Gefährliche Virusinfektion: Masern sind im Rhein-Sieg-Kreis auf dem Vormarsch

Gefährliche Virusinfektion : Masern sind im Rhein-Sieg-Kreis auf dem Vormarsch

Die Zahl der Masern-Erkankungen in Deutschland ist in diesem Jahr rasant gestiegen und hat den Vorjahreswert lange überschritten. Auch im Rhein-Sieg-Kreis sowie Nachbarkreisen und Städten.

Vier bestätigte Masernfälle wurden dem Gesundheitsamt des Kreises seit Jahresbeginn gemeldet. Nachdem der Kreis im vergangenen Jahr als masernfrei galt, fasst die Infektionskrankheit damit auch in den Städten und Gemeinden der Region wieder Fuß, teilte das Gesundheitsamt mit. Wie bereits berichtet, registrierte etwa die Stadt Köln seit Jahresanfang 137 bestätigte Masernfälle. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur neun.

In Bonn waren bis Mitte Juli sechs Fälle gemeldet. Im Kreis Ahrweiler hat sich in diesem Jahr bislang ein Verdacht auf eine Ansteckung bestätigt, wie aus Daten des Robert-Koch-Instituts hervorgeht.

„Wir konnten die vier Fälle auf zwei gesicherte Ansteckungsketten zurückführen“, erklärt Rainer Meilicke, Leiter des Kreisgesundheitsamtes. Bei einer weiteren Person werde aktuell der Verdacht einer Ansteckung geprüft. Die vier Fälle verteilen sich auf die Städte Sankt Augustin und Königswinter. Unter anderem sei ein 16-jähriges Mädchen so schwer erkrankt, dass sie zur stationären Versorgung in die Kinderklinik Bonn überführt werden musste, so Meilicke. Angesteckt habe sie sich bei einem Besuch in Köln.

Zunahmen auch in anderen Regionen

Die Zunahme von Maserninfektionen lässt sich auch in anderen Regionen in Deutschland beobachten. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts waren 2017 in Deutschland rund dreimal so viele Menschen an Masern erkrankt wie 2016. Von 930 bestätigten Fällen traten dabei 521 in Nordrhein-Westfalen auf.

Bei Masern handelt es sich um eine Virusinfektion. Der hochansteckende Erreger kann bei engem Kontakt über Tröpfchen durch Luft in die Schleimhäute gelangen – zum Beispiel beim Sprechen, Husten oder Niesen. Die Erkrankung geht zunächst mit grippeähnlichen Symptomen wie Fieber und Husten und später einem charakteristischen Hautausschlag einher.

Dennoch, stellt etwa der Siegburger Kinderarzt Hans Jörg Niewerth fest, halte sich die Ansicht hartnäckig, es handele sich bei Masern um eine harmlose Kinderkrankheit. „Gerade ältere Personen sind der Meinung, 'früher haben wir als Kinder alle die Masern durchgemacht und das habe nicht geschadet'. Dabei wird ausgeblendet: Früher sind auch deutlich mehr Kinder an den Folgen der Masern gestorben, ihre Stimmen sind aber nicht mehr zu hören.“

Doch gehören Todesfälle nach Masern keineswegs der dunklen Vergangenheit an. Der Siegburger Mediziner erlebte während seiner Zeit als Klinikarzt selbst zwei Fälle, bei denen Kinder an den Folgen von Maserninfektionen gestorben sind. Masern können in seltenen Fällen eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) nach sich ziehen. Das Risiko, daran zu erkranken, ist für Kinder unter einem Jahr, die noch zu jung für eine Masernschutzimpfung sind, besonders hoch. Die tödliche Krankheit kann in ihrem Verlauf bislang nicht aufgehalten werden.

Erwachsene tragen zur Verbreitung des Virus bei

Dabei sind es heutzutage immer wieder Erwachsene, die zur Verbreitung des Virus beitragen. „Wir haben die ungewöhnliche Situation, dass Personen, die nach 1970 geboren und früher oftmals nicht geimpft wurden, Kinder ohne Impfschutz anstecken“, erklärt Meilicke (siehe Bericht unten).

Die Masernimpfung wird nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) laut Niewerth standardmäßig zwischen dem zehnten und zwölften Lebensmonat in Form einer Kombinationsimpfung gegeben. Eine zweite Impfdosis folgt später. Eine allgemeine Impfmüdigkeit in der Region erkennt der Leiter des Kreisgesundheitsamtes indes nicht. „Wir liegen bei einer Impfabdeckung von 93 Prozent, wie wir bei den Schuleingangsuntersuchungen feststellen können.“

Laut Niewerth folgen schätzungsweise 90 Prozent der Eltern einer Impfempfehlung. „Von den übrigen zehn Prozent lassen sich noch einige von Argumenten überzeugen“, so der Mediziner. Dennoch kommt es immer wieder zu Masern-Ausbrüchen. Häufig treffe es besonders Waldorf- oder Rudolf-Steiner-Schulen, so Meilicke. Eltern stünden dort Impfungen oftmals kritisch gegenüber. So kam es 2015 zum Beispiel an der Freien Waldorfschule in Sankt Augustin-Hangelar zur Erkrankung von fünf Schülern.

Diskussionen über das Für und Wider von Impfungen kennt auch Niewerth. „Gegen den Austausch von Argumenten habe ich nichts, alles andere würde nur kategorischen Impfgegnern in die Hände spielen“, so der 58-Jährige. Bestärkt werden Impfskeptiker durch massenhafte Verbreitung scheinbar wissenschaftlicher Belege für die Unwirksamkeit des Verfahrens oder sogar für die Nichtexistenz von Viren vor allem im Internet.

Für Schlagzeilen sorgte etwa vor einiger Zeit der Biologie und Virenleugner Stefan Lanka, der ein Preisgeld von 100.000 Euro für denjenigen auslobte, der einen Beweis für die Existenz des Masernvirus liefere. Die Auszahlung an einen Mediziner, der mehrere wissenschaftliche Artikel als Beweis anführte, verweigerte Lanka. Richter gaben ihm später in zweiter Instanz aufgrund eines Formfehlers des Mediziners Recht. Der Arzt hatte nach Bewertung der Richter mehrere Belege statt, wie von Lanka gefordert, nur einen als Beweis angeführt.

Andere Autoren warnen vor vermeintlichen Risiken durch Impfstoffe. Richtig sei: In wenigen Fällen könne es nach einer Masernimpfung zu vorübergehenden Impfreaktionen wie Hautausschlag oder Fieber kommen, so Niewerth. „In meiner ganzen Zeit als Arzt habe ich nie Impfschäden erlebt. Die Wahrscheinlichkeit liegt im Bereich von eins zu einer Million“, so Niewerth. Im Falle der Masern überwiegt daher der Nutzen der Impfung das Risiko deutlich. Daran erinnern ihn auch die beiden Fälle der an SSPE erkrankten Kinder. „Wenn sie Eltern sagen müssen, dass keine Hoffnung auf Heilung ihrer Kinder besteht, dann ist das etwas sehr prägendes“.

Auch aktuelle Zahlen der Europäischen Seuchenbehörde zeigen die Gefahr, die die Verbreitung des Masernvirus birgt. Seit Anfang dieses Jahres bis Juli sind in Europa 31 Menschen an einer Masern-Infektion gestorben, fast so viele wie im gesamten Jahr 2017 (35 Tote).

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