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Karneval in der Region: Das Who is Who im Funkencorps

Karneval in der Region : Das Who is Who im Funkencorps

Zu Karneval sind die Garden und Corps nicht aus dem Straßenbild wegzudenken. Aber was steckt eigentlich hinter den bunten Uniformen?

Zugegeben, die allererste, völlig unvorbereitete Begegnung lässt den Ahnungslosen ziemlich ratlos zurück. Warum reiben erwachsene Männer auf der Bühne ihre Hinterteile aneinander und tragen dabei noch Uniform? Die Frage ist durchaus berechtigt, aber auch einfach zu beantworten. Das ist Karneval – und damit eine gute alte, rheinische Tradition. Zumindest seitdem es den organisierten Karneval im Rheinland gibt. Und den haben die Jecken entlang des Rheins niemand Geringerem als den Preußen zu verdanken.

Es war so etwas wie Rettung in letzter Sekunde. Das ungeordnete, maßlose und immer überbordendere Treiben in den Kölner Straßen war den Besatzern ein Dorn im Auge. „Die Preußen wollten den Karneval verbieten“, bringt Sigrid Krebs, Sprecherin des Festkomitees Kölner Karneval, es auf den Punkt. Das zu verhindern taten sich anno 1823 ein paar kluge Kölner zum „Festordnenden Komitee“ – dem Vorläufer des heutigen Festkomitees – zusammen, suchten nach einem Ausweg und schafften es schließlich, das zügellose Treiben wieder in geordnete Bahnen zu leiten – mit dem ersten Rosenmontagszug. Mit der „Karnevalsreform“ von 1823 legten sie den Grundstein für den heutigen Karneval – und seine Gesellschaften.

Dem Beispiel der Kölner folgten die Jecken in der umliegenden Region, sagt Sigrid Krebs. So zogen die Bonner etwa Rosenmontag 1828 durch ihre Stadt. Die Siegburger gründeten 1826 ihre erste Karnevalsgesellschaft namens „Wacker zapp“, ein erster Maskenumzug ist aber erst Ende der 1860er Jahre belegt. Der Karnevalsprinz hieß damals noch „Held Karneval“ – „Prinz war nicht gewollt vom preußischen König, da der Titel allein dem Adel vorbehalten sein sollte“, erklärt Sigrid Krebs. Also war der Prinz aus dem Volke eben ein Held. Und dem zu Ehren zogen die Karnevalisten durch die Stadt, vielmehr in Köln anfangs immer wieder rund um den Neumarkt.

Die „Roten Funken“ (Die Kölsche Funke rut-wieß vun 1823) waren eine der Kölner Karnevalsgesellschaften (KG) der ersten Stunde. Sie trugen Uniformen und verstanden sich als Persiflage auf das damalige Militär, nahmen „Preußens Gloria“ aufs Korn und sich selbst nicht so ernst, und verliehen statt militärischer eben Karnevals-Orden. „Bis heute exerzieren Funken, aber nicht ganz so akkurat wie das marschierende Militär“, erklärt Krebs. Um eine gerade Reihe zu bilden, bräuchten sie etwa eine halbe Ewigkeit.

Eine Tradition, die auch die Siegburger Funken Blau-Weiß von 1859 bis heute pflegen. Wenn die Offiziere ihres 2. Knubbels in diesen Tagen in die Säle einziehen, lassen sie jene Zeiten wieder aufleben. Beim Funkenmarschtanz wibbeln sie, statt zu exerzieren, reiben beim „Stippeföttche“ ihre Hinterteile aneinander und lassen tanzend ihre „Zabel“ (Säbel) rasseln und ihre „Knabüß“ (Knallbüchse) klingen. „Für Außenstehende wirkt das oft befremdlich“, weiß Sigrid Krebs. Die Expertin versichert aber: „Funken tun keinem weh.“ Sie mischten preußische Ordnung mit kölscher Lässigkeit, stünden für die „Anarchie im Karneval“. Und, so ergänzt Krebs: „Auf ihrem Holzgewehr steckt eine Blume.“

Lange waren die Karnevalsgesellschaften reine Männergesellschaften. Auch noch als die ersten Mariechen zusammen mit den Offizieren tanzten. 1929 hatten die Siegburger Funken Blau-Weiß ihr erstes Tanzpaar. „Das Tanzmariechen war aber ein Mann“, verrät ihr Sprecher Klaus Stock. Die Nationalsozialisten hätten das ab 1934 als „abartig“ verboten – wie auch die männliche Jungfrau in Dreigestirnen. Nach dem Krieg seien dann wieder Männer in die Frauenkleider geschlüpft – immerhin bis 1962. Seitdem sind die blau-weißen Tanzmariechen wirklich Frauen.

Nicht alle Karnevalsgesellschaften sind uniformiert. „Die Große von 1823“ mischte ebenfalls von Anfang an in Köln mit, allerdings im Kostüm, nicht in Uniform. „In den 1870er Jahren gab es immer mehr Abspaltungen von den Traditionscorps“, berichtet Sigrid Krebs. So gründeten sich etwa „Frackgesellschaften“ aus der höheren Bürgerschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten sich dann die unterschiedlichsten Gesellschaften gegründet. Traditionscorps, Zusammenschlüsse aus den „Veedeln“ oder auch ganze Berufsstände, die organisiert die „tollen Tagen“ feiern – wie die „Kölschen Figaros“ (Friseure), die „Funkentöter“ (KG der Berufsfeuerwehr) oder die „Schwazze Kääls“ (Schornsteinfeger) bis heute belegen.

„Die Entwicklungen aus Köln finden sich auch in den umliegenden Kommunen“, sagt Sigrid Krebs. Wie unterschiedlich ihre Ursprünge auch sein mögen, eines eint alle Karnevalsgesellschaften: „Der Spaß an der Freud steht im Vordergrund“, so Krebs. Wer glaubt, aus einer Mitgliedschaft geschäftliche Vorteile ziehen zu können, der irre gewaltig. Es gehe vielmehr um rein ehrenamtliches und soziales Engagement. So „verhaften“ etwa die Siegburger Funken Blau-Weiß an den Karnevalstagen Passanten. „Gegen ein Lösegeld lassen wir sie wieder frei“, erklärt Klaus Stock. Damit stocken die Offiziere indes nicht die eigene Funkenkasse auf, nein sie spenden es für karitative Zwecke. Auch das ist Karneval.