Frauenhaus in Troisdorf: Bedarf für weiteres Frauenhaus im Rhein-Sieg-Kreis

Frauenhaus in Troisdorf : Bedarf für weiteres Frauenhaus im Rhein-Sieg-Kreis

Im Troisdorfer Frauenhaus finden Opfer von häuslicher Gewalt ein Stück Geborgenheit. Gemeinsam versuchen sie, nach vorne zu blicken. Der Bedarf im Rhein-Sieg-Kreis ist größer als das Angebot.

Amina möchte nie mehr zurück. Zurück zu dem Mann, der ihr zehn Jahre lang Gewalt angetan hat. „Ich habe es endlich geschafft“, sagt die 32-Jährige. Drei Mal hat sie ihren Ehemann schon verlassen, drei Mal ist sie wieder zu ihm zurückgekehrt. Jetzt, beim vierten Mal ist es anders, sagt sie. Sie ist bereit für einen Neuanfang. Viele Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt, ohne ihren inzwischen geschiedenen Mann, aber mit ihren vier Töchtern. Im autonomen Frauenhaus Troisdorf hat sie neuen Mut gefasst – und gelernt, selbst über ihr Leben zu bestimmen.

„Sie hat verstanden, dass sie weit weg gehen muss“, sagt Sozialpädagogin Michiko Park. Weg von äußeren Einflüssen. An einen Ort, der Sicherheit und Ruhe schenkt. „Wir geben ihr beides“, sagt Park. Sie ist eine von sieben Mitarbeiterinnen, die in der Einrichtung des Vereins „Frauen helfen Frauen“ arbeiten. Die Frauen, die dort Zuflucht suchen, kommen aus ganz Deutschland. Meist finden sie über das Internetportal der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser den Weg nach Troisdorf. Mitunter ziehen sie direkt nach einem Polizeieinsatz aus ihrem Zuhause aus und in das Einfamilienhaus ein.

Der Bedarf ist größer als das Angebot. Das zeigt ein Blick auf Zahlen aus dem Jahr 2015. Das Bundeskriminalamt meldete bundesweit mehr als 100 000 Frauen, die Opfer von Gewalt in der Partnerschaft wurden. Tendenz steigend. Die Siegburger Kreispolizeibehörde, zuständig für das Rechtsrheinische ohne Bad Honnef und Königswinter, hatte 529 Einsätze wegen häuslicher Gewalt. Und das sind nur die Fälle, die aktenkundig sind.

„Das Schlimme ist, die Frauen erfahren Gewalt an einem Ort, an dem sie sich sicher und geborgen fühlen sollten, ausgehend von einem Menschen, bei dem man sich sicher und geborgen fühlen sollte“, sagt Park. Im Frauenhaus versuchten sie, ihnen wieder ein Stück Geborgenheit zurückzugeben. „Wir machen ihnen Mut, zeigen ihnen, dass sie Rechte haben, und unterstützen sie dabei, herauszufinden, was sie für sich wollen.“

Die Frauen, die in Troisdorf Schutz suchen, kommen in der Regel nicht aus der Region. Aus Sicherheitsgründen. Auch Amina hat viele hundert Kilometer hinter sich gelassen. Sie heißt eigentlich anders, ihren richtigen Namen zu veröffentlichen, wäre zu gefährlich. Mit 15 Jahren hat sie geheiratet. „Am Anfang war es sehr schön“, sagt die 32-Jährige. Dann habe ihr Mann angefangen, fremd zu gehen und gewalttätig zu werden. Die Erinnerung schmerzt, immer noch. Michiko Park legt den Arm um Amina. „Du hast so viel geschafft“, erinnert sie sie.

Hier in der Küche des liebevoll eingerichteten Hauses ist die Nähe zwischen den Frauen spürbar. In acht Jahren hat Michiko Park viele kommen und gehen sehen. Die Bewohnerinnen eint das Schicksal. „Aber wir blicken vor allem nach vorne“, sagt die 45-Jährige. Für sie sei es wichtig, keine Bilder im Kopf über die erlebte Gewalt entstehen zu lassen. „Ich höre aufmerksam zu, dokumentiere und leite daraus die ersten Arbeitsschritte ab“, sagt Park, die drei Kinder hat. Oft verrieten Narben mehr als Worte. „Wenn die Frauen einziehen, sind sie meist gezeichnet“, sagt sie. Innerhalb von zwei Wochen blühten sie regelrecht auf. „Das zu sehen, gehört zu den schönsten Momenten.“

Die Haustür öffnet sich. Kinder kommen herein, sie sind zurück aus der Schule. Sofort wird es laut, es wird gelacht. „Wir haben viel Spaß und lernen viel voneinander“, sagt Park. Aber, es gebe auch viel Streit. „Das ist normal, wenn so viele Frauen auf engem Raum zusammenleben.“ Sieben Zimmer verteilt auf zwei Etagen, zwei Badezimmer für alle. Jede Frau hat ihren Kühlschrank, ihren Küchenschrank und ihren Hausschlüssel. „Wir sagen immer, willkommen im wahren Leben.“

Ein Frauenhaus ist kein Heim, betont Park. Eine Rundumbetreuung gibt es nicht. Am Wochenende oder in der Nacht meistern die Frauen ihr Leben allein. Über das Notdiensthandy sind die Mitarbeiterinnen aber immer zu erreichen. Für Frauen, die neben der Gewalterfahrung ein Suchtproblem oder eine psychologische Erkrankung haben, ist die Einrichtung nicht die richtige Anlaufstelle. Ein Grund, eine Zimmeranfrage abzulehnen. Oft scheitert eine Aufnahme indes, weil das Haus voll ist.

„Wir brauchen dringend ein weiteres Frauenhaus in der Region“, sagt Park. Laut einer Empfehlung des Europarates müsste es im Kreis gemessen an seiner Einwohnerzahl vier Frauenhäuser mit je 20 Plätzen geben. Es gibt aber nur zwei, neben dem Troisdorfer noch das Frauenhaus des Kreises in Sankt Augustin. „Wir möchten uns für ein drittes Frauenhaus im Linksrheinischen einsetzen“, sagt Park. Das ist eines der Ziele, das sich der Verein gesteckt habe. Ein weiteres ist der Kauf eines eigenen Hauses. Und, kurz vor dem 25. Geburtstag im kommenden Jahr steht der Wandel vom Frauenhaus zum Frauen- und Kinderschutzhaus bevor. „Es ist wichtig, auf die Kinder zu blicken, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.“

Ihre Arbeit bezeichnet Michiko Park als ständigen Kampf. Immer wieder müssten Frauenhäuser um ihre Existenz bangen. Über die Landesförderung erhalte der Verein einen Personalkostenzuschuss von 70 Prozent. Und es gilt, Leistungsvereinbarungen mit dem Kreis zu verhandeln. Ein Kampf, der sich lohnt. Auch wenn die Arbeit gefährliche Momente birgt. „Wenn wir die persönlichen Sachen der Frauen aus ihren Wohnungen holen“, sagt Park. Oft gebe es dabei Polizeischutz. Bisher haben nur wenige Männer vor der Tür gestanden. „Die konnten wir aber gut händeln.“ Die Adresse des Frauenhauses bleibt geheim. „Wir sind Fachfrauen für das Unaussprechliche“, hält Park fest.

Die meisten Frauen bleiben länger, als sie wollen. „Meistens fangen sie nach zwei Wochen mit der Wohnungssuche an.“ Eine passendes Zuhause zu finden, kann dauern. Bis zu einem Jahr. Auch Amina sucht eine Wohnung. Seit Oktober lebt sie mit ihren Kindern in Troisdorf. „Am Anfang haben sie gefragt, wann gehen wir wieder nach Hause“, sagt Amina. Inzwischen fühlten sie sich sehr wohl. Haben in der Schule Freunde gefunden. Und sie möchten bleiben.

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