1. Region
  2. Sieg & Rhein
  3. Siegburg

Gründe für anonyme Geburt sind zahlreich: Vertrauliches Entbinden im Rhein-Sieg-Kreis

Gründe für anonyme Geburt sind zahlreich : Vertrauliches Entbinden im Rhein-Sieg-Kreis

Seit 2014 dürfen schwangere Frauen bei der Geburt ihres Kindes anonym bleiben, wenn sie das wünschen. Die Gründe für einen solchen Schritt sind vielfältig. Elke Hörmann von der Diakonie berät Frauen vor einer vertraulichen Entbindung.

Die Gründe für Schwangere, bei der Geburt ihres Kindes anonym bleiben zu wollen und es danach abzugeben, sind vielfältig und meistens tiefgreifend. Seit 2014 gibt es für diese Frauen und ihre Kinder ein neues Gesetz, das beide schützt. Statt einer anonymen Geburt können Schwangere auch die vertrauliche Geburt wählen. Demnach können sie ihr Kind im Krankenhaus oder mit einer Hebamme zur Welt bringen und dabei vorerst anonym bleiben. Danach wird das Kind zur Adoption freigegeben.

Die Frauen werden von einer Schwangerschaftsberaterin begleitet, die an die Schweigepflicht gebunden ist. Diese führt durch das Verfahren der vertraulichen Geburt und nimmt Kontakt mit den jeweiligen Behörden wie der Adoptionsvermittlung auf. Einmalig muss die Frau bei der Beraterin ihren Namen und Wohnort hinterlassen. Danach bekommt sie ein Pseudonym, dass sie während der gesamten Schwangerschaft und Geburt behält. Nach seinem 16. Lebensjahr hat das Kind das Recht, die Daten der leiblichen Mutter einzusehen.

Frauen haben Angst vor sozialer Ächtung

Im Rhein-Sieg-Kreis gibt es fünf Schwangerenberatungsstellen von unterschiedlichen Trägern: Profa, Esperanza, Donum Vitae, Arbeiterwohlfahrt und Diakonie. Elke Hörmann ist eine von drei Beraterinnen der Schwangerschaftskonfliktberatung der Diakonie An Sieg und Rhein in Siegburg, die für die vertrauliche Geburt ausgebildet sind. Seit Februar 2017 ist sie auch Coach und Supervisorin für alle evangelischen Schwangerschaftsberatungsstellen im Rheinland zu dem Thema.

Hörmann hat bis jetzt drei Frauen beraten, die ihre Schwangerschaft verheimlichen wollten. Sie haben sich für unterschiedliche Lösungen entschieden, eine von ihnen für die vertrauliche Geburt. „Jede hatte andere Beweggründe, anonym bleiben zu wollen“, sagt die Beraterin. Oft spiele das soziale Umfeld eine große Rolle: Die Abgabe des Kindes nach der Geburt sei ein Tabu-Thema, Frauen würden oft als Rabenmütter abgestempelt. Sie hätten Angst vor sozialer Ächtung und Unverständnis.

Schwangerschaftsberatung - Schutzraum für die Frau

Dann gebe es aber auch die Fälle, wo Frauen Angst hätten, das soziale Umfeld, wie die Familie, zwinge sie, das Kind nach der Geburt zu behalten. „Meist greifen verschiedenste Ängste zusammen. Die Gründe für die Abgabe des Kindes sind vielfältig: Vielleicht sind die Frauen durch weitere Kinder überfordert, erleben Gewalt vom Partner, vielleicht würden sie die familiäre Unterstützung verlieren oder haben finanzielle Probleme“, erklärt Hörmann. In ihren drei Fällen seien die Frauen zwischen 20 und 25 Jahren alt gewesen und hätten alle das erste Kind erwartet. Sie hätten zu spät von der Schwangerschaft erfahren, um diese abzubrechen. Die Frauen seien verzweifelt gewesen, isoliert durch ihre verheimlichte Schwangerschaft und hätten massive Ängste gehabt.

„Sie waren in einer extremen Notsituation. Keine Mutter gibt leichtfertig ihr Kind ab. Sie haben schwer darunter gelitten“, sagt die Beraterin. Es sei der wohl schwerste Moment, den man im Leben haben könne. „Als Beraterin überrede ich niemanden zu etwas, ich gehe mit der Frau den Weg, den sie mir vorgibt und suche mit ihr nach einer passenden Lösungsmöglichkeit“, sagt Hörmann. Die Schwangerschaftsberatung sei ein Schutzraum für die Frau, in dem sie sich Hörmann anvertrauen könne. Bei zwei ihrer Fälle sei dazu wenig Zeit gewesen, Hörmann wurde erst gerufen, als die Frauen zur Geburt ins Krankenhaus kamen. „Dort kommt natürlich der Zeitdruck dazu und die Frage, ob ich so schnell Kontakt und Vertrauen mit der Schwangeren bekomme.“ Eine der Frauen wollte bei der anonymen Geburt bleiben, die zweite entschied sich für die vertrauliche Geburt.

Im dritten Fall kam die Schwangere frühzeitig in die Beratungsstelle zu Hörmann. Sie entschied sich dafür, eine geregelte, nicht anonyme Adoption zu machen. Hörmann würde sich wünschen, dass mehr Frauen frühzeitig die Hilfe der Schwangerschaftsberatung in Anspruch nähmen und dass die Möglichkeit der vertraulichen Geburt noch bekannter würde. „Viele wissen gar nichts davon“, sagt sie. Die vertrauliche Geburt müsse ein feststehender Begriff werden und als Alternative zur anonymen Geburt gesehen werden, bei der einem geholfen wird. Das Gesetz schützt nämlich auch die Kinder. „Diese wollen wissen, wo ihre Wurzeln sind und können das mit der vertraulichen Geburt im Gegensatz zur anonymen Geburt nach dem 16. Lebensjahr herausfinden“, so Hörmann. Spannend würde es 2030, wenn die ersten Kinder von vertraulichen Geburten dieses Recht in Anspruch nähmen.