Kennzeichen SU: Ludwig Neuber ist Neubürgerbeauftragter im Rhein-Sieg-Kreis

Kennzeichen SU : Ludwig Neuber ist Neubürgerbeauftragter im Rhein-Sieg-Kreis

Ludwig Neuber berät seit 13 Jahren als Neubürgerbeauftragter Flüchtlinge und Helfer im Rhein-Sieg-Kreis. In seinem Engagement steckt viel Herzblut. "Ich mache das nicht grundlos, es ist meine Lebensgeschichte", sagt er.

Fast täglich beantwortet Ludwig Neuber am Telefon oder per E-Mail Fragen von Asylsuchenden oder Aktiven der Flüchtlingshilfe im Rhein-Sieg-Kreis. Wie viele Schicksale der 77-Jährige in den vergangenen 13 Jahren als Neubürgerbeauftragter des Rhein-Sieg-Kreises dabei beeinflusste, das könne er heute unmöglich sagen. Manche dieser Fälle aber lassen ihn auch Jahre später nicht los. Zum Beispiel der des 18-jährigen Flüchtlings Mohammed-Reza. 2016 kam der im Iran geborene Mann von Afghanistan nach Ruppichteroth, die Heimatgemeinde von Neuber.

„Ich merkte, dieser Junge ist intelligent. Er hatte nur keinen Zugang zu Schulbildung“, so Neuber. Er wollte Architekt werden, erinnert sich Neuber. Ein großes Ziel für jemanden, der keinen Schulabschluss hat. Neuber half ihm, Praktika zu finden – zunächst bei einem Treppenlifthersteller, „damit er eine Vorstellung erhält, was es bedeutet, in Deutschland zu arbeiten“. Danach in einem Pflegeheim, schließlich werden in diesem Bereich Kräfte gesucht. Und die Arbeit machte dem jungen Mann Spaß. Mohammed-Reza lernte Deutsch, bestand den Hauptschulabschluss mit Bravour und in diesem Monat beginnt er eine Ausbildung zum Altenpfleger. Zu sehen, wie ein junger Mensch, der in diesem Land einmal ein Fremder war, seinen Weg macht, „macht mich sehr glücklich“. Die feierlichen Einbürgerungen im Siegburger Kreishaus, bei denen Neuber regelmäßig die Urkunden an die neuen Staatsbürger überreicht, seien daher für ihn besondere Tage.

Auch mit fast 80 Jahren denkt er nicht ans Aufhören

Rund 25.000 Kilometer legt Neuber für sein Ehrenamt im Jahr zurück. In schwierigeren Fällen versucht er, Probleme von Hilfesuchende in einem persönlichen Gespräch zu lösen, etwa in seinem Büro im Kreishaus oder in der Grundschule in Ruppichteroth. Für seine Arbeit stellt ihm der Kreis ein Budget von rund 8000 Euro zur Verfügung. Neuber begleitet Ratsuchende zu Behörden wie dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, dem Ausländeramt, dem Jobcenter. Oder er greift für die Betroffenen zum Hörer. „Wenn ich mich vorstelle mit 'Ludwig Neuber, ehemaliger Bürgermeister von Ruppichteroth', dann kann das schon mal Türen öffnen“.

Von 1979 bis 1994 war Neuber erster Bürger der Gemeinde. Fast 30 Jahre saß er für die CDU als Abgeordneter im Kreistag. Seit seinem Ausscheiden 2014 bringt er sich in Ausschüssen des Kreistages als sachkundiger Bürger politisch ein. Neuber engagiert sich ehrenamtlich in Stiftungen und Vereinen. 2008 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt. Auch mit fast 80 Jahren denkt er nicht ans Aufhören. „Ich mach das nicht grundlos. Es ist meine Lebensgeschichte“, sagt er.

Die Integrationsarbeit beschäftigt ihn seit mehr als 30 Jahren

Neuber wird 1941 in Morsbach (Oberbergischer Kreis) geboren. Die letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre prägten seine Kindheit. „Ausgebombte aus den Städten zogen bei uns ein. In jedem Zimmer lebte eine andere Familie“, so Neuber. Es sei eine wunderschöne Zeit gewesen, trotz aller Not im Land. Sein Vater, „Katholik und ein Mann des Zentrums“, habe sich anders als andere Väter, die aus dem Krieg heimkehrten, nie verschlossen, sondern seine Erfahrungen geteilt. Er war es, der Neuber einimpfte: „Engagiere Dich in der Politik und sorge dafür, dass so etwas nie wieder passiert!“ Die Botschaft des Vaters sowie dessen christliche Grundüberzeugung „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, bestimme bis heute sein Selbstverständnis.

Die Integrationsarbeit beschäftigt ihn seit mehr als 30 Jahren – beruflich, seit seiner Zeit als Bürgermeister aber auch privat. Ein einschneidendes Erlebnis war dabei eine Begegnung im Jahr 1982. Damals wandte sich die Caritas an Neuber. Da deren Mitarbeiter unsicher waren, wie sie eine Flüchtlingsfamilie aus Laos unterbringen sollten, brachten sie sie kurzerhand zum Bürgermeister. „Die Familie saß dann bei uns im Wohnzimmer und ich fragte meine Frau, wer könnte sich denn jetzt um sie kümmern?“, erinnert er sich. Daraufhin antworte Anneliese Neuber: „Ich weiß, wer: Wir!“Das Engagement für die Familie weitete sich bald auf andere laotische Flüchtlinge aus und mündete 2006 in der Gründung der „Deutsch-Laotischen Freundschaftsgesellschaft“, deren Vorsitz Neuber bis heute bekleidet.

Der Brexit macht ihn "richtig traurig"

Das Ehrenamt des Neubürgerbeauftragten, das Neuber Anfang der 90er Jahre in Reaktion auf die Ankunft zahlreicher sogenannter Spätaussiedler mit ins Leben rief, genießt er sehr. Auch, wenn ihn manche Entwicklung, die er dabei unmittelbar mitbekommt, „richtig traurig“ macht. So wie der „Brexit“. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der aus Großbritannien stammenden Personen, denen Neuber im Kreishaus die Einbürgerungsurkunde überreichen durfte, vervielfacht (siehe Grafik). „Das europäische Projekt hat uns den Frieden gesichert“, so Neuber. Das werde gefährdet, nur weil ein „Idiot von Premierminister“ sich machtpolitisch verzockt habe und diese hochemotionale Frage der EU-Zugehörigkeit zur Volksabstimmung stellte.

Aber auch in anderen Ländern Europas und in Deutschland erstarken nationalistische Stimmen. Viele Demokraten besorgt die Entwicklung. Neuber: „Sorge? Ich sorge mich nicht. Ich sage, bringt Euch ein und verändert etwas.“ Dass sich auch seine Partei durch die Flüchtlingsfrage und den Druck von rechts auseinanderzerren lasse, ärgert ihn allerdings. Denn noch ein Satz seines Vaters blieb ihm im Gedächtnis: „Hätten die Demokraten zusammengehalten, wäre Hitler nie an die Macht gekommen“. Wenn gut integrierten Menschen, die hier aufgewachsen sind und ausgebildet wurden, die Abschiebung, etwa nach Afghanistan droht, dann sei das „eine große Dummheit“, so Neuber.

Auch Pflegeschüler Mohammed-Reza, für den sich der Neubürgerbeauftragte stark machte, drohe weiterhin die Abschiebung. Ist er ein Gutmensch? „Ich bin einfach ein rational denkender Mensch und Christ“, sagt der 77-Jährige. So sieht er die Pläne für ein Einwanderungsgesetz durchaus kritisch. „Junge Menschen werden nicht nur in Deutschland, sondern auch in ihren Heimatländern dringend benötigt, so Neuber. Jeder Einsatz für Asylsuchende ende für ihn zudem an den Grenzen des Gesetzes. So sei es vorgekommen, dass er persönlich abgelehnte Asylbewerber zum Flughafen gefahren habe.

Er hoffe, dass Flüchtlinge, die bereits hier leben, frühzeitig eine Chance erhalten, eine Arbeit aufzunehmen. Schließlich dürfe man Menschen, die zu uns kommen, auch etwas abfordern. Zudem sei Arbeit ein Schlüssel zur Integration, genauso wie Engagement in Vereinen. Nichts sei besser geeignet, um im „Land der Vereine“ Kontakte zu finden. Der größte Fehler, den Einwanderergruppen machten könnten: „Einfach unter sich zu bleiben.“

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