hurtenbach, Werkleiter des Abfallwirtschaftsbetriebes des Kreises (AWB). Und erläutert, weshalb sich Studiosi und Dozent mit dem Müll der Kreisbürger abplagen: „Das Institut hat zuletzt 2015 den Müll im Kreis untersucht. Eines der Ergebnisse ist das neue Abfallwirtschaftssystem, das wir 2018 eingeführt haben.“

Erste Erfolge gab es bereits

Jetzt werde untersucht, was sich im Vergleich zu 2015 verändert hat. Dafür habe das Institut bereits im August eine Analyse durchgeführt, als der „Müll wegen der Hitze zum Himmel stank“. Aktuell werde noch einmal sortiert und untersucht, weil jahreszeitlich bedingt im Winter anderer Müll anfalle als im Sommer.

Über erste Erfolge hat Hurtenbach bereits berichtet. 42,3 Prozent weniger Restmüll im vergangenen Jahr können sich sehen lassen. Ob's in Kooperation mit den Bürgern und noch mehr Aufklärung in Sachen Müllsortierung weitere Steigerungen gibt, wird sich zeigen. Die aktuelle Analyse basiert jedenfalls auf dem Wunsch nach einem Evaluierungskonzept des Kreistages und zeigte zumindest beim Besuch des General-Anzeigers, dass in Sachen Mülltrennung noch „Luft nach oben ist“. Denn just an dem Tag bearbeitete das Team aus Witzenhausen Restmüll von Leuten, die keine Biotonne haben, also Eigenkompostierer sind. Der Müll wurde dafür extra separat abgefahren. Ein Blick in die Sortierbehälter zeigte, das da die „Welt noch verbessert werden kann“. Wenn auch der „Sortier“-Ingenieur einschränkt: „Ich kann schon verstehen, dass Leute, die keine Biotonne haben, mit Lebensmitteln im Komposter keine Ratten anziehen wollen.“ Ohnehin geht es bei der ganzen Aktion nicht um Kritik. „Es ist kein Urteil über Menschen, sondern eine Bestandsaufnahme“, sagt Hurtenbach. „Es gibt dabei kein gut oder schlecht sortiert, sondern es ist einfach so.“

Deshalb heißt „falsch sortiert“ bei den Wissenschaftlern aus Witzenhausen auch ganz neutral „Fehlwurf“, egal ob dieser in einem Dorf, einer Reihenhaussiedlung oder in einer Innenstadt getätigt wurde. Ob und wie viele es davon gegeben hat, das wird sich erst zeigen, wenn das Team des Instituts die Arbeitsklamotten samt Mundschutz wieder gegen Bürokleidung getauscht hat. Und dann kann es auch etwas dauern. Denn nicht nur der Müll aus dem Kreis Ahrweiler treibt die Experten aus Nordhessen um. Sie sind deutschlandweit und international in Sachen Abfall unterwegs. Ob in der Zwölf-Millionen-Metropole Shenzen in China, im rheinhessischen Frankenthal oder eben auf dem Scheid in Niederzissen, Ihr Ziel ist immer dasselbe: Kreisen, Kommunen und Abfallwirtschaftsbetrieben helfen, der ganzen Vielfalt des Mülls Herr zu werden.