Gleichberechtigung im Rhein-Sieg-Kreis: „Wir möchten nicht nur im Sandkasten sitzen“

Gleichberechtigung im Rhein-Sieg-Kreis : „Wir möchten nicht nur im Sandkasten sitzen“

Seit 30 Jahren gibt es im Kreishaus eine Gleichstellungsbeauftragte. Brigitta Lindemann will Job und Familie vereinbar machen.

Monika Lohr erinnert sich noch gut an die Zeit, als Oberkreisdirektor Walter Kiwit sie 1986 zur ersten Gleichstellungsbeauftragten der Kreisverwaltung ernannte – und diese Erinnerungen sind nicht nur positiv. Lohr erzählt von einer Technikerin, die sich um eine Stelle im Kreishaus bewarb.

Der zuständige Amtsleiter sagte der Bewerberin aber zunächst ab. Die lapidare Begründung: „Sie hätten den Job, wenn ich Ihnen jeden Morgen die Anti-Baby-Pille geben könnte.“ Letztlich ging die Sache gut aus für die Bewerberin, der Kreis stellte laut Lohr sowohl die Frau als auch einen Mann ein. 30 Jahre ist diese Episode mittlerweile her, jetzt sagt sie anlässlich des heutigen Weltfrauentags: „Heute kann man nicht mehr so einfach über die Interessen von Frauen hinweggehen.“

Tatsächlich leiteten in den 1980er Jahren ausschließlich Männer die sieben Dezernate und 23 Ämter im Kreishaus. Mittlerweile ist das anders: Es gibt zwei Dezernentinnen (das entspricht knapp 29 Prozent) und acht Amtsleiterinnen (35 Prozent). Und: 62 Prozent der rund 1500 Mitarbeiter im Kreishaus sind weiblich. Es ist ein Satz, den die aktuelle Gleichstellungsbeauftragte Brigitta Lindemann, 57, so nicht gerne liest. Ihr fehlt darin das Wort Mitarbeiterinnen, sagt sie im Gespräch mit dem GA, der aus Gründen der Lesbarkeit darauf verzichtet. Im eigenen Haus moniert sie solche Formulierungen.

Seit 2014 ist Lindemann im Amt, führt sozusagen als eine von Lohrs Nachfolgerinnen deren Pionierarbeit fort. Ihr größtes Anliegen: die Vereinbarkeit von Job und Familie zu verbessern. „Wir Frauen haben uns nicht durchs Studium gequält, um später nur im Sandkasten zu sitzen“, sagt sie. Auch sie selbst ist zweifache Mutter, damals sei völlig klar gewesen, dass sie in Teilzeit arbeiten gehe und nicht ihr Mann. „Frauen denken lange, dass alles gut ist. Dann kommen die Kinder, die Ehe scheitert, und dann ist nichts mehr gut.“ Ihr Traum: ein obligatorischer Ehevertrag, der für beide Partner Beruf und Familie möglich macht – und zwar gleichermaßen. Sind Männer und Frauen Ihrer Meinung nach in Deutschland gleichberechtigt?

Ein Blick auf den Anteil der Teilzeitbeschäftigten im Kreishaus zeigt, was Lindemann meint: 93 Prozent sind weiblich. Laut Lindemann wissen sie die Flexibilität und Verlässlichkeit des öffentlichen Dienstes zu schätzen. Sie sagt: „Bei Männern heißt es oft: Der ist viele Stunden da, der macht eine Superarbeit. Da können Frauen nicht mithalten, sie müssen ja nach Hause.“ Im Umkehrschluss könnte es bedeuten: Die freie Wirtschaft ist für Männer interessanter, weil sie mehr Geld verspricht.

Generell sieht Lindemann die 19 Kommunen im Kreis gut aufgestellt, aber sie sagt auch: „Die Kommunen sind alle dem Sparzwang unterworfen, die Gleichstellung geht da eher etwas zurück.“ Die Stadt Sankt Augustin etwa hatte voriges Jahr eigentlich eine ganze Stelle für die Gleichstellungsbeauftragte schaffen wollen. Da das betreffende Gesetz aber entgegen der ursprünglichen Annahme nicht an eine bestimmte Stundenanzahl gekoppelt ist, nahm sie Abstand davon – um sich das zusätzliche Gehalt zu sparen.

Susanne Sielaff-Bock bleibt also weiter auf einer halben Stelle. Eine Abfrage bei den Kommunen zeigte damals: Mit Ausnahme des Kreises selbst beschäftigt keine eine Gleichstellungsbeauftragte in Vollzeit. Lindemann sagt allgemein zur Situation: „Ich finde, gerade gibt es eher einen Rückschritt. Bis zum Uniabschluss herrscht Chancengleichheit, danach nicht mehr.“ Also müsse man die Strukturen verbessern. Eine Sisyphusarbeit.

Monika Lohr weiß das aus eigener Erfahrung. Zu ihrer Zeit Ende der 1980er Jahre gab es noch die „Amtmänninnen“. Das passte einigen Frauen aber nicht mehr, sie wollten den Titel einer Beamtin des gehobenen Dienstes ändern – zum Unwillen mancher Männer. Laut Lohr erwiderten diese, dass die Frauen darauf besonders stolz seien, weil er eben vom „Mann“ ableite und die Frauen ihn deshalb sicher nicht ändern möchten. Eine Umfrage unter den Frauen ergab ein anderes Bild. Seitdem heißt es schlicht Amtfrau. „Es hat sich viel getan. Viele Dinge sind selbstverständlich – auch, dass wir eine Bundeskanzlerin haben“, sagt Lohr. Und: „Das ist gut so.“

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