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Siegburger Literaturwochen: Verzweifelte feiern das Leben

Siegburger Literaturwochen : Verzweifelte feiern das Leben

Nicht ganz ausverkauft, aber dennoch sehr gefüllt war die Stadtbibliothek am Mittwoch beim Besuch von Frank Weidermann. Anlässlich der Siegburger Literaturwochen stellte der Autor und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dort sein neues Werk "Ostende 1936, Sommer der Freundschaft" vor.

Auf der Grundlage von Textfragmenten und persönlichen Briefen hat Weidermann die Ereignisse jenes Sommers rekonstruiert, in dem sich in der beschaulichen Hafenstadt an der belgischen Nordseeküste eine Gruppe von Schriftstellern zusammenfand, um ein letztes Mal das Leben zu feiern. Denn nachdem die Nazis in Deutschland die Macht ergriffen hatten und ihre Bücher verboten, sahen sich sowohl die Österreicher Stefan Zweig und Joseph Roth, als auch die Kölnerin Irmgard Keun ihrer Perspektiven beraubt.

In Ostende trinken, singen und lachen sie noch einmal zusammen, verlieben sich, regen sich gegenseitig zum Schreiben an, ehe es sie am Ende aus dem belgischen Exil in alle Welt zerstreut, und ihre Schicksale - zumindest bei Zweig und Roth - wenige Jahre später tragisch enden.

Bei seiner Zeichnung dieser Szenerie hat Weidermann sich streng an die historisch gesicherten Fakten gehalten und nach eigener Aussage "kaum etwas erfunden". Und wenn doch, dann "so dicht an der Wirklichkeit, dass ich glaube, dass es erlaubt ist". Seine Leistung liegt vor allem in der akribischen Auswertung der Zeitdokumente, die er zu einer von Wehmut geprägten Momentaufnahme zusammengesetzt hat.

Während der Lesung ergänzte Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, die von ihm vorgelesenen Textpassagen immer wieder um zusätzliches Hintergrundwissen zur Zeit und den Biographien der Protagonisten. Besonders für die Texte von Stefan Zweig habe er sich schon früh interessiert, und sei deshalb zu dem Entschluss gekommen, Germanistik und Politikwissenschaft zu studieren, wie Weidermann den Zuhörern im anschließenden Dialog mit seinem Verlagslektor Olaf Petersen erzählte.

Doch Zweig sei seinen Dozenten wohl "zu unseriös" gewesen, weshalb er sich an der Heidelberger Universität notgedrungen mit dem Werk von dessen Freund Joseph Roth habe beschäftigen müssen, das er dann jedoch schätzen lernte. Auch in seinen drei bereits veröffentlichten Büchern "Lichtjahre" (2006), "Das Buch der verbannten Bücher" (2008) und der Biographie "Max Frisch" (2010) setzte sich der Journalist und Literaturkritiker, der heute in Berlin lebt, mit bedeutenden Werken und historischen Persönlichkeiten der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts auseinander.

Dass Weidermanns Erzählstil wohl auch aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit eher unprätentiös-nüchtern, teilweise skizzierend daherkommt, gefiel seinem Publikum: "Äußerst interessant und sehr lebendig", fand Regina Happle, die mir ihrem Mann die Lesung besuchte, Weidermanns Schilderungen.

Und Daniela Jaeckel hatte bereits bei der Besprechung von "Ostende" in ihrem Siegburger Lesekreis festgestellt, dass "es alle unisono toll fanden. Jedes Wort ist an dem Platz, wo es hingehört. Außerdem animiert es dazu, auch in die Bücher der erwähnten Autoren noch einmal näher einzutauchen."

Volker Weidermann; Ostende 1936, Sommer der Freundschaft; Verlag Kiepenheuer und Witsch; 157 Seiten; 17,99 Euro.