Siegburger Literaturwochen: Schauspieler Knižka fordert mehr Demokratie und Frieden

Siegburger Literaturwochen : Schauspieler Knižka fordert mehr Demokratie und Frieden

Roman Knižka setzt sich bei den Siegburger Literaturwochen mit rechter Gewalt auseinander. Der Schauspieler gastiert mit dem Bläserquintett Opus 45 im Stadtmuseum und plädiert dafür, sich für Frieden und Demokratie einzusetzen.

Vor drei Jahren war er schon einmal Gast der Siegburger Literaturwochen. Nun kehrt Roman Knižka zusammen mit dem Bläserquintett Opus 45 zurück nach Siegburg. Wieder haben sie ein hochpolitisches Thema im Gepäck. Literarisch und musikalisch setzen sie sich mit der Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland auseinander. Angesichts der Ereignisse in Chemnitz, Köthen, Kandel und andernorts ist das Programm aktueller denn je. Über seine Beweggründe sprach der Schauspieler mit .

„Es ist geschehen, und folglich wird es wieder geschehen“ – dieses Zitat des Auschwitz-Überlebenden Primo Levi schwebt über Ihrem Programm. Was denken Sie, wird noch einmal geschehen, was nicht wieder geschehen darf?

Roman Knižka: Das wird nicht wieder geschehen, habe ich lange gedacht. Aber wir sind ja gerade mittendrin. Es gibt besorgniserregende Parallelen zu den Endzwanziger Jahren, gerade auch in Anbetracht der jüngsten Wahlergebnisse und des Rechtsrucks in ganz Europa. Es klingt wie eine Floskel, aber wir müssen uns dafür einsetzen, Frieden, Eintracht und Demokratie zu erhalten. Das ist kein Selbstläufer, das haben unsere Vorfahren hart erarbeitet. Nicht umsonst ist seit so vielen Jahrzehnten Frieden in Europa.

Setzen Sie sich auch fern der Bühne gegen rechte Tendenzen ein?

Knižka: Natürlich. Ich war bei der riesengroßen Demo „Unteilbar“ in Berlin. Unter den 240 000 Teilnehmern waren viele bekannte Gesichter. Das verbindet. Es ist aber auch klar, dass man miteinander reden muss, auch wenn man anderer Gesinnung ist. Man muss sich zuhören, den anderen verstehen und sensibel sein. Wieso kommt er zu dieser Ansicht oder warum ist er dieser Meinung?

Ist das auch bei Ihnen zu Hause ein Thema?

Knižka: Ich habe zwei Söhne, und es ist mir ein großes Anliegen, sie politisch zu sensibilisieren. Sie sind Schulkinder, fragen nach und wollen Aufklärung. Ich liefere ihnen gerne Antworten. Es sind viele Unbekannte um uns herum, wir müssen uns arrangieren, uns solidarisch zeigen und auch Opfer bringen. Man muss immer etwas geben, um im Idealfall etwas Besseres zurückzubekommen. Dazu gehört aber, dass man weiß, was schon alles passiert ist.

Wie haben Sie das in Ihrer Kindheit erlebt?

Knižka: Ich bin verhältnismäßig privilegiert aufgewachsen, da meine Eltern Künstler waren. In der damaligen DDR war es – oberflächlich betrachtet – eigentlich ganz friedlich, solange man niemandem in die Quere kam. Das gelang mir leider nicht immer. Ich stamme aus Bautzen und bin sehr erschrocken darüber, wie viele Menschen rechter Gesinnung es in meiner Heimat gibt. Dabei leben in Sachsen nur sehr wenige Ausländer. Unwissende Menschen haben Angst vor ihrer eigenen Unwissenheit, sage ich.

Sehen Sie es als Ihre Aufgabe an, Wissen zu vermitteln?

Knižka: Ich drehe häufig Filme, in denen es um Belangloses geht. Aber auch Dramen oder kritische Tatorte. Ich mag an meinen Beruf, dass man alles sein kann, wenn man es zu bedienen weiß. Im konkreten Bühnenprogramm sehe ich mich tatsächlich als jemand, der Wissen weitergeben möchte.

Wie ist es zu Ihrer Zusammenarbeit mit Opus 45 gekommen?

Knižka: Ich bin schon immer musikaffin gewesen. Vor allem was die klassische Musik betrifft. Meine Eltern kommen aus der Klassik, meine Mutter war Sängerin. Vor zehn Jahren lief ich der Flötistin von Opus 45 über den Weg, und wir entschieden, etwas gemeinsam zu machen. Ich liefere den Text und das Ensemble die Musik. Wir haben angefangen mit Peter und der Wolf, für die ganz Kleinen.

Wie sind Sie vom Kindermärchen zu politischen Themen gekommen?

Knižka: Wir bewegen uns seit drei Jahren auf politischer Ebene, weil wir das für nötig halten. Und da bin ich gerne Sprachrohr. Unser erstes Programm beinhaltete Musik und Literatur von Menschen, die zu Opfern in der NS-Zeit wurden. Das kam gut an, und so hat uns die Landeszentrale für politische Bildung NRW dazu ermuntert, weiterzumachen. Im neuen Programm geht es darum, sich mit dem Thema „rechte Gewalt“ auseinanderzusetzen und natürlich wollen wir auch den Opfern eben dieses Terrors gedenken. Wir fangen an bei der Gründung der Bundesrepublik und enden mit dem Richterspruch im NSU-Prozess.

Gibt es Texte, die Ihnen persönlich besonders nahe gehen?

Knižka: Ja. Da ist ein Mädchen, das unter Nazis aufgewachsen und in einer kompletten “Naziwelt„ groß geworden ist – heute, mitten in Deutschland. Das hat sie später erkannt und ein Buch darüber geschrieben. Das geht mir sehr nahe. Und natürlich auch die Taten des NSU. Es ist erschreckend, was da passiert ist und auch wie sehr eine lückenlose Aufklärung der Anschläge und Morde bis heute verhindert wird.

Worauf muss sich Ihr Publikum in Siegburg einstellen?

Knižka: Wir haben uns ganz bewusst für harte Fakten entschieden. Es gibt Reportagen, Tatsachen- und Augenzeugenberichte sowie Filmeinspielungen, die chronologisch durch die Jahrzehnte führen. Dazu spielt das Ensemble Opus 45 Stücke von Komponisten, die im Nationalsozialismus ausgegrenzt, verfolgt oder ermordet wurden: Paul Hindemith, György Ligeti und Pavel Haas.

Was möchten Sie mit Ihrem Programm erreichen?

Knižka: Ich wünsche mir, dass die Menschen politisch „sensibilisiert“ rausgehen: Vielleicht haben sich unerwartete Zusammenhänge erschlossen, neue Informationen kommen hinzu, Erinnerungen wieder hoch, und wir alle erkennen, dass Handlungsbedarf besteht – und zwischendurch haben wir einfach die Musik genießen können.

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