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Siegburger Café "T.O.D.": Hinterbliebene sprechen über den Tod

Siegburger Café "T.O.D." : Hinterbliebene sprechen über den Tod

Ein kühler Wind weht an diesem Vormittag über den Nordfriedhof. Auf den Wegen zwischen Gräbern, Sträuchern und Bäumen sind nur vereinzelte Besucher zu sehen. In der Trauerhalle am Eingang des Friedhofs, gegenüber bunt bemalter Totenbretter, hat es sich Heike Corsten bei einer warmen Tasse Kaffee und einem Stück Käsekuchen gemütlich gemacht.

Vor fünfeinhalb Jahren hatte sie ihre Tochter verloren. Die 22-Jährige starb bei einem Busunfall in den Anden Perus. Corsten, 55 Jahre alt, ist zu Besuch bei Siegburgs erstem "Café mortel", einem Café für Trauernde mit dem Namen "Café T.O.D.".

Der Idee hinter den sogenannten Cafés mortels ist es, den Tod wieder stärker ins Leben zu rücken. Bei Kaffee und Kuchen soll nun auch in Siegburg ungezwungen über das Thema geredet werden. Das Friedhofscafé ins Leben gerufen haben Andrea Müller und Roswitha Kühn. Müller ist Leiterin des Siegburger Standesamtes und der Friedhofsverwaltung. Kühn, eine ehemalige Palliativkrankenschwester, hat eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht.

"Ich fand die Idee schon immer gut, ein Café in der Nähe des Friedhofs zu haben", so Müller. "Um auszuruhen, zum Reden und gegen die Kälte." Noch hat das Café nur unregelmäßig geöffnet, doch das soll sich in Zukunft ändern. "Wir arbeiten daran, dieses Café zu einer festen Institution zu machen", erklärt die Standesbeamtin.

Wie wichtig es ist, als Angehörige über den Tod zu reden, hat Heike Corsten, die Mutter der in den Anden verstorbenen jungen Frau, selbst erfahren. "Man will am liebsten ständig über das Kind reden", sagt sie. Doch viele Mitmenschen hätten Angst davor, die Wunden dadurch wieder aufzureißen.

Dennoch war es nach dem Schock über den Verlust erst einmal ein schwieriger Prozess für Corsten, von der Sprachlosigkeit über den Tod der Tochter zum Reden zurückzufinden: "Man fühlt sich wie unter einer Glocke, ist betäubt und funktioniert eigentlich nur noch."

Weil den Menschen in ihrem Umfeld das Reden über den Tod und die verstorbene Tochter unangenehm war, entschied sich die Mutter aus Oberpleis dazu, in die Offensive zu gehen und nach Menschen zu suchen, mit denen sie reden konnte.

Auf ihrer Suche fand sie Zuflucht in Trauergruppen, lernte Trauerbegleiterin Roswitha Kühn kennen und fühlt sich nun auch im Siegburger "Café T.O.D." gut aufgehoben. Die Beschäftigung mit dem Sterben hat ihr die Angst davor inzwischen genommen.

Andrea Müller, Leiterin der Friedhofsverwaltung, ist es eine Herzensangelegenheit, an der Trauerkultur etwas zu rütteln. Seit Jahren ist sie bemüht, den Besuch eines Friedhofs so angenehm wie möglich zu machen. So sollen die eingangs erwähnten Totenbretter, die Siegburger Schüler angefertigt haben, den Friedhof beleben. Kinderführungen, Kunstausstellungen und die Siegburger Friedhofstage haben alle dasselbe Ziel: die Berührungsängste mit dem Thema Tod und Sterben abzubauen.

"Der Tod gehört zum Leben dazu und ist in irgendeiner Form normal", sagt Andrea Müller. "Deshalb möchte ich dem bitteren Beigeschmack des Friedhofs einen positiven Beigeschmack beimengen."

Das passt längst nicht jedem. Besonders einige ältere Menschen stören sich an dem Siegburger Trauercafé oder zeigen Unverständnis. Kaffee und Kuchen am Friedhof scheinen nicht in jedes Weltbild zu passen. Das Tabu habe auch damit zu tun, dass die betroffene Generation den Schrecken zweier Weltkriege noch zu spüren bekam, sagt Müller. Das massenhafte Sterben und die damit verbundene Trauer seien nie aufgearbeitet worden.

Alte Trauerrituale würden wegbrechen, die akzeptierte Trauerzeit immer weiter verkürzt und nicht selten in den Bereich der Therapie und seelischen Erkrankung gesteckt. Das Trauercafé soll sich dem entgegensetzen, neue Rituale schaffen, und sei es nur, auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen den Friedhof zu besuchen.

Das Café "T.O.D." öffnet unregelmäßig. Die nächsten Termine sind: 27., 28., 29. Juni sowie 5. und 9. Juli jeweils von 14 bis 18 Uhr.