GA-Serie 40 Jahre Stadt Sankt Augustin: Sankt Augustin: Einst für Tonwaren weithin bekannt

GA-Serie 40 Jahre Stadt Sankt Augustin : Sankt Augustin: Einst für Tonwaren weithin bekannt

Seit dem Mittelalter wurde auf dem Gebiet Sankt Augustin Ton abgebaut. Bis heute sind die Spuren längst vergangener Zeiten erkennbar.

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Der dem griechischen Philosophen Heraklit von Ephesus zugeordnete Spruch gilt ganz besonders für Sankt Augustin, nicht nur mit Blick auf das Stadtzentrum. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Stadt mehrmals ihr Gesicht verändert. Sie ist vom Dorf mit Landwirten und einigen Siegfischern zum Ton- und Kieslieferant und Tonwaren-Industriestandort mit einst innovativer Schienenanbindung geworden. Und sie hat heute zur „Wissensstadt Plus“ mit Bildung und wissensbasierten Dienstleistern gewandelt. Bis heute sind die Spuren längst vergangener Zeiten aber noch erkennbar – allen voran jene, deren Entstehung schon vor über 27 Millionen Jahren stattfand: Der Siebengebirgs-Vulkanismus lagerte dicke Schichten an Tuffen ab, die später zu Tonen umgewandelt wurden.

Spuren der Kiesgruben sind noch sehen

Auch die Eiszeiten hinterließen ihre Spuren, formten vor 100 000 Jahren die Mittelrheinterrasse und vor etwa 20 000 Jahren auch die heutige Niederterrasse. Deren Übergang ist als sogenannte Erosionskante eine markante Geländestufe und der Grund, warum etwa die neue Huma-Shoppingwelt zwei „ebene“ Eingänge, auf der Straßenebene zur Südstraße und auf der Marktebene auf Niveau der Bonner Straße hat, aber auch die Kinderklinik, das Finanzamt, die Polizei und andere Institutionen höher liegen als etwa die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg oder weite Teile von Mülldorf und Menden. Etwa ab 1900 wurde an dieser Erosionskante „geknabbert“, um in großen Mengen Kies abbauen zu können.

Noch heute sind die Spuren längst geschlossener Kiesgruben zu sehen, die im Bauboom von den späten 1950er bis in die 1970er Jahre ihren Höhepunkt erlebten. Der Niederpleiser Park mit dem „Monte Quasten“ benanntem Hügel ist Relikt der Grube Freienbusch. Die Grube Keller trug zur Formung des heutigen Stadtzentrums bei, wobei das Finanzamt, das Rhein-Sieg-Gymnasium und auch die Polizeiwache am einstigen Grubenrand stehen. Riesige Kies- und Sandmengen, die man für den Bau der A 59 und der A 560 benötigte, entnahm man von 1973 bis 1978 der „Missionarsgrube“ zwischen Flugplatz und Kloster – heute ein riesiges Naturschutz- und Feuchtgebiet sowie Heimat der Kreuzkröten.

Seit dem Mittelalter wurde Ton abgebaut

Deutlich älter und weithin bekannter waren allerdings die Sankt Augustiner Ton- und Lehmvorkommen. Seit dem Mittelalter wurde Ton abgebaut. Etwa seit 1800 sind gemauerte Ziegelöfen im Stadtgebiet dokumentiert. In Hochzeiten, etwa von 1880 bis in die 1960er Jahre, waren nicht nur das teilweise erhaltene Pleistalwerk in Niederpleis, sondern auch die Ziegeleien Hochstein und Mauelshagen im Pleistal, die kleineren Ziegeleien Becker, Leisten und Grönewald in Mülldorf sowie die beiden Groß-Ziegeleien Hanga und Hastag in Hangelar wichtige Arbeitgeber und Produzenten von Tonwaren wie Rohre und Dachziegel.

Mit Ausnahme des Pleistalwerks zeugen nur wenige Spuren von der rund 130-jährige, Tonindustriegeschichte im Stadtgebiet. Darunter auch ein kleines, unscheinbares Mäuerchen zwischen der Waldstraße und dem Großenbusch. Dort stand mit der „Bonner Verblendstein- und Thonwarenfabrik“ ein wahrer Industriekoloss mit großer Belegschaft, fünf weithin sichtbaren Hochschornsteinen der Ringöfen, 25 Meter tiefem Tonabbau vor Ort und direkter Anbindung an die eigene Großenbusch-Kleinbahn.

In Hangelar, nahe der Kreuzung Bonner Straße/Konrad-Adenauer-Straße, stand der Übergabebahnhof mit Anbindung an die Bröltalbahn – jene Bahn, die als erste Schmalspurbahn des öffentlichen Verkehrs in Deutschland in die Geschichte einging: Von 1902 bis 1967 führten ihre Gleise vom Pleis- und Bröltal über Niederpleis und Mülldorf nach Siegburg. Hinzu kamen diverse Kleinbahnen, Loren sowie Pferdebahnen, die Rohstoffe und Produkte von und zu Übergabebahnhöfen brachten. Heute noch sind die Spuren der Bahnen sichtbar. Im Feldweg zwischen Lindenstraße und Bonner Straße in Hangelar versteckt sich noch so manche Bahnschwelle der Bröltalbahn. Deren Trasse zwischen Hangelar und Niederpleis formt heute Teile des Radwegs an der Alten Heerstraße und der Bahnstraße zum Bahnhof Niederpleis, in dem heute ein Kindergarten eingerichtet ist.

670 Meter tiefe Bohrung brachte wenig Wasser an die Oberfläche

Die alte Trasse ist anhand der Grundstücksgrenzen zu erkennen. So auch in Mülldorf, wo bis 2013 die Gaststätte „Zur Hongsburg“ stand, deren Parkplatz zugleich Mülldorfer Haltepunkt der Bröltalbahn nach Siegburg war. Während die Bahn mit dem eingestellten Ton- und Kiesabbau zurückgebaut wurde, könnte ein anderes, vulkanisches Relikt in Zukunft noch einmal an Bedeutung gewinnen: Zwischen Mülldorf und Niederpleis zeugt ein kleiner, unscheinbarer „Stopfen“ an einem 40 Zentimeter starken Rohr inmitten einer Kuhweide von einer Bohrung aus dem Jahr 1973, die 21,7 Grad warmes Wasser aus 645 Metern Tiefe emporholte – die „Natrium-Hydrogencarbonat-Chlorid-Therme“war für eine wirtschaftliche Nutzung aber nicht ergiebig genug. Und auch das „Bad“ als Kur- und Thermalort blieb der Stadt deshalb vergönnt.

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