Workshop mit Boxsack: Seminarleiter in Niederkassel schickt Teilnehmer in den Boxring

Workshop mit Boxsack : Seminarleiter in Niederkassel schickt Teilnehmer in den Boxring

Till Wagener aus Niederkassel schickt seine Teilnehmer beim Seminar „Boxemotion“ in den Ring. Die Teilnehmer sollen Einblicke in die eigene Persönlichkeit und Lebensführung gewinnen.

Der Boden der Turnhalle vibriert unter den Füßen der Jugendlichen. Gummisohlen quietschen auf dem Parkett, Fäuste knallen auf gepolsterte Schlagkissen. Nach wenigen Minuten tropft bei den Boxern des Allgemeinen Turnvereins Bad HonnefSelhof (ATV) der Schweiß. Entschlossenheit, der Wille, sich im Training zu quälen – das ist den Sportlern anzumerken. Gefühle, so scheint es auf den ersten Blick, haben hier nichts verloren. Till Wagener aus Niederkassel, selbstständiger Finanzberater und selbst seit zwei Jahrzenten Boxer beim ATV, ist da ganz anderer Meinung. Boxen ist für ihn nicht nur eine hochemotionale Angelegenheit, sondern der perfekte Spiegel, um Einblicke in die eigene Persönlichkeit und Lebensführung zu gewinnen.

Gemeinsam mit Boxtrainerin Anke Müller und der Unterstützung von Psychologen hat der 50-Jährige aus dieser Idee ein ungewöhnliches und nach eigenen Angaben deutschlandweit einmaliges Seminarkonzept entwickelt. „Boxemotion“ nennt sich der Workshop, den Wagener und sein Team seit rund zwei Jahren in Kooperation mit dem ATV anbieten. Sowohl Frauen und Männer aller Altersklassen als auch Gruppen, darunter auch Belegschaften von Unternehmen, die den Workshop als Teambildungsmaßnahme nutzen, begrüßte Wagener bereits zu dem Seminar in der Sportschule Hennef oder in der ATV-Halle in Bad Honnef.

„Wer schon einmal im Boxring stand, der weiß, dort kann man sich nicht verstecken oder verstellen“, erklärt Wagener den Grundgedanken des Konzepts, das er sich inzwischen hat patentieren lassen. Diese Erfahrung stehe auch für die Teilnehmer am Anfang des Seminars. Zuvor gibt es eine kurze Einführung in grundlegende Boxtechniken. „Das ist wichtig, damit sich niemand verletzt“, so Wagener. Dann geht es für die Teilnehmer, ausgestattet mit Kopfschutz, auch schon in den Ring.

Für viele sei das Eins-gegen-Eins im Ring das erste Mal überhaupt, dass sie sich in einer direkten körperlichen Konfrontation wiederfinden. „Manche Teilnehmer sind zu Beginn sehr zurückhaltend“, berichtet Wagener. Doch spätestens, wenn ein Gegner erste vorsichtige Schläge austeile, lösten sich die anfänglichen Hemmungen.

Die Reaktionen, die das bei den Teilnehmern auslöse, seien sehr unterschiedlich, in jedem Fall aber zeigten sich Parallelen, „wie wir uns im richtigen Leben verhalten“, so Wagener, der diesen ersten Schlagabtausch im Video festhält und anschließend mit den Teilnehmern bespricht. Dabei komme es durchaus vor, dass auch mal Tränen fließen. Manche Teilnehmer seien schockiert, wenn sie auf den Aufnahmen sehen, mit welcher Wut sie im Ring loslegen, andere seien überwältigt, dass sie sich trotz anfänglicher Angst auch gegen größere Gegner gut behaupten können. „Ring des Lebens“ nennt Wagener diese Erfahrung. „Wie im Leben, so ist es auch beim Boxen entscheidend, die Mitte zu halten“. Das Ziel des Seminars: Blockaden auflösen, Achtsamkeit auf eigene Verhaltensmuster schulen und innere Souveränität im Alltag gewinnen.

„Hass, Frust, Angst oder Verunsicherung – das alles kommt auch bei der Arbeit am Sandsack zum Vorschein“, sagt Anke Müller. Die 56-Jährige ist seit zwanzig Jahren Boxtrainerin und außerdem die erste Ringrichterin in Deutschland. Beim intensiven Training könne man „richtig gut den emotionalen Mülleimer ausleeren“, so Müller. „Wir haben alle gelernt, negative Emotionen möglichst zu unterdrücken, doch hier werden sie herausgekitzelt.“ Davon können auch Boxer des ATV Selhof berichten. „Ich hatte schon Situationen, da habe ich tränenüberströmt dagestanden. Aber es war wie eine Befreiung für mich“, sagte ein 21-jähriger Boxer.

Eine Anmeldung für das Seminar ist unter www.boxemotion.de möglich. Kosten: ab 150 Euro pro Person.