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Kreativität, Musik und Bewegung: Kinderheim „Korallenriff“ in Hangelar bietet Kindern ein Zuhause

Kreativität, Musik und Bewegung : Kinderheim „Korallenriff“ in Hangelar bietet Kindern ein Zuhause

Die Jugendgruppe Triangulum in Hangelar bietet Kindern feste Strukturen im Tagesablauf. Die Gruppe setzt drei Schwerpunkte: Kreativität, Musik und Bewegung. Das Kinderheim ist das erste, das seinen Geschäftssitz in Sankt Augustin hat.

Intaktes Familienleben, das bedeutet feste Strukturen im Tagesablauf, Pflichten für alle Familienmitglieder und Angebote entsprechend der Interessen. Was für viele Familien als selbstverständlich erscheint, funktioniert nicht immer. Für die neun Kinder in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Korallenriff“ gab es gravierende Defizite, die sie schließlich in das Haus am Niederberg in Hangelar gebracht haben.

Das Wohnhaus bietet alles, was zum Rahmen eines intakten Familienlebens gehört. Im Charme der sechziger Jahre gibt es vor allem viel Platz für die Bewohner mit eigenen Zimmern und großen Gemeinschaftsräumen auf 280 Quadratmetern und mit einem 1000 Quadratmeter großen Garten. „Selbst wenn alle Kinder und Jugendlichen im Haus sind, wird es nie eng“, sagt Claudia Altea, die Einrichtungsleitung des Hauses mit dem klangvollen Namen „Triangulum“. Den haben sich die drei Geschäftsführer Claudia Altea, Kevin Rahm und Nedim Saliji gegeben, um die Besonderheit des Hauses zu betonen. Abgesehen von der überschaubaren Größe der Gruppe, die an eine Großfamilie erinnert, setzt Triangulum drei Schwerpunkte: Kreativität, Musik und Bewegung.

Gewerkelt wird im Haus mit einem externen Handwerker in der großen Doppelgarage. Ein Berufsmusiker kommt regelmäßig, um mit den Kids im Kellerraum gemeinsam zu musizieren an Gitarren, Schlagzeug oder Piano. Die Sport-AG‘s werden von den sechs pädagogischen Mitarbeitern selbst angeboten. Diese drei freiwilligen Angebote würden von den Hausbewohnern sehr intensiv genutzt, bestätigen die Betreuer. „Die Kinder können sich austesten und bis jetzt gab es noch kein Kind, das sämtliche Angebote abgelehnt hat“, sagt Saliji.

Eröffnung war Mitte 2018

Im Juli 2018 öffnete das erste Kinderheim mit Geschäftssitz in Sankt Augustin. „Zwei Wochen später sind die ersten beiden Kinder eingezogen“, erinnert sich Altea an die kräftezehrenden Anfänge. Inzwischen ist das Haus, welches die Einrichtung von den Eigentümern gemietet hat, voll belegt. Zwei Mädchen und sieben Jungs zwischen sechs und 14 Jahren wohnen dort. „Die Jugendlichen können bei uns auch bleiben, bis sie erwachsen sind“, so die Leiterin.

Die Pädagogen sind jedoch der Meinung, dass das Gruppensetting ab einem gewissen Alter nicht mehr so gut passt. „Wir suchen dann gemeinsam mit den Jugendlichen nach Anschlussangeboten zur Verselbstständigung“, bei vielen entstehe der Wunsch, sich selbst zu versorgen, selbst zu kochen oder zu putzen. Erste Gehversuche könnten die Kinder gemeinsam mit der Hauswirtschaftsmeisterin Sabine Roßbiegalle machen. Die Kinder würden wann immer es geht an der Zubereitung des Essens beteiligt, am Wochenende werde gemeinsam gekocht und auch die Speisepläne für eine Woche würden gemeinsam mit den Kindern erstellt. „Das frische und leckere Essen wird sehr geschätzt und Hamburger oder Pizza stehen gar nicht mehr so oft auf dem Speiseplan“, sagt Rahm.

Nachbarskinder kommen zum Spielen

Trotz gewisser anfänglicher Bedenken sei auch das Zusammenleben mit der Nachbarschaft inzwischen durchweg positiv. „Vor Weihnachten fragten die Nachbarn sogar an, ob sie für die Kinder Geschenke kaufen dürften“, erinnert sich Altea. Seit dem Sommerfest, zu dem auch die Nachbarschaft eingeladen wurde, sei die anfängliche Skepsis verschwunden. Nachbarskinder kommen in die Einrichtung, um das Trampolin zu nutzen oder eine Runde Fußball zu spielen und auch Klassenkameraden können selbstverständlich eingeladen werden.

Kennengelernt haben sich die drei Geschäftsführer in einer großen Bonner Einrichtung. „Bei diesem großen Träger haben wir viel gesehen, Gruppen geleitet, konnten jedoch viele unserer Vorstellungen nicht so umsetzen, wie wir es wollten“, so Altea. Jetzt sei es möglich, viel schneller Entscheidungen zu finden in dem kleinen Team aus Mitarbeitern und Jugendlichen.

Die Gruppe ist eine so genannte Regelgruppe nach Paragraph 34 des Sozialgesetzbuches. Das bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen zwar keine intensive therapeutische Betreuung benötigen, jedoch begleitet werden im Alltag mit dem Ziel, entweder in die Familie zurückzukehren oder in die Selbstständigkeit entlassen zu werden. „Die Kinder bringen sehr unterschiedliche Geschichten mit und kommen entweder über das Jugendamt oder aber die Eltern sind überfordert und suchen Hilfe bei uns“, sagt Rahm. Auch akute Krisen der Eltern könnten ein Grund dafür sein, die Kinder im Korallenriff unterzubringen.

Inzwischen können die Pädagogen schon auf Erfolge verweisen bei notorischen Schulverweigerern oder Kindern, die viel zu früh in die Erwachsenenrolle gedrängt wurden. „Es ist unsere Mission, auch dann, wenn die Kinder 50 Mal nach etwas fragen, bei unserem Standpunkt zu bleiben“, sagt Saliji. In der Vergangenheit hätten die Kinder sehr genau gewusst, welche Knöpfe sie bei den Eltern drücken mussten, um ihren Willen zu bekommen. „Bei uns werden die Kinder nach einem Fehlverhalten nicht bestraft, sondern sie werden ernst genommen und müssen deshalb auch die logische Konsequenz aus ihrem Verhalten aushalten“, beschreibt Saliji den Umgang miteinander. Wichtig sei es, immer im Gespräch zu bleiben.

„Inzwischen sind wir sicher, dass wir hier das Richtige tun und bekommen viel positive Resonanz“, bilanziert Altea die zurückliegenden Monate in der Wohngruppe Triangulum.