Siegburger Literaturwochen: Lesung mit Konstantin Wecker

Literaturwochen in Siegburg : Konstantin Wecker gibt Einblicke ins schrecklich schöne Leben

Der 72-jährige Konstantin Wecker stand bei den Literaturwochen auf der Siegburger Bühne. Bei seiner Lesung zeigt er sich als kritischer Pazifist mit poetischem Tiefgang.

„Schön, dass Sie da sind“ – unprätentiös und locker betritt Konstantin Wecker (72) die Siegburger Literaturbühne, legt nach seinem kurzen Gruß ins rappelvolle, abgedunkelte Forum des Stadtmuseums gleich los. „Nichts ist erklärbar. Nur im Unsichtbaren lernen wir zu sehen.“ Der Anfangsgedanke seines Buches erscheint dem Zuhörer aus der Dunkelheit heraus mehr als schlüssig.

Das Unerklärliche, die Mystik eines Augenblicks, versucht Wecker dennoch zu vermitteln und bündelt dabei die Konzentration seiner Zuhörer mit gleichermaßen poetischen wie aufschlussreichen Exkursen in sein Leben. Die Spannung, die sich dabei aus dem scheinbaren Widerspruch von Poesie und Widerstand ergibt, steht wie ein Fragezeichen im Raum.

Konstantin Wecker war früher Softporno-Darsteller

Aus seinem im letzten Jahr erschienenen Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren: Poesie ist Widerstand“ liest Wecker einige Passagen. Es sei eine seiner beiden Autobiografien. Auch aus „Das ganze schrecklich schöne Leben“, das er 2017 geschrieben hat, wolle er vorlesen. Und am Nachmittag habe er sich noch ein Buch aufs E-Book geladen. Er habe also Lesestoff zu Genüge im Gepäck – und auch ohne vorzulesen geizt er am Abend nicht mit Worten, gibt gerne und großzügig Einblicke in sein Leben, das von Anfang an voller Spannung, Farben und Nuancen war.

Wichtig war ihm, eine Dankbarkeit gegenüber seinem Elternhaus zu benennen, in dem „diskutiert, gefordert, gelacht und geweint“ wurde. Fast wirkt er stolz auf die vielen kleinen Abzweigungen von den bürgerlich „rechten Wegen“, wenn er einen seiner ersten Gefängnisaufenthalte und eine ihm dabei geschenkte Knastfreundschaft zitiert.

Auch die Rolle eines Softporno-Darstellers, die er annahm, weil er jung war, das Geld brauchte und das Kleingedruckte im Vertrag nicht gelesen hatte, macht er genussvoll zum Thema. Wirklich wichtig auf dem Weg zum Erwachsenwerden sei ihm die Geburt seines ersten Sohnes gewesen, mit dem er nicht nur den magischen Zauber des Schnees wiederentdeckte, sondern auch den dankbaren Blick auf die Welt wiederfand, während er die eigene Entfernung zum Wunderbaren in der Kindheit feststellte.

„Ich war die absolute Drecksau“, sagt er über seine Rolle eines manipulativen SS-Manns im Film „Wunderkinder“ (2011). Das Erschreckende für ihn selber: Mit der Uniform habe er den Faschisten in sich selber erfahren. „Er steckt in jedem von uns“, sei die wichtigste Lehre, die er aus dieser Filmrolle gelernt habe. Den Geschwistern Scholl widmete er ein Lied und macht damit einmal mehr deutlich, dass das Bemühen um ein friedliches Miteinander, Antifaschismus und Pazifismus seine großen Themen sind.

Wecker vereint in Siegburg Musik und Poesie mit Politik

Machtstrukturen zu hinterfragen und dem System zu widersprechen wird für ihn zum poetischen wie politischen Leitmotiv. „Ihr habt geschrien, wo alle schwiegen. Es ging ums Tun und nicht ums Siegen“, rezitiert Wecker den Refrain im Geschwister Scholl-Lied. Sein Engagement für Zivilcourage, Pazifismus und Antifaschismus treibt den Sänger, Komponisten und Poeten schon seit vielen Jahren um. Neben musikalischen Auszeichnungen, wie dem Bayerischen Staatspreis für Musik-Sonderpreis (2017) ist er auch Träger des Göttinger Friedenspreises (2018) und wurde von der Universität Landau mit der Thomas-Nast-Gastprofessur ausgezeichnet.

Wer geglaubt haben sollte, dass Musik und Poesie einen Widerspruch zu politischem Engagement und sozialem Einsatz bilden, der wird bei Wecker eines Besseren belehrt. Der politische Einsatz ist dem Musiker, der neben Wader, Biermann, Hoffmann und Mey zu den bedeutendsten deutschen Liedermachern zählt, ein lebenslanges Anliegen.

Einziger Wermutstropfen: Das Klavier auf der Bühne ließ hoffen, dass es auch Musik von Konstantin Wecker gebe. Doch der Barde lässt das Klavier einsam und unberührt auf der Bühne stehen. Die Lieder, die Wecker dann – im Publikum stehend – in Bänkelsang-Manier rein a cappella zu hören gibt, hätten indes etwas Unterstützung eines gut gestimmten Instruments gebrauchen können.

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