Familien in Notsituationen: Caritas stellt Familienpflege im Rhein-Sieg-Kreis ein

Familien in Notsituationen : Caritas stellt Familienpflege im Rhein-Sieg-Kreis ein

Der Caritasverband Rhein-Sieg stellt seinen Fachdienst für Familien in Notsituationen aus finanziellen Gründen ein. Trotzdem ist der Verband von der Notwendigkeit des Dienstes überzeugt.

Immer dann, wenn eine Notsituation den Familienalltag in eine Schieflage bringt und es an Unterstützung fehlt, sind sie da, die ausgebildeten Familienpflegerinnen des Caritasverbandes Rhein-Sieg, die seit 1976 Familien in Krisen auf vielfältige Weise unterstützen. „Der Bedarf ist ungebrochen groß“, sagt Hartmut Pöplau, der bei der Caritas den Bereich Familie und Gesundheit leitet. Die Finanzierung des Angebotes gestalte sich aber seit Jahren schwierig, da die Krankenkassen es nicht angemessen vergüteten. Deswegen stellt der Caritasverband Rhein-Sieg den Fachdienst Familienpflege nun Ende Juni ein.

„Wir haben lange mit uns gerungen“, sagt Pöplau. Denn nach wie vor ist die Caritas von der Notwendigkeit des Dienstes überzeugt. „Es gibt viele Familien ohne Angehörige oder ein anderes eigenes Netzwerk“, sagt Susanne Schlotmann, die den Fachdienst Familienpflege seit 2012 leitet. Wenn ein Elternteil dann plötzlich erkranke, sei die Versorgung der Kinder schnell gefährdet. „Wir springen ein, kümmern uns um den Haushalt, holen aber auch die Kinder von Schule oder Kita ab und machen mit ihnen Hausaufgaben“, gibt Schlotmann Einblick in die tägliche Arbeit ihrer Mitarbeiterinnen. Das sei viel mehr als eine reine Haushaltshilfe leiste.

Aber, nur für Haushaltshilfen übernehmen die Krankenkassen üblicherweise die Kosten. „Um die häusliche Versorgung zu sichern, zahlen die Krankenkassen im Schnitt 26 Euro pro Stunde“, sagt Pöplau. Die Caritas rechne bei ihren pädagogischen Fachkräften aber mit einem Kostensatz von 50 Euro. Die Differenz hat der Verband in der Vergangenheit über andere Einnahmen ausgeglichen. Oder aber den Bedarf über das vom Caritasverband initiierte Haushaltsorganisationstraining gedeckt, das über die Jugendhilfe finanziert wird.

60 bis 70 Familien haben Susanne Schlotmann und ihr Team im gesamten Rhein-Sieg-Kreis pro Jahr betreut. „Zu Hochzeiten waren wir wöchentlich acht Stunden in der Familie“, sagt sie. Da arbeiteten auch noch 18 Familienpflegerinnen bei der Caritas. Inzwischen sind es nur noch sechs, und die seien nur noch drei Stunden in den Familien. Ihre Hilfe können Eltern beantragen, wenn mindestens ein Kind unter zwölf Jahren oder behindert ist und der erziehende Elternteil erkrankt. Oder aber auch, wenn ein Kind schwer krank und ein Elternteil dauerhaft in der Klinik ist. „Die Krankenkassen schlagen oft vor, Nachbarn oder Freunde um Hilfe zu bitten“, berichtet Schlotmann. Das könne aber niemand dauerhaft „so nebenbei“ leisten. Eine Familienpflegerin habe eine entsprechende Ausbildung. In drei Jahren werden sie im hauswirtschaftlichen, pflegerischen und pädagogischen Bereich geschult. Dabei lernen sie auch, nah dran zu sein und zugleich Distanz zu wahren.

„Betroffene wenden sich direkt an uns“, sagt Pöplau. Jeder Fall müsse dann einzeln mit den Krankenkassen verhandelt werden. „Wir haben auf verschiedenen Ebenen versucht, die Stelle zu retten und eine solide Finanzierung hinzubekommen“, so Pöplau. Seit 2011 verhandele zudem der Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln mit den Krankenkassen über die Finanzierung des Einsatzes von Familienpflegerinnen. Bislang ohne Ergebnis. Ein Schiedsverfahren ist angestoßen. „Wir können aber nicht mehr länger warten“, so Pöplau. Der Fachdienst bringe dem Verband einen Verlust von bis zu 60 000 Euro im Jahr. Daher habe man sich schweren Herzens entscheiden müssen, die Familienpflege einzustellen.

Damit bieten von ehemals 14 nur noch sechs Caritasverbände im Erzbistum Köln den Dienst der Familienpflege an. Im Rhein-Sieg-Kreis gebe es ab Juli dann nur noch zwei Pflegedienste, die auch eine Familienpflege anbieten, so Schlotmann. Ihre noch verbliebenen Kolleginnen sind in anderen Caritasdiensten untergebracht oder sind in andere Stellen gewechselt.

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