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Theater im Rhein-Sieg-Gymnasium in Sankt Augustin: Packendes Psychogramm einer etablierten Beziehung

Theater im Rhein-Sieg-Gymnasium in Sankt Augustin : Packendes Psychogramm einer etablierten Beziehung

Die Schauspieler Anika Mauer und Boris Aljinovic begeistern das Publikum mit dem Theaterstück „Unwiderstehlich“ in Sankt Augustin. Die Inszenierung ist an Leidenschaft in Perfektion nicht zu überbieten.

Eigentlich geht Liebe durch den Magen. Aber eine ausgeschlagene Einladung eines gutaussehenden, erfolgreichen Schriftstellers zum Abendessen für „Sie“ (Anika Mauer), bringt nicht den etwa als Don Juan verschrienen Schriftsteller, sondern ausgerechnet ihren Lebensgefährten „Er“ (Boris Aljinovic) ganz gehörig auf die Palme. Klingt kompliziert? Nicht unbedingt, wenn man sich auf Fabrice Roger-Lacans Drama „Unwiderstehlich“ einlässt.

Das Renaissance-Theater Berlin brachte das prominente Werk des französischen Autors unter der Regie von Antoine Uitdehaag am Samstagabend in die Aula des Rhein-Sieg-Gymnasium in Sankt Augustin. Geht man nach der Anzahl der eisigen Gänsehautmomente – und das lag wahrlich nicht nur an der tatsächlich defekten Heizung des Saals -, war diese Inszenierung an Leidenschaft in Perfektion und Liebe am Psychodrama kaum zu überbieten. So bedrückend wie herzerwärmend waren die packenden Rettungsversuche der Liebe und die nadelstichartige Mischung aus Eifersucht und Paranoia beider Protagonisten, dass man trotz vollbesetztem Haus kaum einen Mucks aus dem Publikum zu hören vermochte.

Sie, die erfolgreiche Lektorin eines Verlags, kommt nach einem mehrstündigen Treffen mit dem Top-Autor zurück, den sie seit Jugendtagen anhimmelt. Nichts ist passiert, und doch so viel, stellt ihr Mann „Er“ fest, der als Jurist zu Hause an der Verteidigung eines kannibalischen Mexikaners arbeitet, der in krankhaftem Wahn aus Hass und Liebe seine Frau verspeiste. Auf den Geschmack gekommen ist der Jurist freilich nicht, die Frage nach der wahren Liebe lässt ihn aber nicht los: Hat der „unwiderstehliche“ Schriftsteller in ihr vielleicht doch etwas geweckt? Vielleicht ein „unwiderstehliches“ Verlangen? Wie konnte es soweit kommen, dass der „Unwiderstehliche“ es wagt, ihr eine Einladung zum Abendessen auszusprechen? „Und muss man sich zur Strafe, weil man sich mal geliebt hat, ewig lieben?“, fragt sich der Verteidiger, der nun zum Ankläger wird. Das packende Psychogramm einer etablierten, vielleicht auch eingefahrenen Liebesbeziehung aus der Feder von Fabrice Roger-Lacan ging unter die Haut. Vermutlich nie war ein Kampf um alte Liebe und Eifersucht dramatischer, nie das Aufeinandertreffen messerscharfer Rhetorik und ausweichender Toleranz erschreckender und ergreifender zugleich, als in den „unwiderstehlichen“ Theatermomenten, die das Publikum bewegten.

Die überragende und mitreißende Spielfreude der mehrfach preisprämierten Berliner Schauspielerin Anika Maurer und Boris Aljinovic, lange Jahre als Berliner Tatort-Kommissar und aus Fernseh- und Kinofilmen bekannt, verlieh der tragikomödiantischen Handlung einen unvergleichbaren Tiefgang, der das Leiden der namenlosen Protagonisten derart greif- und spürbar machte, dass der von Begeisterung getragene, kräftige Applaus nach getanem Werk sicherlich so manche leise Träne des Herzschmerzes im Publikum kaschierte.