Der letzte Landwirt in Mülldorf: Von Idealen und dem harten Überlebenskampf

Der letzte Landwirt in Mülldorf : Von Idealen und dem harten Überlebenskampf

Wenn um 6.15 Uhr der Wecker von Hans-Peter Keller klingelt, bedeutet das für die rund 17 Mutterkühe, die Kälber, die Hühner und Gänse vor allem eines: Ihre Ställe werden ausgemistet und es gibt Futter. Dieses Prozedere zum Tagesbeginn ist für den letzten Mülldorfer Landwirt, der in die Fußstapfen seines Großvaters Adolf Keller und seines Vaters Peter Franz Keller getreten ist, sieben Tage die Woche Pflichtprogramm, welches sich am Abend in Teilen wiederholt.

Von Mai bis November allerdings sind seine Rinder auf den Weiden an der Sieg in Siegburg- Zange, wo der Mülldorfer rund 35 Hektar Weideland besitzt. Dennoch trügt die Idylle an der Meerstraße, denn die Erträge sinken stetig, und Keller stellt immer wieder an Stellschrauben, damit der Betrieb am Leben bleibt. So will er in naher Zukunft seine Mutterkühe abschaffen und sich nur noch auf die Kälbermast konzentrieren.

"Zu viele Föten werden tot geboren, das lohnt sich einfach nicht mehr", begründet er diesen Schritt. Als Ursache für die sehr auffällige Zunahme der Totgeburten verdächtigt er die vielen Hunde, die an der Sieg laufen und ihr Geschäft auf den Weiden verrichten. "Die Kühe fressen das und werden krank", mutmaßt der Bauer. Eine These, die er jedoch nicht beweisen kann.

Mit dieser Umstellung ist es dann auch vorbei mit dem Natursprung des Zuchtbullen, den er bereits verkauft hat. Warum sich die reine Mast eher lohnt, das kann er mit seinem jüngsten Kälberkauf nur allzu deutlich machen. Lediglich 30 Euro hat das Zwillingspaar Hannah und Johanna ihn pro Kalb gekostet. Für einen ausgewachsenen Bullen bekommt Keller immer noch rund 1600 bis 1800 Euro je nach Gewicht. "Das war zu Zeiten meines Vaters ganz anders, da bekam man für das Kilo Rindfleisch noch zehn Mark und damit rund 4000 Mark für den Bullen." Die Lücke, die heute entsteht, lasse sich nicht ausgleichen.

Noch schlimmer ergehe es den Milchbauern, die teilweise viel Geld in ihre Ställe investiert haben und heute an ihre Substanz gehen müssen. "Ich habe in meiner Ausbildung gelernt, wenn es an die Substanz geht, hört man besser auf." So weit ist es bei Keller noch nicht gekommen, und der Landwirt, der seinen Hof als Ein-Mann-Betrieb bewirtschaftet, hofft noch auf einen Enkel, der möglicherweise das Erbe weiterführt. Sein Vater habe die Milchkuhhaltung des Großvaters 1972 beendet und auf Mutterkuhhaltung umgestellt. Er habe von der intensiven Bewirtschaftung zu einer extensiven Haltung gewechselt. Die Ertragseinbußen könne er durch die Extensivierungsprämie des Landes ausgleichen.

"Um die Jahrtausendwende habe ich meinen Betrieb der grünen Regierung angepasst". Die zahllosen Auflagen aus den Naturschutzverträgen mit der Unteren Landschaftsbehörde muss er dazu jedoch peinlich genau erfüllen. So darf das Weideland nur von Mai bis November beweidet werden, und zwar von maximal 1,4 Großvieh pro Hektar. Zum Großvieh zählen Kühe dann, wenn sie 24 Monate alt sind. Gemäht werden darf ebenfalls nur so, dass um den Stamm der Bäume herum ein Streifen stehenbleibt, der so groß ist, wie die Krone des Baumes. Auch mitten auf der Weide muss der Bauer zehn Meter breite und 900 Meter lange Grünstreifen stehen lassen.

"Da haben mich schon Leute gefragt, ob ich beim Mähen betrunken war oder warum ich diese Streifen stehen lasse", erzählt Keller schmunzelnd. Sein zweites Standbein ist der Ackerbau, den er auf den Feldern im Zentrum West und in Hennef-Söven betreibt. Zuckerrüben hat Keller dabei aus seinem Sortiment herausgenommen, denn der Preis sei zu niedrig.

Er pflanzt neben Silo-Mais als Mastfutter für seine Tiere auch Weizen, Gerste und Triticale - eine Kreuzung aus Roggen und Weizen - an. Auch Hafer steht auf seinen Feldern. Alles das, was er nicht an seine Tiere verfüttert, wird entweder privat oder an die Raiffeisen Warenzentrale (RWZ) verkauft. "Ich arbeite in einem komplett geschlossenen System und muss daher nichts dazukaufen." Die zwölf Hühner und die beiden Gänse sind allein zum Eigenbedarf auf dem Hof. Und hier lebt auch Ricky, der Familien- und Wachhund in Miniaturausgabe.

Die arbeitsintensivste Zeit steht Keller schon bald bevor, denn das ist das Frühjahr. Das wird nach der Prognose des Landwirtes sehr früh beginnen, weil auch Ostern in diesem Jahr sehr früh ist. "Dann sind die Ställe noch voll, die Kühe kalben und die Arbeiten auf den Wiesen und Feldern beginnen ebenfalls", zählt Keller seine Tätigkeiten auf.

Er hatte viel Enthusiasmus, der ihn anspornte, als er 1987 aus dem erlernten Elektrikerberuf ausstieg und bei seinem Vater in die Lehre ging. "Ich sah, was der Vater geschafft hatte, und das hat mich angetrieben", erzählt er. Im Laufe der Zeit sei er jedoch immer mehr auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

"Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich kein Landwirt geworden", bilanziert Keller heute. Er vermisst die Wertschätzung seines Berufes, der auch einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege leistet. "Was mir bleibt, ist meine Selbstständigkeit, ich bin mein eigener Chef", und das will er sich, wenn es irgendwie geht, bis zum Rentenalter bewahren.