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"Wir machen unser Kreuz jetzt bei verheiratet"

"Wir machen unser Kreuz jetzt bei verheiratet"

Die Städte und Gemeinden dürfen seit dem 1. Oktober Lebenspartnerschaften begründen. Als erstes Paar traten in Sankt Augustin Siegfried und Rolf-Jörg Wallisch vor den Standesbeamten.

Eine ganz normale Gesellschaft in der Niederpleiser Mühle: die Herren in schwarzen Anzügen und Blumen am Revers, die Damen in schicken Kleidern und Kostümen. Hier und da wurde ein Tränchen verdrückt und noch einmal der Sitz von Fliege und Krawatte geprüft.

Nur dass im Terminkalender der Außenstelle des Sankt Augustiner Standesamtes nicht Eheschließung stand, sondern "Begründung einer Lebenspartnerschaft". Im Trauzimmer hörte der Standesbeamte Helmut Seeger das Ja-Wort von zwei Männern: Siegfried Wallisch und Rolf-Jörg Linden sind das erste Männer-Paar, das in Sankt Augustin seine Partnerschaft amtlich besiegeln ließ.

Nervös waren alle Beteiligten, ganz wie bei einer Hochzeit. Sogar Seeger, der sich bei seinem Debüt souverän zeigte und sich nur ein Mal verhaspelte, als er statt Partnerschaft doch Ehe sagte. Dem Paar gab er mit auf den Weg: "Auf diesen beiden Stühlen möchte ich Sie nie wieder sehen." Seeger hofft auf die Rechtskräftigkeit seiner Amtshandlung. Bayern und Thüringen haben beim Bundesverfassungsgericht gegen das Gesetz Klage eingericht, die Entscheidung steht noch aus.

Die Wallischs erhielten ein Lebenspartner- schaftsbuch und Bescheinigungen, die laut Seeger in etwa mit einer Heiratsurkunde vergleichbar sind. Zudem mussten sie eine Erklärung über ihren Namen abgeben: Der 38 Jahre alte Linden heißt seit Montag Wallisch. Der Behördenakt ist für die beiden jedoch nicht der ganz große Tag. Der folgt erst "wenn wir den kirchlichen Segen" bekommen, sagte der 46 Jahre alte Wallisch. Die Zusage eines evangelischen Pastors hat er schon, nur das Presbyterium müsse noch zustimmen.

Der Siegburger Felix Guttenberger (42) wird am 25. Oktober den Lebensbund mit seinem Partner Alfred Czernewitz (59) eingehen und dann dessen Namen annehmen. Angesichts von 17 Jahren Altersunterschied macht sich das Paar Gedanken um die Zukunft. Doch rosige Zeiten verheißt die "rosa Ehe" noch lange nicht, auch wenn Guttenberger und Czernewitz seit zehn Jahren zusammen sind und zusammen ein Haus besitzen. Stürbe jetzt etwa Czernewitz, käme es seinen Partner teuer, in dem Haus wohnen zu bleiben. "Felix müsste für unser eigenes Geld Erbschaftssteuer zahlen." Wie Singles indes werden die beiden bei der Einkommenssteuer zur Kasse gebeten. Guttenberger schreibt freiberuflich Musik fürs Theater und arbeitet im Vertrieb eines Zeitungsverlags. Czernewitz gibt eine Fachzeitschrift für Zauberei heraus.

Immerhin aber haben sie ein Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht oder dürfen wie sonst nur Familienangehörige ins Krankenzimmer, "falls der Partner nach einem Unfall im Koma liegt". Es sind weniger materielle Vorteile, wegen derer sie sich ihr Ja-Wort geben. "Wir müssen heiraten, damit immer mehr Männer sich zu ihrem Schwulsein bekennen." Czernewitz ist überzeugt, dass es nach und nach eine "echte Gleichstellung geben wird".

Sich zur Homosexualität zu bekennen, sei nicht leicht, es aber nicht zu tun fatal. "Wer sich nicht outet, lebt sein ganzes Leben in Angst", sagt Czernewitz. Dabei habe sich die Gesellschaft gewandelt, zumindest seit 1975 als die Strafbarkeit von Liebe zwischen Männern abgeschafft wurde. Das Paar habe in Siegburg noch nie Probleme gehabt, jeder kenne sie, und niemand sehe sie schief an. "Wir sind weder Monster noch Aussätzige, sondern ganz normale Menschen, und die Leute wissen das."

Czernewitz hatte vor zehn Jahren sein "Coming out" und trennte sich von seiner Frau. Zu der hat der ehemalige Bundeswehroffizier heute ein ebenso gutes Verhältnis wie zu seinen beiden 29 und 30 Jahre alten Töchtern.

Für einander Verantwortung übernehmen, das ist der tiefere Sinn ihrer Partnerschaft, und Verantwortung übernehmen sie nicht nur hier. Vor ein paar Monaten holten sie Czernewitz'' 87 Jahre alte Mutter Anna aus dem Altenheim und pflegen sie seitdem gemeinsam. Die habe sich gefreut, als sie von Alfreds neuer Beziehung erfahren habe. "Ist das eigentlich Freundschaft oder Liebe?" hatte sie damals gefragt und nach der ehrlichen Antwort gesagt: "Das ist doch schön." Auch wenn die Lebenspartnerschaft noch lange nicht die gleichen Rechte wie eine Ehe gewährleistet: Die beiden wissen, wie sie mit den leeren Kästchen in Formularen umgehen werden. Czernewitz: "Wir machen unser Kreuz jetzt bei verheiratet".