GA-Serie "Augustiner Köpfe": Sankt Augustiner mit erstem Integrationspreis geehrt

GA-Serie "Augustiner Köpfe" : Sankt Augustiner mit erstem Integrationspreis geehrt

Amir Sultani ist vor den Taliban aus Kabul geflüchtet und leitet heute eine Taekwondo-Schule. Im Jahr 2014 ehrte ihn die Stadt Sankt Augustin als erste Person mit dem Integrationspreis.

Amir Sultani hatte keinerlei Vorstellung, was ihn in Deutschland erwarten würde. Letztlich war es Zufall oder Schicksal, dass er auf der Flucht aus Afghanistan über Pakistan nach London in Frankfurt strandete, dann über Bayern nach Sankt Augustin kam. Heute sagt der 48-Jährige, den viele in Sankt Augustin nur „Meister“ nennen: „Das hier ist meine zweite Heimat geworden.“ Dass es so gekommen ist, hat sich Sultani hart erkämpft – im wahrsten Sinne des Wortes.

Sultani wird 1970 in der afghanischen Hauptstadt Kabul geboren. Mit neun Jahren beginnt er, Taekwondo zu erlernen. „Als ich in Kabul aufwuchs, war die Stadt nicht mit heute zu vergleichen“, sagt er. „Das Leben ähnelte eher dem Leben in einer westlichen Großstadt.“ Sultani spricht mit sanfter, fast leiser Stimme, die sich im ersten Moment nicht so recht in Einklang bringen lässt mit seinem entschlossenen Blick und seinem athletischen Äußeren. Früh begeistert er sich, wie viele andere Kinder im Kabul der 70er und 80er Jahre, für den asiatischen Kampfsport. In seiner Altersklasse zählt er bald zu den hoffnungsvollsten Talenten des Landes.

Für den aus einer Akademiker-Familie stammenden Sultani hat aber zunächst die Schule Vorrang. Nach dem Abschluss darf er dank seiner hervorragenden Noten an einem Ausbildungsprogramm der sowjetischen Besatzungsmacht teilnehmen. Er zieht zum Studium nach Odessa (Ukraine). „In den ersten zwölf Monaten habe ich zunächst russisch lernen müssen. Das war keine leichte Zeit“. Doch Sultani kämpfte sich durch, studierte Ingenieurwesen mit Schwerpunkt Weinbau. „Der Beruf war damals in Afghanistan gefragt.“ Nebenbei gründet er die erste Taekwondo-Schule in Odessa. Zwei Jahre arbeitete er anschließend für eine Fabrik in Kabul. Als die Taliban Mitte der 90er Jahre schließlich Kabul eroberten, war Sultanis Leben dort zu Ende. „Sie standen eines Nachts vor unserer Haustür und suchten nach mir und meiner Schwester“, erzählt Sultani. Da sie mit den Kommunisten kollaboriert hatten und er obendrein in der Alkoholproduktion arbeitete, drohte ihnen der sichere Tod.

Sultani beschließt, das Land zu verlassen

Während sich die Kinder in dem großen Haus der Familie versteckten, stellte sich der Vater den Eindringlingen in den Weg. Es kam zum Streit, dann zu Schüssen. Sultanis Vater wurde getötet. In Schock und Angst um das eigene Leben beschließen Sultani, seine Schwester und seine Mutter, das Land zu verlassen. Mit Hilfe eines Schleppers, gefälschter Ausweispapiere und mit Kosten von 7000 Dollar pro Person flüchten sie 1996 nach Pakistan, von da aus mit dem Flugzeug in Richtung London. Da allerdings sollte die Familie niemals ankommen.

Am Frankfurter Flughafen, wo die drei umsteigen mussten, flogen ihre falschen Ausweise auf. Sultani kam mit einem Polizisten ins Gespräch. „Er sprach zum Glück auch russisch. Er fragte: 'Warum wollt ihr nach London? Bleibt doch hier in Deutschland'“, so Sultani. „Wir wussten nichts von Deutschland, aber von London wussten wir ebenso wenig.“ So stellt Sultani kurzerhand einen Antrag auf Asyl. Das wird ihm allerdings verwehrt, sein Antrag insgesamt dreimal abgelehnt. Doch Sultani, dem zu dieser Zeit in seiner Heimat Lebensgefahr droht, kämpft mit einem Anwalt um das Bleiberecht. Erst 2001 erhält er den positiven Bescheid.

Es ist September, wenige Tage nach den von den Taliban gelenkten Terrorattacken auf die USA und den Westen. Sultani zieht nach Sankt Augustin in die Nähe seiner Schwester, die dort bereits lebt. Seine Versuche, in Deutschland in seinem erlernten Beruf zu arbeiten, scheitern, denn Jobs im Weinbau sind rar.

Sport mit Disziplin und Respekt

Er besinnt sich auf seine Leidenschaft – Taekwondo. 2001 gründet er unter dem Dach der SSG Sankt Augustin eine Taekwondo-Schule. Schon kurze Zeit später trainiert er 70 Sportler, die aus rund 30 verschiedenen Länder stammen. Wie das ohne größere Reibereien funktioniert? „Bei unserem Sport braucht man viel Disziplin und Respekt. Wir trainieren nicht nur Körper, sondern auch den Geist“, so Sultani. Für sein Engagement ehrt ihn die Stadt als erste Person mit dem 2014 ins Leben gerufenen Integrationspreis. Integration sei für ihn eine Selbstverständlichkeit. Dabei habe ihm der Sport sehr geholfen. Inzwischen hat er auch den deutschen Pass. „Ich lebe hier, da darf ich nicht ständig in der Kultur meines Herkunftslandes verharren. Aber: Ich gebe auch bewusst Rituale und Teile dieser Kultur an meine Kinder weiter und vereine das Beste aus beiden Kulturen“, so Sultani.

2003 – die Macht der Taliban ist gerade erst gebrochen – gründet Sultani mit anderen Sportlern im Exil die afghanische Taekwondo-Nationalmannschaft. Das Ziel: die Teilnahme an den Olympischen Spielen. „Wir wollten der Welt zeigen, dass es uns noch gibt – das friedliche Afghanistan“, so Sultani. Ein Jahr später ist es soweit: Amir Sultani kämpft unter den olympischen Ringen in Athen. Eine Verletzung zwingt ihn zum frühen Aus. Die Nationalmannschaft sammelt in den Jahren danach noch Erfolge bei Weltmeisterschaften und bei den Olympischen Spielen. Und auch seine Schützlinge aus der Sankt Augustiner Taekwondo-Schule holen Medaillen, etwa bei den deutschen Meisterschaften.

Ob er glaubt, jemals wieder nach Afghanistan zurückzukehren? „Ich hoffe sehr, dass dort Frieden einkehrt. Ich würde meinen Kindern gerne zeigen, wo ich aufgewachsen bin“. Aufgrund der Sicherheitslage in Kabul sei daran aber noch nicht zu denken. Sultani lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Sankt Augustin.