Volksbegehren im Rhein-Sieg-Kreis: Eltern wollen endlich Ruhe im Schulsystem

Volksbegehren im Rhein-Sieg-Kreis : Eltern wollen endlich Ruhe im Schulsystem

In NRW startet das erste Volksbegehren nach fast 40 Jahren - es richtet sich gegen das Abitur mit acht Jahren (G8) und fordert die Rückkehr zu neun Jahren Schulzeit (G9). Das bestehende System wird von Eltern und Schulen kritisiert.

In der Diskussion um das Turbo-Abitur gehen die Meinungen in der Lehrer- und Elternschaft auseinander. Einige Schulleiter halten eine Mischung von G8 und G9 für die beste Lösung.

Der Startschuss für das Volksbegehren – das erste nach fast 40 Jahren in NRW – gegen das Turbo-Abitur ist gefallen: Ab heute liegen in den Kommunen die Eintragslisten aus. Mit einer Unterschrift unterstützt man die Forderung der Initiatoren von „G9-jetzt“, dass an den Gymnasien das Abitur wieder nach neun (G9) statt nach acht Jahren (G8) abgelegt wird. Im Rhein-Sieg-Kreis gehen die Meinungen zum Volksbegehren bei Vertretern der Schulen und der Elternschaft auseinander.

Sowohl Eltern als auch Schulen sind unzufrieden mit dem bestehenden G8-System. Während die Schulleiter des Rhein-Sieg-Gymnasiums in Sankt Augustin und des Antonius-Kollegs in Neunkirchen-Seelscheid eine Mischform von G8 und G9 als beste Lösung für die Gymnasien sehen, fordern die Vertreter der Schulpflegschaft endlich Ruhe im Schulsystem. Erneute Umstellungen würden zulasten der Schüler fallen.

Eintragen in den Rathäusern

Seit dem Schulfrieden in NRW 2011 sollte unter der rot-grünen Landesregierung das etablierte Schulsystem Bestand haben: An den Gymnasien wird das Abitur nach acht Jahren abgelegt (G8), an Gesamtschulen sind neun Jahre bis zur Hochschulreife vorgesehen. Dieses System bewährt sich jedoch nicht, sind sich die Schulen und die Elternschaft im Rhein-Sieg-Kreis einig. Schon in einer GA-Meinungsumfrage im Jahr 2016 beklagten die Gymnasien eine Überlastung der Oberstufenschüler. „Die Schüler, die in der Profilklasse Musik sind oder das deutsch-französische Abitur machen, brauchen einfach mehr Zeit“, sagte Margret Sagorski, Schulleiterin des Gymnasiums Alleestraße Siegburg.

Die Schulleiterin des Rhein-Sieg-Gymnasiums in Sankt Augustin, Birgit Fels, stellt fest, dass immer mehr Oberstufenschüler die psychologische Beratung der Schule aufsuchen würden. „Die Schüler sind gerade mal 14 oder 15 Jahre alt und werden mit den Anforderungen der Oberstufe konfrontiert. Dieser Belastung können manche nicht standhalten“, so Fels.

Die Schulleiterin sieht das Volksbegehren als logische Konsequenz der schon seit Langem herrschenden Kritik am G8-System. „Eine Bürgerbeteiligung ist zu begrüßen, sie befeuert die Diskussion erneut“, meint Fels. G8 ganz abzuschaffen, sei jedoch keine gute Lösung. Man müsse individuell auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen: „Manche lernen schneller, manche nicht.“ Fels hält eine Mischform aus dem G8- und dem G9-System für die beste Lösung für Gymnasien.

Ein solches System hat sich seit 2010 im Antonius-Kolleg in Neunkirchen-Seelscheid etabliert. Die Landesregierung eröffnete den Gymnasien seinerzeit einmalig die Möglichkeit, sich zum Schuljahr 2010/2011 an einem Versuch zur Wiedereinführung von G9 zu beteiligen. Das Antonius-Kolleg teilt seitdem ihre Schüler je nach Leistung G8- oder G9-Klassen zu. Die stellvertretende Schulleiterin Barbara Altmann wünscht sich dieses System auch für andere Gymnasien: „In der Regel würde eine G8-Klasse pro Jahrgang reichen, um die etwas leistungsstärkeren Schüler optimal zu fördern.“

Oliver Stahl, Schulpflegschaftsvorsitzender im Sankt Augustiner Albert-Einstein-Gymnasium, sieht die Einführung eines Nebeneinanders von G8 und G9 kritisch. Es bedeute eine große Umstellung der Lehrpläne, der schulischen Organisation und der Lehrkräfte. Eine Umstellung, bei der die Schüler die Leidtragenden sein würden.

Bei den Eltern gingen die Meinungen über G8 auseinander, so Stahl. Es gebe Befürworter und Gegner. Der Schulpflegschaftsvorsitzende des Rhein-Sieg-Gymnasiums, Felix Busch, notierte bei den Eltern den Wunsch, dass endlich Ruhe in das Schulsystem reinkommen solle. „G8 wurde nicht sauber umgesetzt, aber anstatt wieder ein neues System einzuführen oder zu G9 zurückzukehren, sollte das System G8 einfach besser gestaltet werden“, meint Busch.