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Interview mit Ludgera Decking: "Leistung alleine reicht nicht bei Frauen"

Interview mit Ludgera Decking : "Leistung alleine reicht nicht bei Frauen"

Ludgera Decking ist neue Geschäftsführerin des Wahnbachtalsperrenverbands (WTV). Im Interview spricht sie unter anderem über ihre Verantwortung und Frauen, die Karriere machen.

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Sorgt es Sie ein bisschen, wenn Sie sich den aktuellen Wasserstand der Wahnbachtalsperre anschauen?

Decking: Nein, gar nicht. Die Talsperre ist zu 60 Prozent gefüllt. Das sind 24 Millionen Kubikmeter. Wenn wir das Wasser nur aus der Talsperre entnehmen würden und es nicht hineinregnen würde, hätten wir noch 375 Tage. Außerdem haben wir ja noch zwei Grundwasserbrunnen. Insofern ist die Wasserversorgung vollkommen abgedeckt.

Muss man trotzdem in Sachen Wasserverbrauch umdenken, wenn sich solche heißen Sommer häufen?

Decking: Wasser ist ein Lebensmittel, das aus dem Kran kommt. Mit diesem Lebensmittel duschen wir, waschen unsere Wäsche und putzen die Wohnung. Natürlich merken wir den Klimawandel. Aber manche Kommunen leiten schon Frischwasser in den Kanal ein, um ihn zu reinigen, das ist auch ein Problem. Deshalb würde ich nicht zum Wassersparen aufrufen, aber zu einem bewussten Umgang. Es ist ein Lebensmittel.

Sie haben gesagt, dass Wasser und Abfall für Sie zwei Seiten einer Medaille sind. Können Sie das kurz erklären?

Decking: Die Abfallwirtschaft mit geordneten Deponien ist entstanden, um das Grundwasser vor Sickerwasser zu schützen. In beiden Fällen geht es um eine sichere Versorgung für mehr Lebensqualität. Auf der einen Seite steht die Verantwortung für Sauberkeit und Nachhaltigkeit über alle Stufen der Kreislaufwirtschaft hinweg, auf der anderen Seite steht die Lieferung des Trinkwassers als wichtigstes Nahrungsmittel in der gewünschten Menge und Qualität.

Als Sie die RSAG übernommen haben, mussten Sie die Folgen des Müll-Skandals aufarbeiten. Den WTV haben Sie in ruhigem Fahrwasser übernommen, oder?

Decking: Ja, das stimmt. Ich muss sehr viel lernen, aber das finde ich auch sehr spannend.

Was steht beim WTV an?

Decking: Wir haben zwei große Themen, die in Zukunft auf uns zukommen. Das ist zum einen das Thema Klimawandel. Was bedeutet das für das Talsperren-Management? Wenn ich nur aus der Perspektive des Hochwasserschutzes schaue, dann wäre es natürlich am besten, die Talsperre wäre zum Ende des Jahres möglichst leer. Wenn ich aus der Funktion der Trinkwasserversorgung schaue, sollte sie natürlich möglichst voll sein. Das muss man austarieren, um beiden Interessen gerecht zu werden. Ein weiteres Thema ist: Wir haben immer feinere Analysemethoden. Es werden immer mehr Stoffe im Wasser entdeckt und dafür müssen wir unsere Reinigungsmethoden anpassen. So testen wir zum Beispiel im Moment eine Bestrahlung mit ultraviolettem Licht.

Alles, was nicht eingeleitet wird, muss man nachher auch nicht mühsam wieder rausholen. Setzen Sie den guten Kontakt zu den Landwirten der Region fort?

Decking: Wir haben im Oktober einen Vertrag für weitere zehn Jahre geschlossen. Die Arbeitsgemeinschaft Landwirtschaft Wasser Boden ist darauf spezialisiert, im Einzugsbereich der Talsperre eine möglichst schonende Landwirtschaft zu machen. Der Dünger soll der Pflanze direkt zur Verfügung stehen und nicht ins Grundwasser gelangen.

Gibt es bei der RSAG neue Projekte?

Decking: Eher im Gegenteil. Wir haben unheimlich viele weitere Geschäftsfelder hinzugewonnen, erbringen Dienstleistungen für die Bonner Abfallwirtschaft und sind mittlerweise sogar im Kreis Neuwied tätig. Wir haben eine eigene Papiersortierung und eine eigene Sperrmüllsortierung aufgebaut, mal ganz zu schweigen von der eigenen Müllabfuhr, die mittlerweile seit zehn Jahren besteht. Wir sind jetzt in einer Phase der Konsolidierung, ohne den Blick nach vorne zu verlieren.

Sie arbeiten auch mit der Müllverbrennungsanlage in Bonn zusammen. Ist es noch zeitgemäß, Müll zu verbrennen, statt zu recyceln?

Decking: Ganz auf null werden Sie nicht kommen. Bestimmte Dinge wie Staubsaugerbeutel oder Hygienepapier fallen weiter als Restmüll an und müssen geordnet entsorgt werden. Die MVA in Bonn erzeugt Strom und Fernwärme. Dadurch erwachsen auch noch Vorteile daraus, dass wir den Müll entsorgen müssen.

Plastikmüll ist im Moment ein großes Thema. Hat die Menge sehr zugenommen?

Decking: Eher nicht. Wir haben allerdings seit der Umstellung von Säcken auf Tonnen sehr viel Restmüll in der Wertstofftonne, was die Entsorgung teurer macht. Der Sack war durchsichtig und wenn er beim Aufladen zu schwer war, war etwas Falsches drin. Das lässt sich bei der Abfuhr der Tonnen nicht mehr so einfach feststellen.

Was finden Sie technisch reizvoller, Wasser oder Müll?

Decking: Ich bin genauso gerne im Fuhrpark oder in der Papiersortierung wie in der Wasseraufbereitung. Die Technik ist sehr unterschiedlich, ich finde beide für sich sehr faszinierend.

Haben Sie jetzt zwei Jobs oder zwei Halbtagsjobs?

Decking: Ich habe zwei Vollzeitjobs.

Wie bekommt man das unter einen Hut?

Decking: Zum einen haben wir moderne Technik. Ich kann beim WTV auf alle E-Mails und Dokumente der RSAG zurückgreifen und umgekehrt. Im Grunde ist es egal, an welchem Schreibtisch ich sitze. Gutes und verlässliches Personal ist natürlich wichtig. Und das habe ich. Die einzige Herausforderung war, dass wir zwei Kalender von zwei Unternehmen übereinander legen mussten, die eigentlich überhaupt nicht miteinander verbunden sind.

100 Jahren Frauenwahlrecht sind in diesen Tagen Anlass, auf Gleichberechtigung zu schauen. Halten Sie Quoten in der Politik oder in der Wirtschaft für sinnvoll?

Decking: Als ich eine junge Frau war, habe ich gedacht, Leistung muss überzeugen. Aber ich habe festgestellt – nicht unbedingt bei mir selbst, aber an Kolleginnen, – Leistung alleine reicht nicht bei Frauen. Da muss schon etwas mehr Druck kommen. Deshalb bin ich heute der Auffassung, wir müssen in bestimmten Bereichen eine Quote einführen. Es wird inzwischen ja auch in der Politik diskutiert, dass es nur mit einer Quote geht, Frauen durch die gläserne Decke zu heben.

Müssen Frauen besser ausgebildet sein als Männer?

Decking: Nein, sie müssen genauso gut ausgebildet sein.

Sie haben ein Doppelstudium...

Decking: Das war bei mir aus Spaß an der Freud', weil ich Lust an der Juristerei hatte, habe ich das berufsbegleitend gemacht.

Sie haben einmal gesagt, Unternehmen, die von Frauen geführt sind, sind besser geführt. Warum?

Decking: Zunächst glaube ich, dass Frauen weniger risikoaffin sind als Männer. Es muss nicht unbedingt eine Frau an der Spitze stehen, aber es muss eine gute Durchmischung sein. Je heterogener ein Team ist, desto besser werden alle Interessen wahrgenommen. Wir könnten bei der RSAG oder beim WTV absolut sinnvolle ökologische Lösungen wählen, die so teuer sind, dass es unwirtschaftlich ist. Wir können auch eine wirtschaftliche Lösung haben, die ökologisch Schaden anrichtet. Also muss man abwägen. Ich glaube, dass Frauen in einem gemischten Team mehr darauf hinwirken, dass diese Abwägung auch stattfindet und man zu einem vernünftigen Kompromiss kommt. Rein männlich geführte Unternehmen sind da eher einseitig unterwegs.

Was haben Sie sich für die nächsten Jahre für Ihre beiden Unternehmen vorgenommen?

Decking: Beide sind starke regionale Marken, und die möchte ich gerne weiter stärken.