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Auswirkung der Corona-Pandemie: Kirchen an Rhein und Sieg: „Wir müssen neu denken“

Auswirkung der Corona-Pandemie : Kirchen an Rhein und Sieg: „Wir müssen neu denken“

Von Glockengeläut bis Videos: Die Kirchengemeinden in Siegburg, Sankt Augustin, Hennef und Niederkassel gehen in Zeiten der Corona-Pandemie andere Wege, um geistliche Impulse zu setzen. In Siegburg gelten neue Regelungen für Trauerfeiern.

Den Menschen nahe sein, ihnen zuhören und mit ihnen sprechen. Diese „Face-to-Face-Kommunikation“ ist für Joachim Knitter, Pfarrer in der evangelischen Kirchengemeinde in Siegburg, „eigentlich unsere Kernkompetenz“. Doch in Zeiten der Corona-Pandemie ist das anders. „Wir müssen neu denken“, sagt er. Gottesdienste fallen ebenso aus wie alle kirchlichen Veranstaltungen. Die Gemeinde hat daher auf ihrer Internetseite die Predigten online gestellt, „um wenigstens nachlesen zu können, was gepredigt worden wäre“, teilt Petra Wiegleb aus dem Gemeindeamt mit. Geplant wird derzeit laut Knitter zudem, ob und wie Kurzandachten gefilmt und ins Internet gestellt werden können.

Das Virus hat auch Auswirkungen auf Erstkommunionfeiern, Firmungen und Konfirmationen, die eigentlich in den kommenden Wochen angestanden hätten. „Wir gehen davon aus, dass wir dieses Jahr keine Konfirmationen mehr haben“, sagt Knitter. Dann gebe es kommendes Jahr zwei Jahrgänge. Zudem hat die Gemeinde alle Trauungen und Taufen bis Ende Mai abgesagt. Weiterhin geöffnet ist die Auferstehungskirche. „Das ist eine symbolische Angelegenheit“, sagt der Pfarrer. „Es ist das letzte, was wir kirchlich noch anbieten können. Das werden wir daher als letztes zumachen.“

Auch wenn Messen nun ausfallen, zur Ruhe kommen die Pfarrer nicht. „Meine Kollegen telefonieren ohne Ende“, sagt Almut van Niekerk, Superintendentin des Kirchenkreises an Sieg und Rhein und Gemeindepfarrerin in Sankt Augustin. Die Menschen, deren Lebensrhythmus sich schlagartig verändert hat, haben Sorgen – dabei spielt Angst vor Ansteckung gar nicht mal die Hauptrolle. Menschen, die im Krankenhaus Angehörige haben, die sie nicht besuchen können, würden sich an die Pfarrer wenden. „Diese Leute drehen fast durch. Besuche dienen normalerweise der Vergewisserung, wie es dem nahestehenden Patienten geht. Und jetzt bricht auch die Ablenkung weg, die sonst der normale Alltag ausmacht“, erzählt van Niekerk.

Darüber hinaus halten die Geistlichen auch auf andere Weise mit den Menschen Kontakt. So werden über die modernen Kommunikationskanäle Andachten verbreitet. „Unsere Pfarrer drehen solche Mutmach-Videos mit kurzen Segmenten von zwei bis vier Minuten, sie sind da sehr kreativ“, so van Niekerk. Sie erinnert auch an die Radio- und Fernsehgottesdienste an den Sonntagen, die abwechselnd von katholischen und evangelischen Seelsorgern gehalten werden. „Die gottesdienstlichen Angebote sind da, nur anders. Wir verbinden uns trotzdem.“

So läuten die Glocken aller evangelischen Kirchen mittags um 12 Uhr. Die katholischen Gotteshäuser im ganzen Erzbistum lassen täglich um 19.30 Uhr den Glockenklang erschallen. „Beim Glockenläuten denken wir aneinander, beten. Zwar nicht gemeinsam, wie in der Kirche, was sehr stärkend ist, aber es entsteht dennoch ein Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt die Superintendentin. Und auch die Menschen ohne Internetzugang sollen sich nicht abgehängt fühlen. „Viele Gemeinden verfassen für diese Menschen schöne Briefe, um ihnen ein Lebenszeichen ins Haus zu senden.“

Als eine „wunderbare Initiative“ bezeichnet Hans-Josef Lahr, Kreisdechant des Kreisdekanats Rhein-Sieg, das Glockengeläut aller Kirchen. Er möchte in der nächsten Woche einen Aufruf starten, dass ihm Gebetsanliegen mitgeteilt werden können. Und: „Ich habe meinen Blick darauf, dass Menschen in Kontakt bleiben.“ Die Fantasie der Pfarrer, die Messen halten und ins Internet stellen, berühre ihn positiv, ebenso aber auch die älteren Gläubigen, die zum Beispiel über Domradio Beiträge verfolgen. „Das ist eine große Herausforderung für uns – unser Glaube lebt von der Gemeinschaft, von der Nähe. Menschen, die tief im Glauben sind, berichten mir, welch schmerzlichen Einschnitt es bedeutet, keine Messen besuchen zu können. Ich sehe täglich viele, die zum alleinigen Beten in die Kirche gehen“, sagt Lahr.

Gebetsanträge nehmen auch die Geistlichen des katholischen Pfarrverbands Geistingen-Hennef-Rott an. „Die Pfarrer feiern für sich und nehmen Gebetsanträge mit in den Gottesdienst hinein“, sagt Pfarramtssekretärin Christine Ortmann. Diese könnten unter anderem per Mail an pastoralbuero@katholische-kirche-hennef.de geschickt werden. Dort ist die Zahl der Anrufe in den vergangenen Tagen gestiegen. „Ich habe schon das Gefühl, dass mehr Gesprächsbedarf da ist“, sagt Ortmann.

Um die Menschen zu Hause zu erreichen, hat die evangelische Kirchengemeinde Hennef verschiedene Aktionen gestartet. Pfarrer Stefan Heinemann nahm am Freitag gemeinsam mit Prädikantin und Jugendleiterin Jenny Gechert ein Video in der Christuskirche auf. Der Clip enthält Grußworte, eine kurze Andacht, Fürbitten und Segenszusprüche. „Ein solcher Clip geht jeden Sonntag online“, sagt Heinemann. Daneben planen die Pfarrer in den nächsten Tagen, täglich um 19 Uhr in der Christuskirche die Osterkerze anzuzünden und das Vater Unser zu beten. Die Menschen sollen sich dem Gebet zu Hause anschließen, sagt Pfarrer Niko Herzner. „Wir merken, dass die Leute Anleitungen brauchen, geistliche Momente selbst zu gestalten“, sagt er.

Anleitungen für das tägliche Gebet bietet auch die evangelische Kirchengemeinde Niederkassel an – per E-Mail oder in Papierform. Wie das Presbyterium im Internet mitteilt, stellt die Kirchengemeinde wöchentliche „Ermutigungen für jeden Tag“ zusammen. Dabei handelt es sich um eine kurze Andacht, die unter anderem aus Psalm, Bibelvers und Fürbittgebet besteht.

Eine Taskforce aus Mitgliedern des Seelsorgeteams und Ehrenamtlichen hat der katholische Seelsorgebereich Sankt Augustin gebildet, um zusätzliche Angebote bereitzustellen. „Wir sind schon länger auf Facebook und Instagram und haben den Blog HimmelsZeltKapelle. Da haben wir die Aktivität vermehrt“, sagt Pastoralreferent Marcus Tannebaum. Dort könnten auch Infos und Fragen aufgenommen werden. „Wir wollen deutlich machen, wir haben ein offenes Ohr“, so Tannebaum.

Ältere, die nicht übers Internet angebunden sind, sollen über Flyer und Aushänge an den Kirchen informiert werden. Gottesdienste filmt der Seelsorgebereich nicht. Dafür gibt es kurze Videos mit Informationen, etwa vom abendlichen Glockenläuten. Demnächst könnten noch kurze Videobotschaften von den Seelsorgern hinzukommen. Tannebaum: „Wir nehmen schon wahr, dass die Sorgen bei den Älteren wachsen, die etwa ihre Kinder nicht mehr sehen können. Das versuchen wir im Blick zu halten und etwas anzubieten.“