Troisdorferin organisiert Selbsthilfegruppe: Die große Sehnsucht nach einem Kind

Troisdorferin organisiert Selbsthilfegruppe : Die große Sehnsucht nach einem Kind

Anja Graef aus Troisdorf leidet unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Deshalb hat sie eine Gesprächsrunde gegründet - die einzige im Kreis. Immer mehr Frauen lassen sich künstlich befruchten.

Im Frühjahr kann Anja Graef nicht mehr, sie ist mit ihren Kräften am Ende, es muss sich etwas ändern. Graef hat gerade ihre neunte künstliche Befruchtung hinter sich gebracht. Das Ergebnis: nicht schwanger. Wieder einmal. Graef, 43, hat genug. Genug von dieser ewigen Abwärtsspirale. Genug von den ewig gleichen Gedanken. Und genug von ihrem Frust. Irgendwo muss sie hin mit ihrer Wut, ihrer Verzweiflung.

Also sucht die Troisdorferin eine Selbsthilfegruppe in der Nähe, findet aber keine. Sie gründet "Dornröschen", das Motto: "Loslassen ohne aufzugeben". Dort treffen sich Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, es ist laut der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Kreises die einzige Gruppe im Gebiet. Heute sagt Graef auf die Frage, was ihr die Gruppe bedeute: "Alles. Dort spreche ich mit Leuten, die wissen, wie ich mich fühle, wie die Emotionen Achterbahn fahren, welche Belastung ich psychisch, physisch, emotional und finanziell aushalten muss."

Vor fünf Jahren beschließen Anja Graef und ihr Mann Carsten, dass sie Kinder wollen. Auf natürlichem Weg klappt es nicht, also entscheiden sie sich für die künstlichen Befruchtung. Nur: Es funktioniert nicht, Anja Graef wird nicht schwanger. Zunächst. Doch vor drei Jahren klappt es, sie ist schwanger. Endlich. Eineiige Zwillinge. Die ganzen Qualen, die vielen Hormonspritzen, die Stimmungsschwankungen: Die Mühen haben sich gelohnt. Graef ist am Ziel. Doch dann der Schock kurz vor Vollendung des vierten Schwangerschaftsmonats: Fehlgeburt. Sie verliert die Babys. "Das war eine schlimme Zeit", sagt Graef. Und trotzdem: Sie schöpft Mut. "Gleichzeitig gibt es einem ja auch Hoffnung, dass es geklappt hat."

Also versucht sie es wieder. Und wieder. Und wieder. Das Ergebnis ist immer dasselbe: nicht schwanger. Wie im April dieses Jahres. Sie erweckt "Dornröschen" zum Leben: "Ich brauchte einfach ein Ventil." Das erste Treffen ist am 19. Mai. Es kommt nur eine Frau. Graef ist das egal. "Wir waren eins zu eins, und sie hat ihre Geschichte erzählt. Es war ein totales Verständnis da, das tat uns beiden gut. Oft musste der andere den Satz nicht zu Ende sprechen, weil wir beide wussten, wie er enden würde. Man hat das Gleiche durchlebt."

Initiatorin, nicht Leiterin

Graef sieht sich nicht als Leiterin der Gruppe, obwohl sie extra einen Kursus absolviert hat. Sie sieht sich als Initiatorin, sie will nicht über den anderen Frauen stehen. Alle zwei Wochen dienstags ab 17.30 Uhr finden die Treffen im Familienzentrum Heidepänz statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Bislang kam immer nur eine Frau, das soll sich bald ändern, sagt Graef. Sie hofft darauf, dass viele Betroffene den Mut finden, sich an sie zu wenden, um in einem geschützten Raum zu reden. Und Antworten auf ihre Fragen zu finden: Wie lange macht es Sinn, die künstliche Befruchtung zu versuchen? Muss ich mich vom Kinderwunsch verabschieden? Wie gehen Freunde damit um? Auch Graef hat erfahren, dass ihr Umfeld sich schwertut. "Es gibt Freunde, die können gar nicht damit umgehen, darüber reden. Aber wenn man es nicht so tabuisieren würde, wäre es einfacher."

Ein weiteres Thema: das Geld. Etwas mehr als 60.000 Euro haben Anja Graef und ihr Mann für ihren Kinderwunsch ausgegeben. Bislang vergeblich. Die meisten gesetzlichen Krankenkassen bezahlen nur die ersten drei Versuche zur Hälfte. Voraussetzung: Die Frau ist zwischen 25 und 40 Jahre alt, der Mann nicht älter als 50. Heißt: Graefs zahlen alles selbst. Das muss sich laut Graef kurzfristig ändern. "Die Gesellschaft wird immer älter, Frauen entscheiden sich immer später, Kinder zu bekommen. Deshalb sollten die Krankenkassen die Altersgrenze für Frauen hochsetzen. Hier ist die Politik gefordert", sagt Graef.

In Zukunft möchte sie mit weiteren Selbsthilfegruppen kooperieren, etwa in Köln, Düsseldorf und Moers. Zumal die Erfahrungen aus anderen Gruppen ihr Mut machen. Laut Graef haben von 60 Paaren der Moerser Gruppe 57 sich ihren Kinderwunsch noch erfüllt. "Das gibt uns Kraft, Hoffnung, Optimismus", sagt Graef. Deshalb schließt sie einen weiteren Versuch der künstlichen Befruchtung nicht aus: "Abgeschlossen ist das noch nicht, nein." Trotz der Ohnmacht, nichts machen zu können. Graef sagt: "Es ist das einzige im Leben, das ich nicht beeinflussen kann. Ich bin machtlos. Ich bin angewiesen auf die Natur."

Mittlerweile suchen Anja und Carsten Graef nach Alternativen, bewerben sich für ein Adoptivkind oder wollen ein Pflegekind aufnehmen. Graef macht keinen Unterschied, sie sagt: "Kind ist Kind. Wir glauben einfach daran, dass unser Kinderwunsch sich erfüllt - auf welchem Weg auch immer."

Vorherige Anmeldung bei Anja Graef unter Tel. 0157/58452347. Infos unter www.shg-dornroeschen.de

Arzt sieht steigenden Trend

Hans van der Ven, 61, ist Direktor der Abteilung für Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Uniklinik Bonn. Mit ihm sprach Matthias Hendorf.

Herr van der Ven, wie viele künstliche Befruchtungen gibt es etwa pro Jahr in Deutschland?
Hans van der Ven: 2013 waren es 54.000, bei uns in Bonn 700.

Ist die Tendenz steigend?
Van der Ven: Ja, insgesamt steigt die Zahl. 2005 etwa waren es 38.000, im Jahr 2010 dann 50.000.

Woran liegt das?
Van der Ven: Der Kinderwunsch stellt sich bei vielen Frauen erst später ein. Oder der Kinderwunsch ist erst später realisierbar. 1997 etwa lag das mittlere Alter der Frauen, die sich zur künstlichen Befruchtung in Behandlung begaben, bei 32,6 Jahren. 2013 lag es schon bei 35 Jahren.

Bis wann ist die künstliche Befruchtung medizinisch sinnvoll?
Van der Ven: Ab dem 40. Lebensjahr wird die Wahrscheinlichkeit deutlich schlechter. Und ab 43 wird es viel, viel schwieriger. Bei Frauen, die älter als 44 sind, liegt die Chance nur bei fünf Prozent.

Was kostet ein Versuch, wenn ein Paar ihn komplett selbst zahlt?
Van der Ven: Je nach Methode inklusive der Medikamente zwischen 2500 und 3000 Euro.

Sagen Sie Paaren, die es immer weiter erfolglos versuchen, auch: Vielleicht lasst ihr es besser?
Van der Ven: Ja. Es ist kostspielig und emotional und körperlich extrem belastend. Das hören manche Paare aber nur ungern. Und für einige ist es schwer aufzuhören.

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