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Corona-Zwangspause für Schüler: Schulen im Rhein-Sieg-Kreis setzen auf Lern-Apps

Corona-Zwangspause für Schüler : Schulen im Rhein-Sieg-Kreis setzen auf Lern-Apps

Zahlreiche Online-Lernplattformen bieten Schülern in der Corona-Zwangspause ihren Service kostenlos an. Beim Lernen zuhause sind aber auch die Eltern gefragt.

Die Schüler in Nordrhein-Westfalen müssen auf Anordnung des Landes bis zu den Osterferien zu Hause bleiben. Doch der Unterrichtsausfall muss dem Lernen nicht unbedingt ein Ende setzen: Einige Anbieter von Online-Lernplattformen und Lern-Apps bieten ihren Service während der Zwangspause nun gratis an.

Dazu gehört die App „simpleclub“. „Schüler aller Klassenstufen sind davon betroffen, deshalb möchten wir mit simpleclub helfen, damit Schüler auch von zu Hause aus weiter lernen können“, schreibt Co-Gründer Alexander Giesecke auf der Website. Diesen Service bietet das Unternehmen nach eigener Aussage allen betroffenen Schulen. „Lehrer/Schulleiter können das Angebot in Anspruch nehmen, indem sie eine E-Mail an corona@simpleclub.com schreiben“, schreibt Giesecke weiter.

Ein Nutzer ist seit Kurzem das Berufskolleg des Rhein-Sieg-Kreises in Siegburg, das seinen Schülern unter anderem diese App empfohlen hat. Mit einem Gutschein-Code können die Mädchen und Jungen nun kostenlos den Premium-Zugang erhalten – bis zum 20. April, wenn die Schulen nach aktuellem Stand wieder öffnen werden. Mit simpleclub können sich Schüler ab der siebten Klasse einen individuellen Lernplan für jedes Fach entwerfen. Dazu haben sie Zugriff auf Übungen, Lehrvideos und Zusammenfassungen von Lektüren.

Das Berufskolleg leitete seinen Schülern ebenso ein Angebot des Stark-Verlags weiter. Über das E-Learning-System von StudySmarter macht der Verlag Inhalte aus seinen Lehrbüchern aus den Fächern Mathematik, Deutsch, Englisch, Biologie und Geschichte für die gymnasiale Oberstufe online verfügbar. Der sonst kostenpflichtige Premium-Zugang ist ebenfalls bis Ende der Osterferien kostenlos.

Wie Schulleiterin Daniela Steffens erklärt, habe das Kolleg allerdings keine Anfrage an die Anbieter gestellt – diese seien von sich aus auf die Schule zugekommen. Rund ein halbes dutzend E-Mails mit kostenlosen Angeboten seien in den vergangenen Tagen eingegangen. Zunächst habe die Schulleitung diese ausgewertet und mit dem Datenschutzbeauftragten geklärt, inwiefern sie verwendet werden dürfen. Zwei bis drei Angebote leiteten die Lehrer laut Steffens am Ende an ihre Schüler weiter.

„Das ersetzt den Lehrer im Klassenraum nicht, aber wir müssen gucken, wie wir bestmöglich mit der Situation umgehen“, sagt Steffens. Sie persönlich nutze die elektronischen Medien auch, um ihren Schülern das Lernen zu erleichtern. „Ich entwerfe Arbeitsblätter mit GoodNotes. Wenn sie fertig sind, mache ich ein Video mit iMovie, in dem ich sie bespreche. Da gibt es zum Beispiel Zeigefunktionen, man kann etwas aufblinken lassen“, erklärt sie ihre Vorgehensweise. Und die Schüler würden mit der Situation gut umgehen. „Sie arbeiten toll. Sie kriegen die Aufgaben und reagieren prompt darauf, schicken ihre Lösungen und Fragen, wenn sie welche haben“, lobt die Schulleiterin.

Unterstützung für Schüler kommt auch vom Duden: Eine zweimonatige Mitgliedschaft in seinem Lernportal „Learnattack“ schenkt der Verlag jedem, der sich bis zum 31. März registriert. Die Nutzer erhalten nach eigenen Angaben Zugriff auf 40.000 Erklärvideos, Übungen und Klassenarbeiten ab der vierten Klasse.

Ähnlich wie simpleclub gestaltet sich die Lernplattform „scoyo“, sie richtet sich aber an die Klassen 1 bis 7. „Grundschüler lernen in einer spielerischen Planetenwelt“, heißt es auf der Website. Abgedeckt werden Mathe, Deutsch, Englisch, Physik, Biologie, Chemie und Kunst. Wer sich unter schulschliessung@scoyo.de mit Namen, Adresse und der betroffenen Schule meldet, erhält zwei Wochen kostenlosen Zugang.

Ein weiteres Angebot ist die Lernplattform „charly.education“, mit der Kinder und Jugendliche unter anderem Karteikarten erstellen und ihr Wissen mithilfe von Lernspielen überprüfen können. Sie können sich ihre Dokumente kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr audrucken und zu sich nach Hause schicken lassen. Die Nutzung kann über die App oder auf der Webplattform erfolgen.

Wie digital die Schulen schlussendlich wirklich sind, zeigt sich in den Tagen des verordneten Home Schoolings. Während einige Lehrer in dieser Republik digitale Vorreiterrollen übernehmen und ihren Unterricht einfach via Videokonferenz vom Klassenraum ins Internet verlegen, kennen viele andere die neuen Techniken noch nicht einmal. Da werden dann reihenweise Buchseiten eingescannt oder abfotografiert und als E-Mail-Anhang an die Schüler gesendet, damit die Eltern den Stoff an ihre Kinder weiterreichen können. Als Aushilfshauslehrer haben es die Eltern häufig schwer; auch für sie ist der Stoff schließlich Neuland oder zu komplex, sie verfügen nicht über didaktische Fähigkeiten, und sie haben oft auch noch andere Dinge zu tun.

Das erzählt auch Angela Nussbaum. Ihre Tochter besucht die dritte Klasse der Herseler Grundschule. Die Lehrer schicken wöchentlich Aufgaben an die Eltern, die sie gemeinsam mit den Kindern lösen sollen. „Wir als Eltern müssen die Aufgaben erklären, lösen und korrigieren. Dabei stößt man auch seelisch häufig an seine Grenzen“, so Nussbaum. Die Lehrer selbst kontrollierten oder korrigierten zwischenzeitlich keine Aufgaben. Nach den Osterferien werde der Unterricht einfach fortgesetzt, der Stoff werde nicht wiederholt.

Die 17-jährige Annerike Dahl besucht das Konrad-Adenauer-Gymnasium Meckenheim und steht kurz vor dem Abitur. Sie nutzt die Zeit, um sich selbstständig auf die Prüfungen vorzubereiten. Dahls kleiner Bruder besucht die sechste Klasse des Gymnasiums. Seine Lehrer stellen den Schülern wöchentlich Pakete mit Aufgaben zusammen und laden sie in eine Cloud hoch. „Meine Mutter hilft ihm nicht nur dabei die Aufgaben zu lösen, sie muss die Seiten erst ausdrucken, später wieder einscannen und per E-Mail an die Lehrer versenden“, sagt Dahl. Denn die Funktion, dass Schüler die Arbeitsaufträge hochladen, funktioniere derzeit nicht.

Die angehende Abiturientin bemängelt auch, dass es keine einheitliche Einweisung gab – weder für Schüler noch für Lehrer. Einige laden täglich etwas hoch und geben den Schülern ein Zeitfenster, bis sie die gelösten Aufgaben einreichen müssen, andere wollen die Arbeitsaufträge erst bei Schulbeginn kontrollieren. Das bestätigt auch Zehntklässler Tim Knauer: „Es gibt keine einheitliche Regelung. Die Lehrer haben wenig Übersicht über unsere täglichen Leistungen.“ Er lernt jeden Tag rund drei Stunden mit seiner großen Schwester. Dabei macht er die Aufgaben per Hand und schickt den Lehrern ein Foto per E-Mail. Ob und welche Reaktion er darauf erhält, sei abhängig vom Lehrer.

Im Mai stehen bei ihm die Zentralen Prüfungen an. Knauer ist der Meinung, dass er gegenüber den vorherigen Jahrgängen einen Nachteil hat. „Uns fehlen Stoff und Unterrichtsstunden“, so Knauer. Den persönlichen Kontakt mit den Lehrern vermisst auch Dahl. Zwar könne sie sich auf ihre Abiturfächer konzentrieren und habe mehr Zeit zum Lernen, aber Fragen kann sie nur per E-Mail stellen. „Dabei kommen einem häufig die Fragen erst während der Wiederholungen im Unterricht“, sagt die 17-Jährige. Grundsätzlich abgeneigt sind beide Schüler nicht von dem E-Learning-Konzept. Es müsse aber interaktiver und einheitlicher werden.

Der digitalisierte und dann wieder entdigitalisierte Papierhaufen zeigt jedenfalls eindeutig, dass die Schulen künftig noch digitaler werden müssen – dann aber richtig.