Vor 75 Jahren: Luftangriff legte Siegburg in Trümmer

Vor 75 Jahren : Luftangriff legte Siegburg in Trümmer

28. Dezember 1944: Vor 75 Jahren wurden die Siegburger Innenstadt und die Abtei bei einem Luftangriff schwer getroffen. Es gab zahlreiche Tote und Schwerverletzte. Ein Rückblick.

Es ist nicht der erste Luftangriff und nicht der letzte des Zweiten Weltkriegs, aber er ist der verheerendste für Siegburg: Am 28. Dezember 1944, kurz nach 13 Uhr fliegen mehrere Hundert alliierte Flugzeuge über die Stadt, entladen mitten im Stadtkern ihre todbringende Fracht und hinterlassen ein Bild der Verwüstung: Der Bombenhagel zerstört viele Häuser rund um den Markt und trifft mit der Abtei auf dem Michaelsberg auch das Wahrzeichen der Siegburger. Die trauern um 74 Tote, bangen um 50 Schwerverletzte, kümmern sich um Hunderte Verletzte und 500 Menschen, die obdachlos geworden sind.

„Bis zum Herbst 1944 blieb Siegburg im Vergleich zu anderen Städten bis auf wenige Vorfälle von Luftangriffen verschont“, berichtet Siegburgs Stadtarchivar Jan Gerull. Die ersten beiden Siegburger Bombentoten hätten 1941 noch eine große Trauerfeier auf dem Marktplatz erhalten. Und die wenigen Bombenabwürfe zwischen 1941 und 1943 sorgten für Aufsehen. Wie etwa im April 1942, als die erst kurz zuvor eröffnete Raststätte an der A 3 zerstört wird. Fliegeralarm gibt es aber fast täglich, ab 1943 sogar mehrmals am Tag. Elke Kannengießer notiert 1944 in einem Schulheft akribisch alle Zeiten, in denen in Siegburg die Sirenen heulen und die Menschen in die Keller und Luftschutzbunker flüchten. Datum, Uhrzeit, Angriffsart, Gesamtzeit und eine monatliche „Abschlussrechnung“ dokumentieren den Schrecken der Bombenangriffe. Ihr ungewöhnliches Tagebuch wird Jahrzehnte später entdeckt und dem Stadtarchiv vermacht.

„Ein Tiefflieger beschoss am 10. September 1944 einen vollbesetzten Personenzug am Aggerdeich“, beschreibt Gerull den Moment, als das Kriegsgeschehen auch mit aller Gewalt über die Kreisstadt hereinbricht. 43 Menschen verlieren dabei ihr Leben, 89 werden verletzt. Nach diesem Tag häufen sich die Angriffe, die Zahl der Opfer wächst. Das zeigt auch ein Blick ins Stadtarchiv: „1939 sind in Siegburg 280 Beerdigungen verzeichnet, 1944 waren es mehr als 500“, sagt Jan Gerull.

Mehrere Stunden verbringen die Siegburger am 23. Dezember 1944 in den Luftschutzbunkern und Kellern, geht aus den Aufzeichnungen von Else Kannengießer hervor. Am Tag vor Heiligabend greifen zehn alliierte Flugzeuge die Bahnanlagen im Süden Siegburgs an. Nach den Bombenabwürfen stehen der Güterbahnhof, Häuser an der Wilhelmstraße und das Landratsamt in Flammen, zwei Menschen sterben, 18 werden verletzt.

Auch den 28. Dezember 1944 hat Else Kannengießer vermerkt, allerdings brechen ihre Aufzeichnungen um 15 Uhr mit einer unvollendeten Eintragung ab. Zwei Stunden zuvor hat der für Siegburg verheerende Luftangriff begonnen. In zwei Wellen, unterbrochen nur von Stille, in der die Siegburger in ihren Kellern verharren, werfen die alliierten Flugzeuge mehr als 360 Fünf- und Zehnzentner-Sprengbomben, rund 150 Phosphorbomben und etwa 1000 Stabbrandbomben ab. Nach ihrem Angriff steht die Innenstadt in Flammen. Strom- und Wasserversorgung sind lahmgelegt. Die Feuerwehr muss gegen sechs Großfeuer, 21 mittelschwere und 51 kleinere Brände vorgehen, wie aus dem Schadensbericht des Bürgermeisters an den Landrat hervorgeht.

Die Abtei ist schwer getroffen. Kloster und Kirche haben mehrere Treffer abbekommen. Allein am Michaelsberg werden nach dem Angriff 26 von insgesamt 274 Bombentrichtern gefunden. Obwohl rote Kreuze die Abtei deutlich als Lazarett kennzeichnen. Die spätere Ordensschwester Edeltrud Koch erlebt das Bombardement als Kind auf dem Michaelsberg mit. Sie hat mit ihrer Familie Zuflucht in der Abtei gesucht, wie sie in den Heimatblättern des Rhein-Sieg-Kreises schreibt. Als gegen 13 Uhr die Sirenen vom Fliegeralarm künden, läuft sie mit ihrer Mutter in den Abteiturm, um dort Schutz vor den Bomben finden. Volltreffer verwüsten die Nordwestecke der Abtei, Brocken, Steine und Staub fliegen durch die Luft und nur mit Not schaffen es auch Edeltruds Vater und Bruder in den Luftschutzraum.

Neben der Abtei hat es die Innenstadt schwer getroffen. Am Markt liegt das Hotel „Zum Stern“ ebenso in Trümmern wie das Kaufhaus Moritz Fußhöller. An der Mühlenstraße türmen sich die Trümmer meterhoch, das Rathaus an der Ecke zur Bergstraße und auch die evangelische Stadtkirche an der Georgstraße sind zerstört. An ihrer Stelle steht heute die Auferstehungskirche. Auch die Gleise und Haltestellen des „Rhabarberschlittens“, der Kleinbahn Siegburg-Zündorf, überstehen die Explosionen nicht.

„Zum Jahreswechsel 1944/45 waren die drei Schutzstollen im Michaelsberg fertig“, berichtet Jan Gerull. Von Strafgefangenen gegraben, um vor Luftangriffen zu schützen, seien sie ab Januar 1945 vielen dauerhaft zur Wohnung geworden. Tiefflieger und Jagdbomberangriffe gehören in den ersten Monaten 1945 zur Tagesordnung. Den nächsten großen Schlag erleidet Siegburg am 6. März. Wieder trifft es die Innenstadt und die Abtei. Das Langhaus der Abteikirche erhält einen Volltreffer, nur einige Außenmauern bleiben stehen, der Turm wird schwer beschädigt. 35 Menschen sterben.

Noch größer ist die Zahl der Opfer vier Tage später. In Wolsdorf kommt es am 10. März 1945 um 12.15 Uhr zur Katastrophe. Bei einem Volltreffer auf die Wirtschaft Gumpert an der Hubertusstraße werden mehr als 40 Menschen verschüttet. Sie haben sich dort in Sicherheit bringen wollen. Rettungsversuche kommen zu spät, niemand überlebt. Auch die Hubertuskapelle wird zerstört, so wie Häuser an Hubertus-, Jakob­straße und „Auf der Papagei“. Mehr als hundert Menschen sterben, in einigen Fällen ganze Familien.