Kommunale Innovationspartnerschaft: Projekt zu ländlichen Entwicklung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Kommunale Innovationspartnerschaft : Projekt zu ländlichen Entwicklung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Wissenschaftler wollen mit neuem Projekt die wirtschaftliche Entwicklung in Neunkirchen-Seelscheid beflügeln. Als Impulsgeber und als Wirtschaftsmotor will die Hochschule der ländlichen Entwicklung auf die Sprünge helfen.

Auf den ersten Blick haben sie nicht viel gemeinsam, die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und die Gemeinde Neunkirchen-Seelscheid. Hier der stetig wachsende Campus im Ballungsraum, dort die beschauliche Gemeinde im Bergischen: Dazwischen liegen 25 Autominuten, und doch scheinen es Welten zu sein. Das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Denn die Hochschule engagiert sich in Neunkirchen-Seelscheid. Als Impulsgeber und als Wirtschaftsmotor will sie der ländlichen Entwicklung auf die Sprünge helfen. Am Ende sollen innovative Projekte stehen, die landesweit beispielhaft sind.

„Wir wollen unseren Campus hinaus aufs Land verlängern, um zu sehen, welche positiven Effekte sich dort durch unsere Anwesenheit erzielen lassen“, sagt Hartmut Ihne, Präsident der Hochschule. Man wolle in der Gemeinde „die wirtschaftliche Tätigkeit stimulieren“ und setze auf die eigene „Strahlkraft“, die schon beim Strukturwandel nach dem Umzug der Bundesregierung Früchte getragen habe. Das Projekt in Neunkirchen-Seelscheid steckt noch in den Kinderschuhen, aber es gibt erste Ideen: ein Innovationszentrum in Zusammenarbeit mit der Hochschule etwa, die Förderung von Start Ups oder auch ein exklusives Extra für ansiedlungswillige Firmen: „Wer sich in dieser Gemeinde ansiedelt, erhält gleichzeitig Zugang zu den Ressourcen der Hochschule, ihrem Know-how und ihren Netzwerken“, so Ihne über einen möglichen Ansatz. In der Folge könnte die Gemeinde ein attraktives Pflaster für Gründer werden, für zukunftsträchtige Unternehmen, die nicht zwingend in der Stadt sitzen müssen.

Bei der Hochschule läuft das Vorhaben in Neunkirchen-Seelscheid unter dem Titel „Kommunale Innovationspartnerschaft“, für das 502 000 Euro an Bundesmitteln zur Verfügung stehen. Es ist eines von sechs Projekten der Hochschul-Initiative „Campus to World“, die beim bundesweiten Wettbewerb „Innovative Hochschule“ gewann und insgesamt gut neun Millionen Euro erhält. Ziel der Hochschule ist es dabei, über Forschung und Lehre hinaus gesellschaftlich Einfluss zu nehmen. Und dazu, so Ihne, gehöre auch die Wirtschaftsförderung – vor dem Hintergrund, dass das Stadt-Land-Gefälle zunimmt. Die Städte wachsen, während ländliche Regionen Arbeitsplätze und Einwohner verlieren. Ganzen Landstrichen droht eine Abwärtsspirale, bedingt durch wirtschaftliche Probleme, leere Haushalte, nicht ausreichende Infrastruktur, Verödung, Abwanderung und Überalterung.

Ein neuer Standort ist nicht geplant

So finster sieht es in Neunkirchen-Seelscheid nicht aus. Gleichwohl hat die Gemeinde ihre Probleme. Die Finanzmisere führte sie in den Nothaushalt, und zuletzt ging mit dem Waschmittelhersteller Thurn ein großer Arbeitgeber insolvent. „Uns schien die Gemeinde mit ihren Struktur- und Haushaltsproblemen für unser Vorhaben genau richtig zu sein“, sagt Ihne. Es gibt aber auch positive Rahmenbedingungen: Die Gemeinde liegt noch halbwegs im Speckgürtel von Köln/Bonn und wird angesichts der dortigen Immobilienpreise auch wieder mehr als Wohnort nachgefragt. Nach einem Bevölkerungsrückgang, der sich bis 2014 abzeichnete, vermeldete die Gemeinde wieder Zuwachs. „Die Nachfrage hat in wenigen Jahren zugenommen, auch bei jungen Familien“, sagt Bürgermeisterin Nicole Sander.

Aber auch Gewerbetreibende seien interessiert. Bei allen vielversprechenden Trends und Signalen ist Sander froh über die Kooperation mit der Hochschule: Sie hofft auf wirtschaftliche Stärkung und finanzielle Gesundung der Gemeinde. „Das ist eine große Chance für uns. Es wird allerdings nichts von heute auf morgen entstehen, es ist eher ein dynamischer Prozess.“ Eine zentrale Voraussetzung sei der Ausbau des schnellen Internets, sagt sie. Gerade auf dem Land klemme es noch. Der Rhein-Sieg-Kreis will in den nächsten Jahren mit Fördermitteln 95 Prozent des Kreisgebiets mit mindestens 50 MBit/s versorgen.

Ob die Hochschule in Neunkirchen-Seelscheid ihren vierten Standort nach Sankt Augustin, Rheinbach und Hennef errichten wird, ist jedoch ungewiss und derzeit auch nicht geplant. Das Thema „Hochschulbau“ firmiert bei den Beteiligten unter dem Stichwort „Beton“. „Bei allen Überlegungen steht die Option Beton an letzter Stelle“, sagt Sander. Ihne formuliert es so: „Gibt es Geld, gibt es auch Beton.“ Daran sei im Moment aber nicht zu denken, zumal zunächst nur eine halbe Million Euro zur Verfügung steht. Die Hochschule konnte aber einen Mitarbeiter einstellen, der sich – unterstützt von zwei wissenschaftlichen Hilfskräften – mit Neunkirchen-Seelscheid beschäftigt. Die Regie liegt bei Klaus Deimel, Direktor des Centrums für Entrepreneurship, Innovation und Mittelstand. Bislang gab es mehrere Gespräche mit Gemeinde, Bürgern und Unternehmen; überhaupt soll die Öffentlichkeit eng eingebunden werden.

„Wir befinden uns noch in der Analyse- und Recherchephase“, sagt Deimel. „Wir wollen herausfinden, was passen könnte.“ Sein Team hat bei einer Fragebogenaktion 700 Rückmeldungen von Bürgern und 40 von Firmen erhalten, die nun ausgewertet werden. Noch dieses Jahr sollen sich Konzepte herauskristallisieren. Die Laufzeit der „Kommunalen Innovationspartnerschaft“ ist bis Ende 2022 angelegt. Damit wird das Projekt sehr wahrscheinlich auch bei der Regionale 2025, einem millionenschweren Förderprogramm für ländliche Kommunen, eine besondere Rolle spielen. Der Hochschule geht es aber auch um einen wissenschaftlichen Nutzen. Deimel: „Wir wollen in Neunkirchen-Seelscheid eine Blaupause schaffen, die auch in anderen ländlichen Gegenden anwendbar ist.“

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