Baugebiete bleiben Mangelware: Rhein-Sieg-Kreis kann Bedarf an Wohnraum nicht decken

Baugebiete bleiben Mangelware : Rhein-Sieg-Kreis kann Bedarf an Wohnraum nicht decken

Bis 2030 sind im Rhein-Sieg-Kreis laut Gutachten 30 000 zusätzliche Wohneinheiten notwendig. Den Bedarf werden die Kommunen indes nicht decken können.

Trübe Aussichten für den Wohnungsbau im Rhein-Sieg-Kreis: Die 19 Kommunen werden den immensen Bedarf, der 2016 durch die regionale Wohnraumbedarfsanalyse festgestellt worden ist, nicht decken können. Das teilte Wirtschaftsförderer Hermann Tengler im Kreisausschuss mit. Dort präsentierte er die Ergebnisse der vier sogenannten Teilreimkonferenzen, in denen die Kommunen ihre Wachstumsmöglichkeiten erörtert hatten.

Das Gutachten des Instituts Empirica war zu dem Schluss gekommen, dass allein im Kreis bis 2030 30 000 zusätzliche Wohneinheiten notwendig sind. Zwei Drittel entfallen auf Ein- und Zweifamilienhäuser, ein Drittel auf den Geschosswohnungsbau. In den Konferenzen setzten sich die Kommunen – geografisch in vier Gruppen aufgeteilt – zusammen, um ihr Potenzial auf den Tisch zu legen. Von der Baulücke bis hin zu möglichen Reserven im Flächennutzungs- und im Regionalplan kam dabei alles zur Sprache. Tengler zufolge können die Kommunen den errechneten Flächenbedarf von insgesamt 900 Hektar befriedigen, allerdings nur in der Theorie.

„In der Praxis sieht es anders aus. Es gibt zahlreiche Hemmnisse , die der Flächenentwicklung entgegenstehen“, bedauerte der Wirtschaftsförderer. Hier gibt es Restriktionen durch Natur-, Trinkwasser- und Denkmalschutz, dort wollen Eigentümer ihre Flächen nicht verkaufen. Das ist längst nicht alles: Neue Wohngebiete stoßen oft auf Widerstände in der Nachbarschaft, die Planungs- und Baukosten steigen, die Bauwirtschaft ist am Limit. Auch die Kommunen haben Probleme: Wachsen sie weiter, müssen sie in ihre Infrastruktur investieren – in Schulen, Kitas und Kanäle. Zudem werden Planverfahren immer aufwendiger, bei gleichzeitigem Mangel an Fachpersonal in den Verwaltungen.

„Wahrscheinlich ist nur weniger als die Hälfte des prognostizierten Wohnraumbedarfs umsetzbar“, sagte Tengler. Das wären weniger als 15 000 Wohneinheiten. Schon jetzt bleibt die Bautätigkeit im Kreis hinter der Nachfrage zurück: 2015 wurden 2181 Baugenehmigungen erteilt, 2016 2387, 2017 dagegen nur noch 1511. Nach dem Empirica-Gutachten müssten aber allein in den Jahren 2016 bis 2025 2500 Wohneinheiten jährlich gebaut werden, damit der Bedarf bedient wird. Weil das nicht passiert, rechnet Tengler mit weiter steigenden Miet- und Immobilienpreisen.

Im Kreisausschuss entbrannte ein Streit darüber, welche Konsequenzen jetzt zu ziehen sind. Die SPD-Kreistagsfraktion erneuerte ihre Forderung, den sozialen Wohnungsbau anzukurbeln – etwa durch die Stärkung der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GWG), an der der Kreis beteiligt ist. Folke große Deters (SPD) sprach sich für Quoten aus: Demnach soll bei der Planung von Neubaugebieten ein Teil dem „geförderten und kleinteiligen Wohnungsbau“ zugesichert werden. CDU und Grüne hielten dem entgegen, dass jedes Baugebiet helfe, den Druck vom Kessel zu nehmen – egal ob gefördert oder nicht. Verschiedene CDU-Politiker warfen der SPD in diesem Zusammenhang vor, in einigen Kommunen – Siegburg, Neunkirchen-Seelscheid, Troisdorf – Baugebiete verhindern zu wollen. „Da klaffen Theorie und Praxis auseinander“, so Jürgen Becker (CDU) Gisela Becker (SPD) konterte, dass Schwarz-Grün gar nicht an der Lösung des Problems interessiert sei.

Tatsächlich stößt der Kreis an Grenzen: Er kann keine Baugebiete ausweisen. Die Planungshoheit liegt bei den Kommunen. „Es gibt keine Patentlösung“, so Tengler. Man müsse sich die Probleme und Hemmnisse vor Ort anschauen. „Dort liegt der Hebel.“ Das bekräftigt Stefan Raetz, Sprecher der Bürgermeister. „Mich interessieren all die Gründe nicht, die den Wohnungsbau verhindern. Mich interessiert, wie wir Ansätze für eine positive Entwicklung finden.“ Ziel müsse sein, allen Bürgern Wohnraum bieten zu können, auch „denen, die kein dickes Portemonnaie haben“. Raetz' Appell an die Kommunen: „Nicht den Kopf in den Sand stecken – lieber mal in ein neues Bauloch schauen“.

Landrat Sebastian Schuster will das Thema auch mit den Nachbarn besprechen. Kommende Woche trifft er sich zur Wohnraumkonferenz mit dem Rheinisch-Bergischen Kreis, dem Oberbergischen Kreis und dem Rhein-Erft-Kreis. Schusters Ansatz: Er will das Wohnen auf dem Land attraktiver machen, durch den Breitbandausbau oder die Regionale 2025.

Mehr von GA BONN