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GA-Serie: "Siegburg im Wandel": Siegburger Markt: Man kennt sich, man hilft sich

GA-Serie: "Siegburg im Wandel" : Siegburger Markt: Man kennt sich, man hilft sich

Die Serie "Siegburg im Wandel" zeigt, wie sich die Kreisstadt im Laufe der Zeit verändert hat. An ausgesuchten Orten geht der GA der Frage nach, wie es früher war und wie es heute ist. Erste Folge: der Markt.

Vor dem Obst- und Gemüsestand Yilmaz ist viel los, neun Marktbesucher warten darauf ihre Bestellung aufgeben zu können. Hektik ist hier fehl am Platz, die Kunden haben an diesem Morgen Zeit mitgebracht und nehmen mal hier eine Paprika in die Hand und riechen dort an einem Korb Erdbeeren.

Die jungen Verkäufer haben alle Hände voll zu tun. Sie füllen 500 Gramm Kirschen in eine Papiertüte oder verpacken drei Nektarinen. Die Siegburgerin Ruth Kühn hält am Stand der Familie Engels. „Ich gehe täglich hier auf den Markt, ich treffe hier immer Leute die ich kenne.“

Von seiner Wohnung über der Löwenapotheke auf dem Siegburger Marktplatz aus beobachtet Heribert „Harry“ Schmitz täglich dieses Treiben: „Der Marktplatz ist eine Begegnungsstätte geworden. Alle haben hier ihre Stammplätze.“ Schmitz ist in Siegburg geboren und weiß, dass der Marktplatz nicht immer so aussah. Wo heute Cafés ihre Gäste bewirten und Fußgänger flanieren, dominierte noch vor gut 40 Jahren der Verkehr.

Der Verkehr wurde verbannt

Auch eine Straßenbahn, der „Rhabarberschlitten“ nach Zündorf, rollte bis 1963 über den Platz. Die Haltestelle befand sich direkt gegenüber des Juweliergeschäfts der Familie Schneider. Gert Schneider, 86, kann sich noch gut an diese Zeit erinnern: „Ich bin habe den Straßenlärm kaum wahrgenommen. Ich kannte es ja nicht anders. Für die Ladenbesitzer hier, war der Verkehr sehr praktisch.“ So wurde vor den Geschäften geparkt.

Die Ladenbesitzer seien es auch gewesen, die der Einführung der Fußgängerzone skeptisch gegenüber standen, erinnert sich Schmitz. Er leistete 1972 Überzeugungsarbeit für eine autofreie Innenstadt: Als Mitglieder der Jungen Union gestalteten er und Zahnarzt Meinrad Müller eine Broschüre mit Fotomontagen für einen verkehrsfreien Markt. Sie stellten zwei Szenarien gegenüber: Ein vom Autostau geprägter Markt im Kontrast zu einem Platz, auf dem Menschen an Tischen draußen sitzen und Kaffee trinken. Letzteres wurde Realität. „Wir haben jetzt auf dem Marktplatz eine lebendige Außengastronomie“, sagt Schmitz.

"Das Kaufverhalten hat sich geändert"

Auch Gert Schneider freut sich heute über die Cafés auf dem Markt: „Das gab es hier früher nicht, da stand kein einziger Tisch.“ Aber auch das hat sich geändert: „Der Markt war früher proppenvoll mit Ständen. Von oben bis unten war der Platz in vier Reihen bestellt.“ Heute sei das nicht mehr so. Das Kaufverhalten habe sich geändert, so Schneider. „Ich kann es auch verstehen, Supermärkte sind für viele einfach praktischer.“ Das veränderte Kaufverhalten bekamen auch die Läden zu spüren. Laut Schneider sei die Nachfrage an hochwertige Luxusartikeln nach und nach zurückgegangen. „Die entsprechenden Geschäfte sind nicht mehr da“, sagt Schneider. Sein Juweliergeschäft gab er 2015 nach 122 Jahren auf.

Während dort nun die Telekom residiert, nutzt er weiter die Wohnräume seines Hauses. Wegziehen? Kommt für ihn nicht in Frage. Auch wenn er die vielen Veranstaltungen – etwa Konzerte – heute als eher störend empfindet. Der Markt sei mehr und mehr Veranstaltungsort geworden, so Schneider. Zahlreiche Märkte, Feste und Konzerte finden auf dem Markt statt – wie viele es genau sind, konnte die Stadt auf Anfrage nicht sagen. Die wohl bekanntesten sind der Mittelaltermarkt im Advent, die Konzertreihe „Siegburg live“ im Sommer, das Stadtfest und die Weiberfastnachtsparty. Schmitz begeistert das: „Ich finde es toll, dass in der Stadt was los ist.“

Neue Trends

Dafür sorgt seit neustem auch Sandra Frielingsdorf mit ihrem Open-Air Yoga vor dem Museumscafé. „Wir sind hier im Herzen Siegburgs. Besonders viele Menschen schauen zu, und genau das sollen sie auch.“ Sie wolle zeigen, dass man sich mit Yoga nicht verstecken muss – und dem Markt eine neue Facette schenken. „Er wird zu einem Ort, auf dem Menschen ihre innere Mitte finden.“

Neue Trends finden Siegburger auch auf dem Wochenmarkt. Fabian Engelbrecht bringt mit seinem „Cook it“-Stand neue Vielfalt. Er verkauft Rezepte und dazu Einkaufstüten, die passend mit den jeweilige Zutaten gefüllt sind. Seit knapp einem Jahr verkauft er seinen Rezeptüten in Sieburg. „Mir gefällt vor allem die Atmosphäre hier. Der Markt ist sehr persönlich, man kennt sich, man hilft sich.“