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GA-Serie "Unser Stadtteil": Schlafstadt in Reichweite zur Idylle

GA-Serie "Unser Stadtteil" : Schlafstadt in Reichweite zur Idylle

Drei "Burgen" haben die Geschichte des heute größten Stadtteils Sankt Augustins geprägt, der noch bis in die 1950er Jahre nur aus wenigen Straßenzügen und einigen Höfen bestand.

Die "Lernburg" im Schulzentrum mit Haupt-, Real- und Gymnasialschule, die alte, echte Burg Niederpleis - bekannt für ihre Erdbeeren und den Spargel - sowie die "Wohnburg", die Hochhaussiedlung. Die drei stehen exemplarisch als stumme Zeugen des Wandels innerhalb der Niederpleiser Ortsgeschichte.

"Nach dem Krieg hat hier eine rege Bautätigkeit begonnen", sagt Ortsvorsteherin Marlies Mick (80). Heute haben Beton und Steine die einstigen Felder, die den rund 4000 Jahre alten Ortskern umgaben, sowie die Landwirtschaft, die den Ort über Jahrhunderte ausmachte, nahezu in Gänze verdrängt. Die Ortsränder nach Mülldorf und Augustin-Ort sind nicht mehr erkennbar. Und auch den Blick auf die Siegaue versperrt seit den 1970er Jahren die Autobahn 560 mit einem Damm.

Auch der unterirdische Bau der ICE-Schnellfahrtrasse Köln-Frankfurt, der Betonfontänen aus Gräbern sprudeln und den Kirchturm von Sankt Martinus beben lies, sowie die Errichtung der Deponie haben einigen Alt-Niederpleisern kräftig gestunken. Doch sie haben sich damit arrangiert, in den jüngsten Jahren vom Wandel profitiert: Ein neues Nahversorgungszentrum hat die alte Bauernhofbrache ersetzt und sogar den häufig stockenden Verkehr wieder ins Rollen gebracht. Ein neues Tor zum alten Ortskern hat das Ärzte- und Bankhaus an der Schulstraße geschaffen.

All das zeigte die energisch für ihren Ort kämpfende "Ortsfürstin" Marlies Mick GA-Mitarbeiter Thomas Heinemann bei einer Rundfahrt durch den Ort. Zu jeder Straße, fast zu jedem Haus kennt sie die Geschichte. Ortsgeschichten, in denen Weltkriegsflüchtlinge mit ihrer eigenen Siedlung und auch Deutschlands erste Schmalspurbahn im Personenverkehr mit einem bis heute erhaltenen Bahnhof ihre Spuren hinterlassen haben. Und nicht zuletzt ist da die Natur, für deren Schutz sich Mick einsetzt: Der Ort ist das untere Tor zum idyllischen Pleistal.

Nahversorgung: Bummeln, einkaufen und sich austauschen - all das tat man früher auf der Paul-Gerhard-Straße, der Flaniermeile des Orts. Wer durch die alte Häuserzeile geht, findet heute nur noch einige Dienstleister statt "Consum" und Co. Pulsierend waren und sind die Entwicklungen an der Schulstraße: Nach dem Ende des alten Edeka-Marktes hat nach langen Jahren der Brache ein modernes Nahversorgungszentrum die Lücke geschlossen.

Auch im "neuen" Niederpleis, dem Wohnpark und seinem Umfeld, gibt es einige kleinere Märkte und einen Discounter. Entlang der Alten Heerstraße haben sich Dienstleister, Fach- und Nahversorgungsmärkte sowie kleines Gewerbe angesiedelt, die auch die unmittelbar angrenzenden Ortsteile Hangelar und Augustin-Ort mitversorgen. Eine Einkaufsmeile für den gemütlichen Schaufensterbummel gibt es in Niederpleis heute ebenso nicht mehr wie einen Wochenmarkt.

Naherholung: Wem das rege Treiben von Spaziergängern, Hundehaltern und Freizeitsportlern auf den Wegen im Pleiser Wald zu viel ist, taucht hinter der Burg Niederpleis ins malerische Pleistal mit seinen Streuobstwiesen, Feldern und Weiden ein. Zu Fuß oder per Rad lässt es sich ideal erkunden, zuweilen lässt sich auch ein Blick auf den Pleisbach, ins Siebengebirge oder auch auf die Siegburger Abtei erhaschen.

Der Pleisbach, der Niederpleis schmucklos kreuzt, mündet in die Siegaue. Wen Hochspannungsmasten und Autobahnrauschen nicht stören, genießt hier die Natur. Eine kleine Idylle inmitten von Häusern ist derweil der Niederpleiser Park: Das ehemalige Baggerloch für den Wohnpark ist eine Oase der Ruhe. Aber nur, wenn im Winter die Bäume kein Laub tragen, hat man von dem dem ehemaligen Stadtdirektor gewidmeten Haushügel "Monte Quasten" einen guten Blick auf den Ort.

Wohnen und Arbeiten: Mit dem Bau des Wohnparks kam für Niederpleis "der große Wurf", erinnert sich die Ortsvorsteherin, die selbst von 1965 bis 1967 dort wohnte: "Das war zu dieser Zeit eine angenehme, moderne Sache. Denn damals war Niederpleis und ganz Augustin die Schlafstadt Bonns." Zählte der Ort 1910 noch rund 1100 Einwohner, sind es hundert Jahre später 13-mal so viele. Über die Jahre wurde Niederpleis immer voller, sagt Mick, Platz für neue, große Bauprojekte gebe es keinen mehr.

Geblieben ist die Rolle als "Schlafstadt": Vom "Panneschopp", dem alten Dachpfannenwerk an der Ölgartenstraße", zeugen heute nur die schönen alten Villen. Auch die alten Bauernhöfe sowie die zahlreichen Ton-Gruben und die alten Ringöfen, in denen Ziegel gebrannt wurden, verschwanden als wichtige Arbeitgeber ersatzlos. Kurios: Auf halber Strecke zwischen Birlinghoven und Niederpleis liegt die Siedlung Schmerbroich, die - trotz vielfacher Meinung - kein eigenständiger Stadtteil, sondern Teil von Niederpleis ist.

Dorfleben: Einen Wochenmarkt hat Niederpleis nicht. Ein "Dorfbrunnen", ein Ort zum Flanieren, Treffen und Austauschen, fehlt. Zumindest ein Weihnachtsmarkt findet nun, nach einigen Unterbrechungen, wieder statt - nicht mehr auf dem Jakob-Fußhöller-Platz, sondern am Schützenhaus am Eichelkämpchen.

Die Schützen sind im Dorfleben sehr aktiv, ebenso die allzeit aktive Feuerwehr und die Pleeser Murre, die das Maifest begehen, und der Männergesangsverein "Lebenslust" von 1868. Auch die Prinzengarde, die Damenkarnevalsgesellschaft Herzblättchen und der TuS Niederpleis sind aktive Vereine im Ort. Zum Feiern geht man ins Schulzentrum oder in "Honnys Ballhaus" an der Hauptstraße.

Außer bei drei Festen im Jahr wird der Jakob-Fußhöller-Platz selten genutzt. Am einstigen und über viele Jahrhunderte etablierten Markt- und Kirmesplatz des Ortes ist heute die Kreuzung Pleistalstraße/Hauptstraße.

Zahlen & Fakten

  • Einwohner: 12.204 (Hauptwohnsitz), 419 (Nebenwohnsitz). (Stand: 31. Juli)
  • Kitas: Neun
  • Schulen: Grundschule Am Pleiser Wald sowie Haupt- und Realschule und Albert-Einstein-Gymnasium im Schulzentrum
  • Vereine: Unter anderem die DG Niederpleis, die Junggesellen der Pleeser Murre, die Schützen St. Antonius, der Männergesangsverein Lebenslust, die Feuerwehr sowie DKG Herzblättchen, HSG Niederpleis/Sankt Augustin, TuS Niederpleis.

Das meint die Redaktion

  • Aktive Vereinswelt sorgt für Leben im Ort
  • Neuer Nahversorger bietet viel Auswahl auf kurzen Wegen
  • Naherholung im Pleistal, Park Pleiser Wald vor der Tür
  • Fehlender Dorftreff oder lebendiger Marktplatz
  • Langsamer Nahverkehr nach Bonn und Siegburg
  • Unattraktiver öffentlicher Raum außerhalb des Parks