Feuer in Siegburg: Ein Jahr nach dem Brand an der ICE-Strecke

Feuer in Siegburg : Ein Jahr nach dem Brand an der ICE-Strecke

Bei dem Feuer am 7. August 2018 wurden 21 Menschen obdachlos. Rund 550 Rettungskräfte aus dem gesamten Kreisgebiet waren im Einsatz. Nach dem Großbrand in Siegburg-Brückberg wohnen drei Familien wieder in ihren Häusern.

Nach arbeitsintensiven Monaten sind Lydia und Peter Bergen vor ein paar Tagen einen Schritt zurück in ihr normales Leben gegangen: Sie wohnen wieder in ihrem vor einem Jahr zerstörten Haus. Es war eines von sieben, die am 7. August 2018 beim Großbrand im Siegburger Stadtteil Brückberg so stark beschädigt wurden, dass sie unbewohnbar waren.

Von Normalität sind die Bergens aber auch ein Jahr danach noch immer weit entfernt. Nur eine Etage ist bewohnbar in ihrem an der Straße Im Urnenfeld gelegenen Haus. Ihre Tochter schätzt, dass es noch ein weiteres Jahr braucht, bis sie wirklich das gesamte Gebäude nutzen können. Und auch dann wird die Erinnerung an jenen Dienstag Anfang August bleiben.

Die ist auch bei Ursula Thiel noch präsent. Besonders an so heißen Tagen wie sie die vergangene Woche beschert hat: „Es war dieselbe Wetterlage, mehr als 38 Grad im Schatten, alles trocken und das Rathaus urlaubsbedingt relativ leer“, erinnert sich die Leiterin des Bürgermeisterbüros. Bürgermeister und Feuerwehrchef waren verreist am 7. August, der ein tropisch heißer und windiger Tag war.

14.31 Uhr. Der Zeitpunkt der Alarmierung hat sich in das Gedächtnis von Torsten Becker eingebrannt. „Es hieß zunächst Böschungsbrand“, sagt der Siegburger Feuerwehrmann, der den Einsatz leitete. Sieben Minuten später seien sie mit zwei Löschfahrzeugen am Bahndamm unweit der ICE-Strecke gewesen. Dann ging alles rasend schnell. „Wir mussten innerhalb von zehn Minuten auf die höchste Alarmstufe erhöhen“, beschreibt Becker das noch nie zuvor Erlebte.

„Wir veranlassten die Sperrung der Bahnstrecke, ein Zug fuhr aber noch durch“, sagt Becker. Die dadurch aufgewirbelte Luft wirkte zusammen mit den teils starken Windböen und der trockenen Vegetation verheerend. Funken sprangen über die Gleise hinweg, brannten Bäume und Büsche auf der gegenüberliegenden Seite ab – und das Feuer dehnte sich auf Gartenhäuser, Palisaden und schnell auf Wohnhäuser aus. „Als wir das sahen, sind wir nur noch gelaufen“, sagt Becker. Mehr als drei Kilometer mussten er und seine Kollegen zurücklegen, um vom Bahndamm zur Straße Im Urnenfeld zu gelangen, wo sechs Dachstühle in Flammen standen.

Böschungsbrand in Brückberg dehnt sich auf Wohnhäuser aus

48 der insgesamt 109 Feuerwehreinheiten aus dem Rhein-Sieg-Kreis eilten den Siegburger Kollegen zu Hilfe. „Der Straßenzug war gar nicht mehr auszumachen“, erinnert sich Becker an den Moment, als er Im Urnenfeld ankam. Schemenhaft habe er Anwohner ausgemacht, die versucht haben ihre Häuser zu löschen. Auch Peter Bergen ging mit Wasser aus seinem Pool gegen die Flammen vor. „Ich habe hier gelöscht, und plötzlich brannte es an einer ganz anderen Stelle“, berichtete er nach dem Brand im Gespräch mit dem General-Anzeiger. Kurz vor dem Tag, an dem sich die Katastrophe jährt, möchte er nicht mehr öffentlich über das Geschehene sprechen – wie auch die anderen Betroffenen.

Feuer in Siegburg hinterlässt große Schäden

„Das war dramatisch“, beschreibt Becker die Situation. „Wir haben allen gesagt: Lassen Sie alles liegen, laufen Sie weg“, sagt er. Eine ältere Frau und ihren Ehemann habe er selbst aus ihrem Haus geholt. „Es ist ein Glück, dass nicht mehr passiert ist“, sagt Becker. „Wäre der Brand in der Nacht ausgebrochen, wäre er noch verheerender gewesen.“ Gegen 17 Uhr stand fest: Es sind keine Anwohner mehr in einem der Gebäude oder auf der Straße. 32 Menschen, darunter zwölf Feuerwehrmänner und Polizisten, sind am Ende verletzt.

Spendenaktion für Brandopfer in Siegburg

„Es war wie in einem Film“, erinnert sich Ursula Thiel, die am Nachmittag vom Rathaus direkt an die Einsatzstelle fuhr. Vor Ort übernahm sie die Koordinierung von städtischer Seite: Sie ließ etwa ein Bürgertelefon einrichten, eine Anlaufstelle für alle Betroffenen und regelte die Unterbringung von 127 Anwohnern, die evakuiert werden mussten, in der Adolf-Kolping-Schule. 150 städt-ische Mitarbeiter waren im Einsatz, zudem 200 Polizisten. Und die rund 550 Wehrleute und Rettungskräfte aus der gesamten Region, die Großes leisteten. Bis zur Erschöpfung kämpften sie gegen die Flammen, standen zeitweise zwischen zwei Feuerwänden, verhinderten den Funkenschlag auf die andere Straßenseite und wehrten so die ganz große Katastrophe ab. Bis tief in die Nacht dauerte ihr kräftezehrender Einsatz, und auch Tage danach kämpften sie immer wieder gegen Glutnester. Neun Häuser haben die Flammen am Ende beschädigt, sieben so stark, dass sie unbewohnbar waren. 21 Siegburger waren damit obdachlos.

Parallel lief die wohl größte Hilfsaktion an, die Siegburg in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat. Angefangen von Getränken und Speisen für die Betroffenen und Einsatzkräfte über Direkthilfen für die Brandopfer bis hin zu großen Spendensammlungen. „Das war überwältigend“, sagt Thiel. Das Mitgefühl war groß, aber auch die Neugier. Schaulustige, darunter auch TV-Journalisten aus ganz Deutschland, drangen hemmungslos zu den zerstörten Häusern vor, fotografierten die ungeschützten Wohnräume. Die Stadt reagierte, schirmte die Straßen und ihre Bewohner ab, Sicherheitsleute regelten den Zugang.

Die 21 Brandopfer versuchten noch aus ihren zerstörten Häusern zu retten, was zu retten ist, als schon Massen an Spenden für sie eingingen. Menschen aus ganz Deutschland brachten Möbel, Hausrat und Kleidung in die städtische Sammelstelle, auch das Lager des Vereins „Lohmar hilft“ platzte aus allen Nähten. Bis heute sind 740 000 Euro, darunter eine halbe Million von der Deutschen Bahn, auf einem von der Stadt eingerichteten Spendenkonto eingelaufen. Geld, das unter den Betroffenen aufgeteilt wurde. Die kamen bei Verwandten oder in Übergangswohnungen unter und begannen mit dem Wiederaufbau ihrer Häuser. Ein Blick in den betroffenen Straßenzug zeigt, dass die Arbeit noch immer andauert. Neben den Bergens konnten zwei Familien wieder in ihre Häuser ziehen. Drei Familien arbeiten noch darauf hin, und eine Familie ist weggezogen.

Eine Brandursache hat die Staatsanwaltschaft Bonn nicht ermitteln können. Im April stellte sie ihre Ermittlungen ein. Hinweise auf Brandstiftung oder fahrlässiges Handeln hat sie nicht gefunden. „Wir sind auf drei Dinge besonders stolz“, sagt Co-Dezernentin Ursula Thiel. Auf die vielen Helfer, allen voran die Feuerwehr. „Auf die Betroffenen, die aus der ersten Schockstarre heraus all ihre Energie zusammengenommen und einen Neuanfang gewagt haben. Und auf unser Siegburg, das ein Ozean an Hilfsbereitschaft war.“

„Es hätte auch anders ausgehen können“, gibt Torsten Becker zu bedenken. Letztlich hätten sich Übungen mit Feuerwehr, Polizei, Stadt und Rettungsorganisationen ausgezahlt. „Da müssen wir dran bleiben und verschiedene Szenarien üben“, sagt Thiel. Einige Neuerungen seien schon umgesetzt worden. Es gebe etwa mehr Funkgeräte, ein anderes Handynetz und die Ordnungsamtsmitarbeiter hätten nun Atemschutzmasken in ihren Wagen. „Man macht sich Gedanken“, sagt Thiel. Deswegen war die Siegburger Feuerwehr vor ein paar Tagen wieder am Bahndamm im Einsatz. Um den von der Bahn aus Sicherheitsgründen kahl geschlagenen Hang zu wässern – und so den Anwohnern die Angst vor einem erneuten Brand zu nehmen.

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