1. Region
  2. Sieg & Rhein
  3. Siegburg

Karneval einmal klassisch in Sankt Augustin: „Machen wir schönen Karneval“

Karneval einmal klassisch in Sankt Augustin : „Machen wir schönen Karneval“

Burkard Sondermeier hat die Gabe, seinem Gegenüber zuzuhören und ihm so Geschichten zu entlocken, die er vielleicht niemandem sonst erzählt hätte. Doch er ist auch ein Spitzbube.

Herr Sondermeier, sind Sie ein altmodischer Stand-Up-Comedian?

Burkard Sondermeier: Ein Stand-Up-Comedian bin ich überhaupt nicht. Ich sitze bei meinen Auftritten. Und obwohl es bei mir auch musikalische Einlagen gibt – es sind zwar eher klassische mit der Camarata Carnaval – ist das Programm nicht so überladen wie in den anderen Shows. Das macht mich eher zu einem Sit-Down-Comedian.

Muss ein Programm nicht überladen sein, damit die Zuschauer lachen?

Sondermeier: Es darf doch nicht die ganze Zeit nur gelacht werden. Wenn Sie einen Ball immer gegen die Wand schmeißen und der Ball ist immer an der Wand und kommt nicht zurück zu Ihnen, dann können Sie doch überhaupt nicht mit dem Ball spielen. Wenn Sie nur lachen, müssen Sie den Knopf des Verstärkers immer lauter drehen. Am Schluss sagen alle: Das war furchtbar, dieser Krach. Deswegen muss es auch mal zurückgehen, man muss ernst und ruhig werden können. Damit das Lachen umso ausgelassener wird. Das gilt auch für ein Karnevalsprogramm.

Wie ernst muss es werden?

Sondermeier: In einem Beitrag zähle ich auf, dass es mit einem beginnt, es zwei und dann immer mehr werden. Die Leute denken zuerst: Ach, es geht um Flüchtlinge. Auf der Bühne merke ich richtig, wie die Stimmung im Raum absackt. Zum Schluss löse ich aber auf, dass der Text von Vorurteilen handelt. Und sobald es mehr werden, alles verloren ist. So halte ich dem Publikum den Spiegel vor, das macht nachdenklich.

Fehlt diese Ernsthaftigkeit dem heutigen Karneval?

Sondermeier: Ja, unter anderem. Ich behaupte, dass das Problem des Karnevals das Fernsehen und die damit verbundene Kommerzialisierung ist. Da gehört der Karneval überhaupt nicht hin. Karneval muss man live erleben, da muss man hingehen. Wenn die Bands auftreten, ist ein vernünftiger Wortbeitrag gar nicht mehr möglich. Der Krach in den Sälen ist zu groß. Mittlerweile bekommt man ja selbst bei den Flüstersitzungen einen Tinnitus, weil die Lautsprecher so aufgedreht sind.

Ist das bei Ihnen anders?

Sondermeier: Und wie. Da ist es mucksmäuschenstill. Egal ob ich zu Hause in Seelscheid oder in Bonn und Sankt Augustin spiele.

Trauen sich die Gäste da überhaupt noch laut zu lachen?

Sondermeier: Es schämt sich ja keiner. Die Geschichten sind trotzdem lustig und werden durch das Auf und Ab auch als solche wahrgenommen. Ich erschrecke und überrasche mein Publikum und nehme mich mit eigenen Erlebnissen selbst auf die Schippe. Die klassische Musik untermalt das.

Kann man diese Krach-Entwicklung noch zurückdrehen?

Sondermeier: Ich weiß nicht, ob das möglich ist. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wir leben mittlerweile in einer karnevalisierten Gesellschaft. Bestes Beispiel ist Donald Trump selber.

Über den können Sie überhaupt nicht lachen?

Sondermeier: Es ist ja so: Wir haben hier noch Politiker, die alle ihren dazugehörigen Hofnarren haben. Der also in ihrer Manier auftritt und sie so durch den Kakao zieht, dass man über die Untaten dieses Politikers lachen kann, man das Ganze, obwohl es ein Elend ist, lustig findet. Aber ich finde das nicht lustig.

Warum?

Sondermeier: Das ist die Vorstufe zur kompletten Karnevalisierung. Amerika hat dieses Stadium schon erreicht. Dieser Trump ist seine eigene Parodie. Den können Sie auch gar nicht parodieren. Denn über die Parodie können Sie dann nicht mehr lachen. Das ist ganz bitter, ich weiß.

Und jetzt?

Sondermeier: Machen wir schönen Karneval. Mein Programm aktualisiere ich laufend, mit meinem Pianisten arbeite ich gerade genau an so einer Nummer, die sich damit beschäftigt. Das einzige, was jetzt noch hilft, ist wohl die Reinkarnation des Aschermittwochs.“