Mit Hund Marley durch den Alltag: So geht es sich als Blinder auf Siegburgs Straßen

Mit Hund Marley durch den Alltag : So geht es sich als Blinder auf Siegburgs Straßen

Günter Wingender hat ein angeborenes Glaukom und ist seit 33 Jahren blind. GA-Redakteurin Nadine Quadt zeigt er, was Sehbehinderten in Siegburg das Leben einfacher macht und wo Probleme lauern.

Die Glocke an Marleys Geschirr bimmelt und durchdringt das allmorgendliche Gewirr aus Stimmen, Schritten, an- und abfahrenden Bussen und Zügen. Vor den Stufen hinab zu den Gleisen der Stadtbahn 66 bleibt der Labrador stehen. „Fein, prima“, lobt Günter Wingender seinen Hund, ertastet mit seinem Stock die erste Stufe und geht dann weiter. Marley schenkt dem 69-Jährigen Orientierung in den Weiten des Siegburger Bahnhofs. Zusammen mit Stock, Nase, Ohren und Füßen ersetzt er ihm das Augenlicht. Günter Wingender hat ein angeborenes Glaukom und ist seit 33 Jahren blind.

Ohne Haltestellendurchsagen wird es schwierig

Die Busfahrt in die Innenstadt ist an diesem Morgen nicht so reibungslos gelaufen wie sonst. „Es gab keine Haltestellendurchsagen“, sagt Wingender. Die seien für Blinde oder Sehbehinderte aber wichtig. „Ich bin seit 40 Jahren auf der Strecke unterwegs, daher weiß ich, wann ich aussteigen muss“, sagt er. Dafür müsse er sich allerdings sehr konzentrieren. Um Busfahrer für Probleme dieser Art zu sensibilisieren, begleitet er zusammen mit dem Inklusionsfachbeirat des Rhein-Sieg-Kreises eine Schulung. „Dabei geht es unter anderem auch darum, dass Busse für Rollstuhlfahrer nah genug an den Bordstein fahren müssen“, so Wingender, der Vorsitzender des 2015 gegründeten Beirates ist.

Ohne Marley sei es schwieriger, sich zu orientieren. „Ich brauche dann Leitstreifen“, erklärt der Siegburger und streift mit seinem Stock über die weiße Linie auf dem Bahnhofboden. Noppen, die die geriffelte Linie unterbrechen, signalisieren ihm: „Halt, hier ist irgendetwas.“ Das kann die Information, die Toilette oder der Aufgang zum Bahnsteig sein. In Siegburg fehlen ihm ein paar solcher Linien: vom Busteig eins zu den Haltestellen in der Mitte oder zum Bahnhofsausgang Konrad-Adenauer-Allee. „Wenn im Sommer der Wasserlauf in Betrieb ist, finden wir den Weg, sonst wird es ohne Hund schwierig“, erklärt er.

Berührungsängste überwinden

Marley ist meist an seiner Seite, das erleichtere etwa den Gang durch die Fußgängerzone. „Er leitet mich sicher um Außenbestuhlungen und Schilder herum“, sagt Wingender. Ohne seinen Blindenführhund sei der Weg vom Bahnhof hin zum Arzt in der Innenstadt ein Hindernislauf, spricht der 69-Jährige auch für seine sehbehinderte Frau, die er auf der Blindenschule in Neuwied kennengelernt hat. Dabei ärgert ihn auch die Ignoranz mancher Mitmenschen. Etwa, wenn er auf dem Leitstreifen gegen Fahrräder läuft. Wenn Menschen, sobald er in Begleitung ist, nicht mehr mit ihm selbst reden. Oder, wenn er auf seine Frage nach dem Weg hört: „Da vorne an dem roten Schild rechts.“

Es gibt sie aber doch, die Menschen, die ihre Berührungsängste überwinden und spontan Hilfe anbieten. Wie der Herr, der ihn warnt ehe er vor einen Warenständer läuft. Oder auch einen übereifrigen Helfer, der ihn einmal ungefragt über die Straße geleitete, „obwohl ich gar nicht hinüber wollte“, sagt er und lacht. Mehr solcher Menschen wünscht sich Wingender, der Vize-Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins Bonn/Rhein-Sieg ist. Er freue sich über jedes Hilfsangebot, auch wenn er nicht jedes annehme.

Apps auf dem Smartphone helfen Blinden weiter

Objektiv hören Blinde nicht besser als alle anderen, weiß der gelernte Masseur und medizinische Bademeister zu berichten. Subjektiv aber schon. „Wir sind ja auf unser Gehör angewiesen“, sagt er. So hört der 69-Jährige etwa, dass die junge Dame am Nebentisch gerade eine Nachricht in ihr Handy tippt. „Es hat sich sehr viel getan in den letzten Jahren“, sagt Wingender. Vor allem Dank der Technik. So gibt es etwa Anwendungen für Smartphones, die Sehbehinderten den Alltag erleichtern. Sie helfen etwa, unbekannte Dinge durch die Augen anderer zu erkennen, navigieren durch fremde Umgebungen oder melden, ob die Ampel Rot oder Grün zeigt.

„Mit meinem Computer kann ich unsere Bankgeschäfte und Korrespondenz selbst erledigen“, sagt er. Oder seine eigene Internetseite gestalten. Auch in diesem Bereich sei viel geschehen. „Für Menschen mit Sehbehinderungen ist es wichtig, dass sich die Schrift vergrößern, von Schwarz auf Weiß oder umgekehrt stellen oder sich in Sprache oder Brailleschrift (eine Blindenschrift, Anm. d Red.) übertragen lässt“, erklärt Wingender, der zusammen mit neun Sehbehinderten und Blinden bei den Sankt Servatius Schützen schießt. Falsche Rücksichtsnahme lehnt er im Übrigen ab. „Wer unsicher ist, soll uns einfach fragen“, sagt er und versichert: „Auch Blinde lesen Bücher, gucken fernsehen und wünschen sich Auf Wiedersehen.“

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