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Kennzeichen SU: Der Weiße Ring: „Ein Opfer hat immer lebenslänglich“

Kennzeichen SU: Der Weiße Ring : „Ein Opfer hat immer lebenslänglich“

Helen Bonert berät für den Weißen Ring Menschen, die Opfer von Gewaltdelikten geworden sind. In der Serie Kennzeichen SU berichtet die 66-Jährige von ihren Erfahrungen.

Ein Verbrechen dauert oft nur wenige Minuten, manchmal nur Sekunden. Während der Täter je nach Delikt seine Strafe unter Umständen schnell verbüßt hat, hat ein Opfer laut Helen Bonert „immer lebenslänglich“. Bonert leitet seit zehn Jahren die Außenstelle des Weißen Rings im rechtsrheinischen Rhein-Sieg-Kreis ohne Bad Honnef und Königswinter – und hilft Opfern gemeinsam mit ihrem Team, mit den Folgen einer Straftat klarzukommen.

Für den linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis, Bonn sowie Bad Honnef und Königswinter führt Alexander Poretschkin seit März 2015 die Außenstelle, die ein Gebiet mit rund 560.000 Einwohnern abdeckt. Es ist eine notwendige und gefragte Arbeit: „In der Bonner Außenstelle melden sich pro Jahr gut 400 Opfer“, sagt Poretschkin, der auf 19 ausgebildete und vom Landesvorsitzenden ernannte Mitarbeiter bauen kann. Helen Bonert und ihr Team haben im vergangenen Jahr 160 Fälle aktiv bearbeitet, in Bonn und dem restlichen Kreis waren es 406.

Auch „dicke Fälle“ wie Mord

„Zunächst telefoniere ich kurz mit den Opfern und höre mir ihre Geschichte an. Dann stelle ich fest, wo der Schwerpunkt der Person liegt und verweise sie an einen meiner unterschiedlich ausgebildeten Mitarbeiter“, berichtet Bonert (66). Sexuelle Übergriffe etwa gibt sie grundsätzlich nur an Mitarbeiterinnen weiter.

Ehe ihre Mitarbeiter in Kontakt mit den Opfern treten, durchlaufen sie eine Ausbildung, hospitieren bei erfahrenen Mitarbeitern und besuchen Seminare. Die gebürtige Wuppertalerin hofft, weitere Ehrenamtliche für die Arbeit des Weißen Rings begeistern zu können. Ein großes Problem sei neben der Zeit aber, dass sich viele Menschen nicht mit den Opfern befassten, sagt die 66-Jährige.

Bonert delegiert aber nicht nur an ihre fünf Mitarbeiter, sie besucht „bei dicken Fällen wie Mord“ auch selbst die Angehörigen. Den Menschen in schweren Zeiten beizustehen, geht auch an den allesamt ehrenamtlichen Mitarbeitern des Weißen Rings nicht vorbei: „Das berührt einen natürlich, darf es aber nicht. Deshalb machen wir alle zwei Monate eine Supervision – eine seelische Reinigung“, so die 66-Jährige.

Dabei sprechen sie Fälle durch, die einzelne Mitarbeiter besonders belasten. „Hinterher fühlen sich meine Mitarbeiter und ich besser“, sagt die Außenstellenleiterin, die auf eine Laufbahn als Sanitätsoffizierin bei der Bundeswehr zurückblickt. Zum Weißen Ring fand sie nach ihrem Ruhestand: „Ich bin in eine Art Loch gefallen. Als dann noch mein Mann starb, bin ich aus München geflüchtet und habe mir überlegt, wo ich ehrenamtlich helfen könnte. Es hat mich gejuckt, Menschen zu helfen, und so bin ich zum Weißen Ring gekommen.“

Verein arbeitet auch präventiv

Für den Verein arbeitet sie inzwischen „rund 2000 Stunden“ im Monat, täglich erhält sie mehrere Anrufe von Opfern. „Man hört da ganz unterschiedliche Sachen. Beispielsweise melden sich ältere Leute, die überfallen und beraubt wurden“, so Bonert. In solchen Fällen gebe es neben Gesprächen schnelle Hilfe. Etwa, „dass wir für den Menschen einkaufen gehen und seinen Kühlschrank füllen“. Im Schnitt, so Bonert, gibt sie für ihren Zuständigkeitsbereich pro Jahr 20 000 Euro für die Opfer aus.

Ein Großteil der Hilfesuchenden seien Opfer von Sexualdelikten oder häuslicher Gewalt, viele Menschen kämpfen auch mit den psychischen oder materiellen Folgen eines Wohnungseinbruchs. Wichtig ist für Bonert, genau hinzuhören. Denn nicht in jedem Fall ist der Weiße Ring der richtige Ansprechpartner – etwa bei Stalking. „Ich kann aber Hinweise geben, wo man Hilfe erhalten kann“, sagt sie. Um Gewaltdelikte zu verhindern, arbeitet der Verein zudem präventiv, veranstaltet jedes Jahr in den Sommerferien ein Präventionsprojekt für Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren. Dabei sollen Kinder unter anderem mithilfe von Polizei und Feuerwehr schon früh lernen, Nein sagen zu können.

Ihren Antrieb zieht Helen Bonert auch aus Rückmeldungen der Opfer. Immer mal wieder käme es vor, dass sie sich nach längerer Zeit bei ihr melden – erst vor Kurzem habe plötzlich jemand mit einem Strauß Blumen vor ihrer Wohnung gestanden. Von dort arbeitet sie; extra Büroräume seien für die Außenstelle nicht finanzierbar. Das vorhandene Geld kommt wichtigeren Aspekten zugute – den Opfern.