Erstmals Computerspielsucht untersucht: Das ist der Gesundheitsreport für den Rhein-Sieg-Kreis

Erstmals Computerspielsucht untersucht : Das ist der Gesundheitsreport für den Rhein-Sieg-Kreis

Der DAK-Gesundheitsreport zeigt eine leicht positive Tendenz beim Krankenstand auf. Die Zahlen im Rhein-Sieg-Kreis sind leicht rückläufig. Psychische Erkrankungen haben hingegen leicht zugenommen.

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht über den Gesundheitszustand der Menschen in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis. Der Krankenstand ist 2018 entgegen dem Landestrend leicht gesunken. Er lag in unserer Region bei 3,7 Prozent, damit 0,1 Prozent niedriger als im Vorjahr und 0,5 Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Das geht aus dem DAK-Gesundheitsreport hervor, in dem Daten von 1,1 Millionen in NRW Versicherten, darunter rund 26.000 Kunden aus dem Rhein-Sieg-Kreis analysiert wurden. Zudem gab es eine repräsentative Befragung von 5614 abhängig Beschäftigten. Auf Basis dieser Erhebung wurden verschiedene Prävalenzstudien durchgeführt.

Die schlechte Nachricht: Die psychischen Erkrankungen stehen mit einem Anteil von 18,4 Prozent an erster Stelle der Ursachen für die Fehltage. Und darin spielen Krankschreibungen wegen Sucht und weiteren sogenannten Substanzstörungen eine große Rolle, so Ingo Tiedtke, Leiter des DAK-Servicezentrums in Siegburg, und Janna Gasparian, Leitende Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der Johanniter-Tagesklinik Siegburg, bei der Vorstellung des Gesundheitsreports am Donnerstag. „Dass der Anteil von Muskel-Skelett-Erkrankungen in unserer Region weniger hoch ist als beispielsweise in Gelsenkirchen, hängt einfach damit zusammen, dass der Anteil Arbeitsplätze mit körperlichen Belastungen hier niedriger ist“, so Tiedtke.

Alkoholsucht ist mit großem Abstand vorne

Alkoholmissbrauch spielt als Ursache für Fehlen am Arbeitsplatz unter Suchtverhalten zwar mit einem Anteil von 75 Prozent nach wie vor die Hauptrolle. „Es gibt aber neue Abhängigkeiten, von denen in jüngerer Zeit behauptet wird, dass sie für Beschäftigte relevant sind beziehungsweise relevanter werden“, sagt Gasparian. Wenn sie von „klassischen“ Suchterkrankungen spricht, geht es neben der Alkoholabhängigkeit, um Tabak- beziehungsweise Nikotin-, Drogen- und Tablettensucht. Zur zweiten großen Gruppe gehören die Abhängigkeit von Computerspielen und die Abhängigkeit von sozialen Medien. Neu ist die Anerkennung von „Gaming Disorder“ als Krankheitsbild durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Zur Einordnung: Der Studie zufolge haben 1,2 Millionen Arbeitnehmer zwischen Rhein und Weser ein Alkoholproblem. Das ist jeder achte Beschäftigte. 19,3 Prozent sind abhängig vom Glimmstengel, was nicht nur Fehltage und eine höhere Anfälligkeit für Krankheiten darstelle, so Tiedtke, sondern auch häufiges Fehlen am Arbeitsplatz, weil diese Menschen immer wieder zum Rauchen raus müssen. Erstmals hat der DAK-Report die Computerspielsucht in der Arbeitswelt untersucht. Das Ergebnis: 581.000 Erwerbstätige in NRW zeigen ein „riskantes Nutzungsverhalten“. Das Krankheitsbild „Internet Gaming Disorder“ ist in NRW bei etwa 31.000 Beschäftigten diagnostiziert. Auf die Kommunen runtergerechnet sind diese Zahlen nicht. Klar sei indes, dass die Zahl der Krankheitstage der Menschen aus dieser Gruppe doppelt so hoch sei wie bei anderen, die kein Suchtverhalten haben.

Bei Computersucht müssen mehrere Faktoren zusammenkommen

„Der Zeitfaktor allein reicht nicht aus, um ein bestimmtes Verhalten am Computer als Suchtverhalten zu erklären“, sagte Gasparian. Dann müsste man ja auch den regelmäßigen TV-Konsum als Sucht einstufen. „Es müssen mehrere Kriterien zusammenkommen, um Gaming Disorder zu diagnostizieren. Neben der übermäßigen Beschäftigung mit Internet und Spielen müssen sich auch Entzugssymptome wie Reizbarkeit, Ängstlichkeit oder Traurigkeit, das Täuschen des sozialen Umfelds über den Umfang des Spielens und einige andere Faktoren zeigen.“

Das Alter scheint bei der echten Sucht kaum eine Rolle zu spielen. Bei den 18- bis 29-Jährigen liegt er bei 0,8 Prozent, bei 30- bis 39-Jährigen bei 1,8 Prozent, bei 40- bis 49-Jährigen bei einem Prozent und bei 50- bis 59-Jährigen bei 0,6 Prozent. Lediglich bei der „riskanten Nutzung“, also der Vorstufe zur Sucht, liegt der Anteil bei Jüngeren höher: mit 11,6 Prozent bei den 18- bis 29-Jährigen etwa doppelt so hoch wie bei den 40- bis 49-Jährigen. Jeder elfte Mitarbeiter mit riskantem Spielverhalten gab an, in den vergangenen drei Monaten wegen des Spielens abgelenkt oder unkonzentriert bei der Arbeit gewesen zu sein.

Man dürfe dabei nicht alle Computerspieler stigmatisieren, sagte die Fachärztin, rät den Arbeitgebern indes, in der betrieblichen Lebenswelt alle Personen möglichst durch qualifizierte Konzepte der Suchtprävention und der Frühintervention zu schulen.