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39. Siegburger Literaturwochen: Jess Jochimsen liest an einem ungewöhnlichen Ort in Siegburg

39. Siegburger Literaturwochen : Jess Jochimsen liest an einem ungewöhnlichen Ort in Siegburg

Zum Auftakt der 39. Siegburger Literaturwochen präsentiert Jess Jochimsen seinen Roman „Abschlussball“. In dem Buch geht es unter anderem auch um die Geschichte der Trauermusik.

Einen ungewöhnlichen, aber passenden Ort hatten sich Bibliotheksleiterin Christiane Bonse, federführend bei der Zusammenstellung des Programms, und ihr Team für die Auftaktveranstaltung der 39. Siegburger Literaturwochen ausgedacht. In Zusammenarbeit mit dem Café T.O.D. (Tabu offen diskutieren) fand die erste Lesung in der Trauerhalle des Nordfriedhofs statt. Denn der gleichnamige Friedhof in München spielt in der Geschichte unter dem Titel „Abschlussball“ von Jess Jochimsen, der am Donnerstagabend aus seinem Roman las, eine wesentliche Rolle.

Hauptfigur des „depressiven Abenteuerromans“ wie ihn ein Wiener Magazin bezeichnet hat, ist Marten, der sich schon in jungen Jahren als Greis fühlte. „Die anderen Kinder wurden älter, und ich alterte. Die anderen Kinder entdeckten die Welt, und ich hatte genug von ihr“, lässt Jochimsen seinen Protagonisten sagen. Marten hält sich von allem fern und aus allem raus. „Er ist ein Mensch, der das Abenteuer flieht, das Abenteuer passiert ihm“, charakterisiert der Autor ihn.

Marten wird Beerdigungstrompeter und spielt den Toten das letzte Lied. Friedhofsmusiker stünden in der Hierarchie von Musikern als gefühlte Looser auf der untersten Stufe, erklärte Jochimsen den Zuhörern dazu. Als Marten die Bankkarte seines soeben zu Grabe getragenen Klassenkameraden Wilhelm Schocht findet, beginnt eine groteske Irrfahrt. Er wird in einen Strudel merkwürdiger Ereignisse gezogen und lernt all das kennen, wovon er sich Zeit seines Lebens so mühsam ferngehalten hat: andere Menschen, Geld, Abenteuer und die Liebe. Natürlich verriet der Autor und Kabarettist nicht das Ende des Romans, sondern ging auf die Fragen des Publikums ein. Das wollte unter anderem wissen, wie man auf die Idee komme, über einen Friedhofsmusiker zu schreiben. Jochimsen erklärte, er habe schon immer etwas über die Geschichte der Trauermusik machen wollen, die eine lange Tradition aufweise. Ursprünglich habe man Geiger gebucht, heute würden auch Trompeter verpflichtet.

„Atemlos durch die Nacht“ am Grab

Interessantes wusste er zur Auswahl der Lieder zu berichten. Früher seien hauptsächlich Kirchenlieder und Volksweisen gewünscht worden, heute ebenso Schlager und Mainstream-Pop. Und da dies öffentlich geschehe, werde die Aufführung von der Gema erfasst, und der Bund deutscher Bestatter gebe jedes Jahr eine Top-Ten-Liste der Trauerhits heraus, die tatsächlich so heiße. Natürlich findet man darauf Titel wie „Time To Say Goodbye“, aber laut Jochimsen werde auch Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ am Grab gespielt, was „ein schlechter Witz“ sei. Der Titel „Abschlussball“, der zunächst irritiert, ist lediglich eine schöne Beschreibung für ein Riesenfest am Ende einer Armenbeerdigung, die in Jochimsens Buch von Bestatter Berger ausgerichtet wird, für den Marten arbeitet: mit gutem Essen, Wein, Bier und Tanz.

So etwas gibt es in der Realität nicht, der Autor würde solche Abschlussbälle aber begrüßen. Denn nach seiner Recherche gibt es jedes Jahr Tausende von Armenbegräbnissen, bei denen Mittellose in aller Stille, ohne Bekannte, Freunde und Familienangehörige bestattet würden. Mit einem Abschlussball bekämen diese Begräbnisse seiner Ansicht nach „etwas Würde“.