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Feuerwehrmann Raimund Lindlahr geht in Rente: Löschen und Retten mit Leib und Seele

Feuerwehrmann Raimund Lindlahr geht in Rente : Löschen und Retten mit Leib und Seele

Nach rund 40 Jahren ist für Raimund Lindlahr Ende des Monats Schluss: Der Mendener geht als hauptberuflicher Feuerwehrmann in Pension. Der Löscheinheit Menden bleibt er aber erhalten.

Den Mendener Raimund Lindlahr kann man getrost zu jenen Berufsfeuerwehrleuten zählen, die einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren der Wehr leisten. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass der 60-Jährige als höchst umgänglicher und vernetzter Zeitgenosse gilt. Vor allem hat Lindlahr dazu auch noch viel Ahnung von der breitgefächerten Materie. Der Mann ist seit knapp 40 Jahren hauptberuflicher Feuerwehrmann. Aber Ende des Monats ist Schluss: Lindlahr geht als hauptberuflicher Feuerwehrmann in Pension. Was ihn geprägt und was sich verändert hat, darüber sprach er mit GA-Mitarbeiter Axel Vogel.

Herr Lindlahr, gefühlt sind Sie als Feuerwehrmann vielerorts im Kreis unterwegs, wo es brenzlig wird. So Anfang des Jahres bei einem Chemieunfall in Rheinbach.

Raimund Lindlahr (schmunzelt): Ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht. In Rheinbach war ich in meiner Funktion als Mitglied in der Gruppe Organistorischer Leiter des Rettungsdienstes. Die Gruppe wird immer bei größeren Einsätzen mit mindestens sechs Rettungsmitteln oder einem „Massenanfall an Verletzten“ alarmiert.

Ihre Heimatkommune als Feuerwehrmann bleibt aber Sankt Augustin?

Lindlahr: Genauer gesagt Menden, darauf lege ich Wert. Ich wohne hier nicht nur mit meiner Familie, sondern hier steht auch mein Elternhaus.

Gehörte auch die Mendener Feuerwehr von Anfang an zur Ihrer Sozialisation?

Lindlahr: Absolut. Mich hat das Metier schon als Junge fasziniert. Daher war es für mich auch klar, dass ich 1976, als die Jugendfeuerwehr in Menden gegründet wurde, zu den Gründungsmitgliedern zählte. Zusammen mit meinem leider inzwischen verstorbenen Freund Gilbert Fey, der später Löschzugführer in Menden wurde.

Trotzdem lernten Sie zunächst etwas anderes?

Lindlahr: Ich hatte 1976 eine Werkzeugmacher-Lehre bei den Mannstaedt-Werken in Troisdorf begonnen. Doch die Feuerwehr ging mir nicht aus dem Kopf. Ein Jahr später bin ich schon als Ehrenamtlicher in die aktive Wehr des Mendener Löschzuges eingetreten. Spätestens ab dem Zeitpunkt war für mich klar: Das Hobby mach ich zu meinem Beruf.

Können Sie sich noch an ihren ersten großen Einsatz in Menden erinnern?

Lindlahr: Na klar. Am 18. Juli 1978 brannte ein Fasslager mit Chemikalien bei den Siegwerken in Siegburg. Schon von Weitem war der riesige Rauchpilz zu sehen. Das war gerade für mich als junger Feuerwehrmann schon eine Riesenherausforderung.

Was war damals anders im Vergleich zu heute?

Lindlahr: Brände waren früher sozusagen das Kerngeschäft. Inzwischen gibt es nicht nur viel mehr Einsätze, sondern diese sind auch viel breiter gefächert: Wir haben rund 160 Einsätze in Menden pro Jahr. Vier mal so viele, wie noch zu Beginn meiner Laufbahn – von einer Person, die hinter einer verschlossenen Tür in Not geraten ist, bis zum Lastwagen­unfall.

1981 konnten Sie dann tatsächlich ihr Hobby zum Beruf machen.

Lindlar: Genau. Ich hatte 1980 noch ein Jahr als Geselle gearbeitet, als die Stadt Troisdorf 1981 eine Stelle für einen Feuerwehrmannanwärter ausschrieb. Ich bewarb mich – und wurde genommen.

Mussten Sie diese Entscheidung jemals bereuen?

Lindlahr: Nie, ich war immer mit Begeisterung dabei, als hauptamtlicher Feuerwehrmann wie als Ehrenamtler. Aber es gab Situationen, wo ich einen Durchhänger hatte.

Zum Beispiel?

Lindlahr: Vier Tage vor Weihnachten brannte 1990 eine Kellerwohnung in Troisdorf, und ich war der erste Feuerwehrmann, der vor Ort eintraf: Drei kleine Kinder, anderthalb, vier und sechs Jahre alt, waren tot. Ein paar Tage später starb auch ihr Vater. Meine Tochter Stephanie war damals vier Jahre alt. Da gehen einem furchtbare Bilder durch den Kopf. Keinen meiner Kameraden hat dieser Einsatz kalt gelassen.

Wie haben Sie das Erlebte verarbeitet?

Lindlahr: Eine gute Frage, denn so segensreiche Einrichtungen wie die Psychosozialen Unterstützungsteams (PSU) der Feuerwehren gab es damals noch nicht. So haben wir uns nach dem Einsatz zusammengesetzt und die ganze Nacht geredet.

Inzwischen hat auch die Feuerwehr im Rhein-Sieg-Kreis ein solches Psychosoziales Unterstützungsteam. Hilft das?

Lindlahr: Ungemein. 2004 war auf der A 59 nahe der Ausfahrt Spich ein Sattelschlepper auf das Stauende aufgefahren und hatte dabei ein Auto fast zerquetscht. Der Pkw fing Feuer, und wir mussten den schwerstverletzten Fahrer befreien. Leider ist er später im Krankenhaus gestorben. Auch diese Bilder führten einen an Grenzen. Doch dieses Mal bekamen die Einsatzkräfte fachliche Unterstützung von unserem PSU-Team: Das war notwendig und gut. Wenn ich heute an der Stelle auf der A 59 vorbeifahre, denke ich zwar immer noch an den Unfall, aber ich habe das Ganze verarbeitet.

Auf der Wache in Troisdorf war Ihnen die Stärkung des Rettungsdienstes ein Anliegen. Wie haben Sie hier die Entwicklung erlebt?

Lindlahr: Eigentlich als sehr positiv und erfüllend: Der Notruf 112 wird ja immer öfter gewählt und viele Menschen, denen wir geholfen haben, beziehungsweise deren Angehörige haben sich anschließend für unseren Einsatz bedankt. Getrübt wird das Ganze durch zunehmende Gewalt gegen Mitarbeiter des Rettungsdienstes, was wir auch in Troisdorf so erleben.

Was sind die Gründe dafür?

Lindlahr: Was man sagen kann: Oft sind Drogen wie Rauschgift und Alkohol im Spiel.

Freuen Sie sich auf den Ruhestand?

Lindlahr: Ich werde den Dienst vermissen, weil ich Feuerwehrmann mit Leib und Seele bin. Gott sei Dank bleibe ich ja Ehrenamtler in der Mendener Wehr. Ganz sicher freue ich mich darauf, mehr Zeit für meine Familie, mein Haus, den Garten und mein Motorrad zu haben. Das alles ist in den letzten Jahren oft zu kurz gekommen.