GA-Serie "Mobil in der Region": Hermann Tengler: „Stau kostet Arbeitszeit und Produktivität“

GA-Serie "Mobil in der Region" : Hermann Tengler: „Stau kostet Arbeitszeit und Produktivität“

Je weitreichender die Verkehrsprobleme, desto größer die Gefahr für den Wirtschaftsstandort. Ein Gespräch über die Folgen des Stillstandes.

Die gute wirtschaftliche Entwicklung der Region ist Fluch und Segen zugleich. Wo Arbeitsplätze entstehen und Menschen zuziehen, verstärken sich die Verkehrsprobleme. Hermann Tengler ist seit 1989 Wirtschaftsförderer des Rhein-Sieg-Kreises.

Wann haben Sie sich zuletzt so richtig über einen Stau geärgert?
Hermann Tengler: Das ist noch gar nicht lange her. Da musste ich unter der Woche abends um 18 Uhr in Alfter einen Vortrag halten. Ich bin in Siegburg früh losgefahren, kam aber eine Dreiviertelstunde zu spät, weil die Fahrt zwei Stunden dauerte – ohne erkennbaren Grund. An anderen Tagen wiederum wäre ich viel zu früh angekommen. Man hat das Gefühl, dass Autofahrten unkalkulierbarer werden. Und das kostet Arbeitszeit und Produktivität.

Warum ist das so?
Tengler: Die Region Bonn/Rhein-Sieg ist in den vergangenen 25 Jahren um 100 000 Einwohner gewachsen, es kamen in dieser Zeit 40 000 Firmen hinzu. Die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur – Straße, aber auch Schiene – kam nicht hinterher. Das System ist auf Kante genäht, der kleinste Unfall legt alles lahm. Ein Grund ist aber auch die Wirtschaftsstruktur der Stadt Bonn mit ihrer hohen Arbeitsplatzdichte. 1174 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte pro Quadratkilometer, dazu noch die Beamten, der öffentliche Dienst und die Selbstständigen – das ist einer der Spitzenwerte in NRW. Täglich pendeln 129 000 Menschen nach Bonn, allein 60 500 davon aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Die restlichen Pendler kommen aus Köln, Neuwied oder Euskirchen. Auch die müssen durch das Kreisgebiet nach Bonn. Zugleich ist der Wohnungsmarkt in Bonn leer gefegt, Mieten und Immobilienpreise bewegen sich auf hohem Niveau. Wer in Bonn einen Job annimmt, muss zunehmend ins Umland ausweichen.

Das heißt: Noch mehr Pendler, noch mehr Stau?
Tengler: Genau. Nach allen Prognosen, die wir kennen, bleiben wir eine Zuzugsregion. Wenn wir mehr Arbeitsplätze und Einwohner bekommen, ist das natürlich erfreulich. Aber wir steuern geradewegs in die Immobilität. Selbst wenn alle Aus- und Neubauprojekte, die jetzt für die Region im Entwurf des Bundesverkehrswegeplans stehen, realisiert würden, würden 15 oder 20 Jahre ins Land gehen. Währenddessen wächst die Region, wächst der Pendlerverkehr, wächst der Stau. Das schadet dem Wirtschaftsstandort. Es werden Tausende Arbeitsplätze verloren gehen.

Ist das nicht zu schwarz gemalt?
Tengler: Was ist denn für Unternehmen wie für Arbeitnehmer wichtig? Das ist die Wohnraumsituation, die Mobilität. Die Frage nach der Verkehrsanbindung ist bei Standortentscheidungen sehr bedeutend. Schlecht erreichbare Unternehmen haben einen wirtschaftlichen Nachteil. Und wer wegen eines Staus zu spät zur Arbeit kommt, ist unzufrieden, unmotiviert, unkonzen-triert. Es vergeht inzwischen kein Meeting, in dem nicht einer über Verkehrsprobleme klagt. Auch dem Handwerk, das schlecht auf Bus, Bahn oder Fahrrad umsteigen kann, schadet der ständige Stau. Oder nehmen wir den Einzelhandel: In Bonn gibt es hochpreisige Geschäfte, deren Kunden klassischerweise mit dem Auto kommen. Wenn die sich wegen der Verkehrsprobleme anderweitig orientieren, bekommen diese Geschäfte ein Problem. Das wiederum wirkt sich negativ auf die ganze City aus.

Wenn es schon keine schnellen verkehrspolitischen Lösungen gibt: Was hilft dann?
Tengler: Man muss die Probleme auf allen Ebenen angehen. Man kommt um den Ausbau von Straßen und des ÖPNV nicht umhin. Es ist aber auch jeder einzelne Pendler gefragt. Viele haben sich vielleicht noch gar nicht mit Alternativen zum Auto beschäftigt. Ich halte beispielsweise das Fahrrad als Verkehrsmittel für unterschätzt.

Sie sprachen das Thema Wohnungsmarkt an. Könnte die Wohnraumpolitik ein Hebel sein, den Stau zu reduzieren?
Tengler: In Bonn wird man den Wohnraum nicht mehr übermäßig vermehren können. Wenn man die Wege zwischen Arbeits- und Wohnort gering halten will, dann wird sich das in Zukunft eher im Umland realisieren lassen. Darauf zielt ja auch die gemeinsame Gewerbeflächenpolitik von Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis, ebenso unsere kürzlich in Auftrag gegebene Wohnungsmarktanalyse.